Magazin > Heft 02-2008

ÜBERSICHT

REPORTAGE 1 – Der Duft des Orients
REPORTAGE 2 - Den Tod überlebt
INTERVIEW - Ernesto Cardenal: „Ich bin gegen Mission“
HINTERGRUND - Spiritualität: Aller Wandel beginnt im Herzen
NACHRICHTEN
MENSCHEN

         

REPORTAGE 1 – 02-2008:

Unter bunten Schirmen, die das Firmament symbolisieren, folgen die Priester der von einem kostbaren Tuch verhüllten Heiligen Schrift.

Der Duft des Orients

In Äthiopien ticken die Uhren anders. Die Menschen zählen die Zeit ab sechs Uhr morgens, das neue Jahrtausend hat für sie gerade begonnen. Die Katholiken im Norden des Landes feiern nach uraltem alexandrinischen Ritus und sind doch als Kirche ganz schön modern.

Text: Beatrix Gramlich

Fotos: Fritz Stark

   

Fremdartige Klänge erfüllen das Halbdunkel. In Wellenbewegungen schwillt der Gesang an, ebbt ab, wie um Luft zu holen, um im nächsten Moment mit neuer Kraft zurückzukehren. Immer wieder variieren die Männer die seltsam hohe Melodie mit wenigen dicht beieinanderliegenden Tönen. Manchmal vereinen sich ihre Stimmen zu einem klagenden Vibrato, dann klingen sie wie eine Leier, die ihre melancholische Weise unerschütterlich wiederholt. Zwei Trommler geben mit der Kebera den Takt. Die Instrumente mit dem feuerrot gefärbten Fellbilden den einzigen Farbtupfer inmitten der Männer. Viele haben sich, wie es in der äthiopisch-orthodoxen Kirche Brauch ist, in weiße Tücher gehüllt. Nur Bischof Tesfay Medhin und einige Priester tragen Schwarz. Zwei helle Schläge, ein dumpfer, zwei helle, ein dumpfer. Bis ins Unendliche scheint sich der Rhythmus fortzusetzen, als wolle er die Gesänge in die hinterste Ecke der Kathedrale tragen — und irgendwann durch die dicken Kirchenmauern hindurch himmelwärts.

Die Liturgie prägen Wechselgesänge zwischen Gemeinde und Diakon. Der lateinische Ritus ist nur stellenweise zu erkennen.

Wer die Zeremonie nicht kennt, fühlt sich in die Vergangenheit versetzt. In Äthiopien ticken die Uhren anders. Nicht nur, dass der Tag morgens um sechs mit ein Uhr beginnt und zwölf Stunden später von vorne gezählt wird. Auch die Zeitrechnung hinkt unserer hinterher. Die Menschen orientieren sich am julianischen Kalender und haben das neue Jahrtausend erst am 11. September 2007 begrüßt. ...

 

 

REPORTAGE 2 – 02-2008:

Den Tod überlebt

In Nepals größtem und einzigem Altenheim seiner Art sind 230 Frauen und Männer meistens sich selbst überlassen. Land und Leute sind auf das Altern des Volkes nicht vorbereitet gewesen.

 

Text: Akash/Hildegard Mathies

Fotos: Akash

 

Uringeruch. Überall. Der Blick wird zu Boden gezogen.Eine alte Frau mit kurzgeschorenem weißen Haar liegt zusammengekrümmt wie ein Embryo auf den harten Steinen. Neben ihr ein Rollstuhl. Ist sie hinausgestürzt? Lebt sie noch? Der Drang,ihren Puls zu fühlen, ist stark. Was den Besucher abhält, ist ihr ruhiger Atem, den er nun beim Näherkommen wahrnimmt. Sie schläft.Wie so viele der Alten zieht Maiya Tamank esvor, hier draußen zu liegen, unter freiem Himmel. Lieber auf dem kalten Boden ruhen als in dem dunklen, überfüllten Zimmer, wo sie nie allein ist und wo das Tageslicht kaum hinkommt. Schlaf ist das beste Mittel, um die Zeit bis zum Sterben herumzubringen. Die Menschen, die hier im Altenheim Pashupati Bridhashram nahe einer Tempelanlage in der Hauptstadt Kathmandu leben, haben den Tod längst überlebt — statistisch betrachtet. Mit 60 hätten sie sterben sollen.

Der Hund weiß, dass er Maiyas Essen bekommt, wenn sie es nicht mag, wie so oft. Dann hungert sie.

Dass immer mehr Nepalesen immer älter werden, bereitet den Familien und dem Staat große Probleme: Nepal ist eines der ärmsten Länder der Erde, in vielen Familien fehlt das Geld, um die alten Eltern zu versorgen. Andere schieben die Alten ab, weil hartherzige Schwiegertöchter es so wollen. Oder weil sie sich der altersverwirrten oder behinderten Senioren schämen.Sie empfinden sie als „Schande“ gegenüber der Dorfgemeinschaft. Doch der Staat kann kaum einspringen — nicht nur, weil es kaum Altenheime gibt im Himalayaland, sondern auch, weil das Gesundheitssystem nur schwach entwickelt ist. Allerdings ist auch Korruption ein Grund für die schlechte Lage. Auf 25000 Einwohner kommt ein Arzt…

 

 

INTERVIEW 02-2008

„Ich bin gegen Mission“

Interview mit Ernesto Cardenal

Foto: Barbara Beyer/epd-Bild

Für die einen ist Ernesto Cardenal der Held eines radikal gelebten Christentums. Für die anderen ist er ein gefährlicher Marxist. Im kontinente-Interview zeigt sich der 82-Jährige als ungebeugter Befreiungstheologe, der gegen Mission und für die Vielfalt der Religionen ist.

Von Altersmilde keine Spur: Ernesto Cardenal hält so unverrückbar an seinen Überzeugungen fest wie eh und je. Stark ist sein Selbstbewusstsein. Aussöhnung mit dem Vatikan? Hat er nicht nötig, findet der 82-Jährige. Es ist zwar stiller geworden um den Priesterdichter und Befreiungstheologen aus Nicaragua, doch immer noch meldet sich Cardenal kräftig zu Wort, wenn es um Gegenwart und Zukunft Lateinamerikas geht. Auch seine Kritik am reichen Norden, vor allem an den USA, ist immer noch scharf. Die Vereinigten Staaten nennt er eine „Weltdiktatur“, die sich zu einem „faschistischen Regime“ entwickelt habe. Den großen US-Medienkonzernen unterstellte Cardenal vor einiger Zeit Nachrichtenmanipulation, die für „die Teilung und Desinformation Lateinamerikas verantwortlich“ sei. Seit in Bolivien und Venezuela die Präsidenten Evo Morales und Hugo Chavez regieren, schöpft Cardenal wieder Hoffnung für seinen Kontinent.

Einige südamerikanische Länder wie Venezuela und Bolivien haben einen Linksruck vollzogen. Wie beurteilen Sie das? Hoffen Sie, dass die Kirche im Wandel eine wichtige Rolle spielen kann?

Ich bin begeistert von dem Linksrutsch in Lateinamerika. In Venezuela ist eine neue Revolution im Gange, und Präsident Hugo Chavez ist von Simon Bolivar inspiriert, von dessen Traum von einem vereinigten Lateinamerika, das sich gegen den des Nordens wehren kann. Mit diesem Traum kann ich mich gut identifizieren. Und in Bolivien ist es Fakt, dass ein bitterarmer Indio, der als Kind nicht einmal Spanisch konnte, heute Präsident ist. Das ist an sich schon eine gewaltige Revolution, ganz unabhängig davon, wie er das Land regiert. Aber mir scheint, er macht es gut. Ich hoffe, dass die Christen diese Bewegungen zum Wohl der Armen unterstützen. Auch wenn die Hierarchien das nicht zu tun scheinen, ja, sich diesen Veränderungen entgegensetzen — zum Wohle der Reichen. Doch das muss uns nicht befremden. Die Bischöfe und Kardinäle sind vom Papst ernannt und die jüngsten beiden Pontifikate standen gegen jeden sozialen und politischen Fortschritt.

Was ist denn die größte Herausforderung für die Kirche von Lateinamerika?

Der absolut größte Skandal unserer Zeit ist die immer weiter wachsende Kluft zwischen Reich und Arm. Auf der einen Seite steht exzessiver Reichtum, auf der anderen ein immer extremer werdendes Elend. Armut wäre ganz schnell kein Thema mehr, wenn sich alle Religionen dieser Erde darin einig wären, sie zu beenden. Die ökonomische Ungleichheit muss zusammen mit der Vernichtung unseres Planeten bekämpft werden, deren Ursache ja in dem derzeit herrschenden ökonomischen System liegt. Der italienische Naturwissenschaftler Enzo Tiezzi sagt: Die Bewahrung des Ökosystems geht nicht ohne soziale Gerechtigkeit.

Die Kirche plant eine Kontinentalmission für Lateinamerika. Ihre Meinung dazu?

Ich bin gegen jeden religiös-missionarischen Plan. Denn ich bin ein Anhänger eines religiösen Pluralismus, nach dem unsere Zeit dringend verlangt und in dem keine Religion danach trachtet, über anderen zu stehen oder anderen Völkern ihre Religionen zu nehmen. Denn alle Religionen tragen eine Wahrheit in sich, wenn auch in unterschiedlichem Maß, und die eine mehr als die andere. In diesem Sinn sind alle Religionen Wege zu Gott.

Papst Johannes Paul II. hat Lateinamerika „Kontinent der Hoffnung“ genannt. Warum ist diese Meinung richtig — oder falsch?

Auch für mich ist dies der Kontinent der Hoffnung. Doch möglicherweise in einem anderen Sinn als für Johannes Paul II. Ich meine die Hoffnung auf Befreiung und auf ein neues System sozialer Gerechtigkeit, auf einen religiösen Pluralismus, nicht aber, anderen Religionen den Katholizismus aufzwingen.

Glauben Sie noch an ein künftiges Jahrhundert eines marxistischen Christentums?

Ich habe niemals von einem marxistischen Christentum gesprochen, das es in Zukunft geben könnte. Ich habe nur gesagt, dass es nicht unmöglich ist, Vergleiche zwischen dem Christentum und dem Marxismus anzustellen, was ja auch für das Christentum und die Demokratie gilt, auch wenn das nicht dasselbe ist.. Außerdem habe ich gesagt, dass die Kirche der Zukunft eine Kirche der Revolutionäre sein muss. Da könnte einer herauslesen, dass alle Christen Marxisten werden, sobald sie eine klassenlose Gesellschaft fordern ohne Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Von dieser perfekten Gesellschaft der Zukunft träumte eben auch ein Deutscher namens Karl Marx.

Wie steht es denn um die Befreiungstheologie? Ist sie noch lebendig und kraftvoll?

Papst Johannes Paul II. hat einmal gesagt, die Theologie der Befreiung sei keine Gefahr mehr, weil der Kommunismus tot sei. Aber Bischof Pedro Casaldáliga aus Brasilien antwortete darauf, dass die Theologie der Befreiung weiterlebe, solange es Arme gebe. Zweifellos ist es wahr, dass in jüngster Zeit diese Theologie geschwächt wurde, weil die oberste Hierarchie sie nicht wollte und besonders, weil die letzten beiden Päpste etwas dagegen hatten.

Sie haben einmal von der Revolution gesprochen, die von Gott kommen muss. Kam von ihm nicht schon die größte Revolution überhaupt mit Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi? Und ist sie nicht gescheitert, weil der Mensch sie nicht begriffen hat? Was kann da noch kommen?

Es gibt moderne Theologen, die meinen, dass Christus mit seiner Rede vom Reich Gottes viel eher das ausdrücken wollte, was unser Wort „Revolution“ meint. Etwas, das ebenso subversiv ist und ihn das Leben gekostet hat. Reich Gottes und Revolution meinen ein anderes Regierungssystem oder eine andere Leitung der Welt, unterschieden von allen, die wir bisher hatten. Oder es meint die Ankunft einer besseren Welt oder dass eine andere möglich sei. Und diese bessere Welt ist mit Christus angebrochen, mit seinem Tod und seiner Auferstehung, mit seinem Scheitern und seinem Triumph.

Sie haben 1966 auf der Insel Solentiname eine radikal-christliche Genossenschaft gegründet. Glaube, Arbeit, Politik und Kunst sollten dort eins sein. Es war ein großes Experiment, das letztlich gescheitert ist — oder denken Sie anders?

Solentiname war kein großes Experiment. Es war klein, eher bescheiden. Es hat unverdient diese Aufmerksamkeit erlangt und wurde mystifiziert. Es ist auch nicht gescheitert. Ich habe diese kleine Gemeinschaft auf einer Insel im See von Nicaragua gegründet ohne die Absicht, irgendwas zu erreichen, außer dass wir ein kontemplatives Leben in aller Einfachheit führen. In den Jahren, die wir dort lebten, haben wir im Sozialen und Kulturellen manches wie durch ein Wunder erreicht, ohne es uns direkt vorgenommen zu haben. Als aber in Nicaragua die Revolution siegte, haben wir die Einsamkeit verlassen, um uns anderen, wichtigeren Aufgaben zuzuwenden. Ich glaube nicht, dass man sagen kann, die Gemeinschaft von Solentiname sei gescheitert.

Viele europäische Christen glauben, dass die Lösung für die Probleme der Kirche im Westen in den kleinen christlichen Gemeinschaften und spirituellen Bewegungen liegt, wie etwa der Charismatischen Erneuerungsbewegung. Sind diese Gemeinschaften eine Folge oder ein Erfolg der Basisgemeinden Ihres Kontinents?

In unseren Ländern sind viele charismatische Gemeinschaftes entstanden, die sich aber nicht für soziale und politische Probleme interessieren. Das unterscheidet sie total von den Basisgemeinschaften, von denen es in unseren Ländern unzählige gibt und die sich für eine bessere Welt engagieren.

Braucht die Menschheit eine globale spirituelle Revolution, um zu überleben?

Wenn sie zugleich global spirituell und materiell ist, ja! Nicht nur eine der beiden ohne die andere, sondern beide zugleich

Sie sind Priester, Poet und Politiker. Können Gebet und Poesie die Welt zum Besseren verändern — wo die Politik scheitert oder Politik und Macht die Menschen korrumpiert? Und sind Sie enttäuscht von der Politik?

Ich bin überzeugt, dass das Gebet die Welt verändert. Und ich bete. Die Poesie setze ich nicht auf die gleiche Ebene, obwohl ich meine, dass sie sehr oft zum Besseren verhilft.

Und ich glaube nicht, dass die ganze Politik korrupt ist. Eine Politik, die die Partei der Armen ergreift, ist nicht korrupt, und die wird die „Linke“ genannt. Für die stehe ich, wenn sie wirklich links ist.

Wollen Sie und hoffen Sie auf eine Versöhnung mit dem Papst und Rehabilitation durch Benedikt XVI. — um Ihretwillen oder um der Kirche willen?

Ich bin katholischer Priester und ich stehe in der Kirche. Mit einer kanonischen Sanktion zwar, aber mit der kann ich gut leben, weil sie mich nicht behindert.

Was würden Sie heute dem jungen Ernesto und angehenden Trappistenmönch sagen am Vorabend vor seinem Schritt über die Schwelle des Klosters Gethsemani? Und was hoffen Sie zu sagen, wenn Sie die Grenze zwischen Leben und Tod überschreiten?

Dein Wille geschehe.

Interview: Hildegard Mathies  

 

Zur Person
Priester, Poet, Politiker

Ernesto Cardenal, 82, ist einer der umstrittensten Theologen der Gegenwart. Der Befreiungstheologe gründete 1966 die Basisgemeinde Solentiname. Bauern und Künstler lebten dort nach den Idealen des Urchristentums. Cardenal selbst ist auch Dichter und Bildhauer. Als bekennender Linker unterstützte er in den 1970er-Jahren die Sandinisten im Kampf gegen die Diktatur in Nicaragua und wurde 1979 unter dem sandinistischen Präsidenten Daniel Ortega Kulturminister. Wegen seines politischen Engagements wurde Cardenal 1985 vom Vatikan suspendiert. Er darf sein Priesteramt nicht ausüben, etwa keine Messe feiern. Ernesto Cardenal lebt heute als Schriftsteller in Honduras.

 

 

HINTERGRUND 02-2008

Spiritualität: Aller Wandel beginnt im Herzen

Immer lauter wird der Ruf nach einem spirituellen Aufbruch der Menschheit, um die Probleme des Globus zu lösen. Alle Ideologien und gesellschaftlichen Konzepte haben versagt. Doch wie kann es gelingen, den nötigen „Klimawandel“ herbeizuführen? Dieser Frage geht Spiritualitäts-Experte Christoph Quarch für kontinente nach.

Heute sind wieder 20 000 Kinder verhungert. Heute müssen wieder 2,8 Milliarden Menschen mit weniger als zwei Dollar auskommen. Heute sind wieder 200 Tier- oder Pflanzenarten ausgestorben. Und heute vereinen wieder die vier reichsten Menschen der Welt mehr Wohlstand auf sich als die eine Milliarde der Ärmsten. So kann es nicht weitergehen.

Dabei ist so viel Gutes unternommen worden. Hunderte von Hilfswerken stehen bedürftigen Menschen überall auf der Welt bei. Staatliche Entwicklungshilfe-Programme investieren viel Geld, um in entwicklungsschwachen Weltgegenden Aufbauhilfe zu leisten und die Not zu lindern. Es mangelt nicht an internationalen Organisationen, internationalen Kongressen, Konsultationen, Programmen, Kampagnen. Nein, es ist nicht so, dass nichts getan würde. Und dennoch — wenn wir ehrlich sind, müssen wir nüchtern feststellen: Es hat nicht viel geholfen. Die Not der Menschen ist nicht kleiner geworden, die Güterverteilung nicht gerechter, der Ressourcenverbrauch nicht maßvoller. Und nun droht auch noch der Klimawandel, der alle ohnehin schon bestehenden Menschheitsprobleme vervielfachen wird und deswegen zu einer Art Symbol der globalen Krise der Gegenwart geworden ist.

Angesichts dieser Tatsache ist es nicht überraschend, dass immer mehr Menschen darauf verfallen, die Probleme des Globus auf einer anderen Ebene lösen zu wollen: Der Ruf wird lauter nach einem spirituellen Klimawandel, der erforderlich sei, um den Herausforderungen des meteorologischen Klimawandels begegnen zu können.

Spiritualität also als neues Allheilmittel für die gravierenden Menschheitsprobleme? Meditieren statt machen? Andachten statt anpacken? Vielen politisch Engagierten und Aktivisten in Hilfswerken, Umweltorganisationen und sozialen Projekten erscheint die Idee eines spirituellen Angehens der dringenden Aufgaben naiv, abgehoben oder gar zynisch. Zu groß sei die Not der Menschen, als dass man Zeit für spirituelle Dinge aufwenden könne. Nicht ora — Gebet —, sondern labora — Arbeit — sei das Gebot der Stunde, um die Welt zum Guten zu verändern. Entsprechend groß ist ihr Widerstand gegen die spirituellen Vordenker, die sich weltweit anschicken, eine fruchtbare Alternative auf dem Weg zu einer besseren Welt anzubieten.

Tatsächlich lässt sich nicht von der Hand weisen, dass es gute Argumente für den Ansatz der Protagonisten des spirituellen Klimawandels gibt. „Alle großen Erzieher der Menschheit haben versagt, die Moral hat versagt, die großen Ideologien haben versagt — die Menschen sind nicht besser geworden“, stellt etwa der Benediktinerpater und Zen-Meister Willigis Jäger in seinen viel gelesenen Büchern und gut besuchten Vorträgen fest. Es müssten andere Wege beschritten werden, sagt er — Wege der mystischen Spiritualität, die Menschen zu einem wirklichen Umdenken bewegen könnten...

 

 

Nachrichten 02-2008:

SÜDAFRIKA

Primitive Ausrede

Mit der Überwindung der Apartheid in Südafrika verloren die Weißen ihre Privilegien. Viele wandern aus, immer mehr verarmen. Es geht die Rede von einer „neuen Apartheid“. Nur anders herum.

Armutsberichten zufolge lebt inzwischen einer von zehn weißen Südafrikanern unter der Armutsgrenze. Kein Wunder, dass der Ausdruck „White Trash“ — weißer Müll, sich mehr und mehr im Sprachgebrauch der Regenbogennation einbürgert. Denn es hat sich eine neue Unterschicht herausgebildet, in der jetzt auch arme Weiße vorkommen. „Ihrer früheren Privilegien beraubt, suchen Südafrikas arme Weiße jetzt Wege, um zu überleben. Sie leben mittlerweile in einer Wirklichkeit, vor der sie Jahrzehnte geschützt wurden,“ schreibt die Journalistin Nadine Hutton in der Zeitung „Mail & Guardian“.

Wer unter der Apartheid arm und weiß war, der konnte sich darauf verlassen, dass ihm geholfen wurde. Reiche Afrikaner verschafften ihnen Jobs und sorgten dafür, dass sie im Auswahlverfahren gegenüber Schwarzen und Farbigen konsequent bevorzugt wurden. Sozialarbeiter kümmerten sich um ihr Schicksal, denn es war staatlich gewollt, dass sie den Aufstieg in die Mittelklasse schafften. Heute stellen Arbeitgeber bevorzugt Schwarze und Farbige ein, um die von der Regierung gewollten Gleichstellungsquoten zu erfüllen. Es ist wie ein Rollentausch, manche nennen es auch „neue Apartheid“ — nur andersherum. Viele Weiße hausen inzwischen in „informal settlements“. Das sind schmale Hütten, die sie illegal entlang der Ausfallstraßen errichtet haben. Während die Armen im Land bleiben, wandern vor allem junge, gut ausgebildete Weiße aus. Weil sie nach den herrschenden Gesetzen kaum noch Chancen auf attraktive Arbeitsplätze oder die Nase voll haben von der massiven Kriminalität in Johannesburg.

Die wiederum hängt mit der Masse Schwarzer zusammen, die immer noch die Mehrzahl armer Südafrikaner bilden. Sie leben in unübersichtlichen Townships vor den Toren der Innenstädte von Kapstadt oder Johannesburg und verfügen weder über fließend Wasser noch Strom, sind krank und ohne Hoffnung. Fast eine Million Weiße haben Südafrika seit dem Ende der Apartheid verlassen. Aber es gibt weder neue Apartheidsgesetze noch Homelands, in die nur Weiße verbannt wären. Es gibt auch keine Passgesetze, die ihre Bewegungsfreiheit einschränken würden. „Nach meiner Einschätzung sind es eher die Folgen der alten Apartheid, die weiterhin und unbezweifelbar deutliches Unbehagen verursachen“, sagt Michael Wüstenberg, Priester aus Paderborn, der kürzlich zum Bischof der Diözese Aliwal in Südafrika ernannt wurde. „Diese Probleme müssen überwunden werden, um die primitive Ausrede von einer neuen Apartheid zu entlarven.“  (vb)
 

STANDPUNKT

Stefan Hippler, 47
Pfarrer der deutschsprachigen kath. Gemeinde in Kapstadt.

Ja, einige neue Gesetze bedeuten tatsächlich, dass die Karrieremöglichkeiten nicht vom Können der Menschen und ihrer Begabung, sondern von ihrer Hautfarbe bestimmt werden. Mit der Konsequenz, dass viele Nicht-Schwarze keine Chance haben, in ihrem Beruf weiterzukommen und viele Schwarze in Positionen sitzen, die sie total überfordern. Ja, es gibt auch Entlassungen von weißen Arbeitnehmern, die durch „locals“ ersetzt werden. Es gibt Aufstiegsangebote, wo „weißen“ Bewerbern klar gesagt wird, dass sie die falsche Hautfarbe haben. Ist das „neue Apartheid“, bloß andersherum? Nein. Es ist der manchmal unfaire, fehlerhafte und qualvolle Prozess, in dem die verschiedenen Bevölkerungsteile in einer zu erlernenden Demokratie ihren gemeinsamen Weg finden müssen. Und solange es dem neuen Südafrika nicht gelingt, mit dem eingeschlagenen, Wohlstand verschaffenden Weg mehr als nur eine dünne Schicht Glücklicher zu beteiligen, wird der politische Druck andauern, apartheidmäßig vorzugehen, um der immer noch in Armut lebenden schwarzen Bevölkerung zu zeigen, dass alles getan wird, um ihnen zu helfen.
 

KINDERPROSTITUTION

Eine Nacht für sieben Euro zwanzig

Vor kurzem waren Rashida, 14, und ihre Schwester Nadya, 13, noch gute Schülerinnen mit Kopftuch in Bagdad. Jetzt posieren sie in hautengen Abendkleidern mit ausgestopften Dekolletees vor geilen Saudis und Kuweitis in einem Nachtclub in Damaskus. 7,20 Euro kostet eine Nacht mit minderjährigen Flüchtlingsmädchen aus dem Irak. Oft sind sie die Alleinernährer ihrer Familien, die in Syrien eine Aufenthalts-, aber keine Arbeitserlaubnis bekommen. Und weil viele Familien ihre männlichen Oberhäupter verloren haben, zwingen Mütter ihre Töchter, „anschaffen“ zu gehen, häufig werden sie dabei brutal misshandelt. „Diese Mädchen haben niemanden, an den sie sich wenden können“, sagt der Frauenrechtler Yahia Al-Anous. Kaum auszudenken, „was solch ein Lebenswandel in einer Kultur, in der schon bei Verdacht auf unsittliches Treiben für die Ehre gemordet wird, für die Seelen der Mädchen bedeutet“. Damaskus hat 1,4 Millionen irakische Flüchtlinge aufgenommen. Prostitution ist in Syrien illegal, doch der Staat schaut weg und kassiert dafür kräftig ab.   (vb)

 

HIV-AIDS

Puppenschule

Soll Caroll ihrem Freund sagen, dass sie Aids hat? Neugierig blickt die schlaksige Handpuppe die Kinder und Jugendlichen an. Sie sind Zuschauer einer Aufklärungsinitiative von 20 brasilianischen Jugendlichen. Mit Figuren, ähnlich den Puppen der Sesamstraße, ziehen sie in Sao Paulo durch Schulen, Sozialzentren und Gemeinden, um über Sexualität und HIV aufzuklären. Wie kann ich Aids bekommen, wie schütze ich mich davor, wie benutze ich ein Kondom, wie sage ich, dass ich positiv getestet wurde? Auf solche Fragen geben die jungen Freiwilligen, die zum Teil selber von der tödlichen Immunschwäche betroffen sind, spielerisch Antworten. Sie wollen Gleichaltrige zum Nachdenken und zur Auseinandersetzung anregen. Denn ein Drittel der geschätzten 1,6 Millionen Infizierten in Lateinamerika lebt in Brasilien. Der Staat sei sehr aufgeschlossen, was Aids angehe, sagen Experten, die Gesellschaft habe aber viele Vorurteile. Es fehle an Informationen über die Krankheit und der Umgang mit Verhütung sei nachlässig. Deshalb legen die Puppenspieler auch Wert darauf, dass ihre kleinen Zuschauer mitmachen, wenn etwa der Gebrauch des Frauenkondoms geübt wird.   (kna/vb)

 

KOMPAKT

Spielend gesättigt

Das Internet-Vokabelspiel www.freerice.com aus den USA hat in nur einem Monat eine Milliarde Reiskörner gegen den weltweiten Hunger eingebracht. Damit könne man 50000 Menschen für einen Tag satt machen, teilten die Vereinten Nationen in New York mit.

Keine Handvoll Reis

Die halbe Welt ernährt sich von Reis — noch. Schlechte Ernten und das Wachstum der Weltbevölkerung lassen das Grundnahrungsmittel vieler armer Länder jedoch immer knapper werden. Derzeit fehlen weltweit rund sechs Millionen Tonnen Reis.

„Der Krieg nach dem Krieg

Trotz internationaler Hilfe beim Minenräumen treten in Angola fünf Jahre nach Kriegsende noch jede Woche bis zu 200 Menschen auf eine Landmine und werden dadurch verkrüppelt. Bis zu 20 Millionen Sprengsätze sollen in dem Land vergraben worden sein.

 

Aufstand der Bauern

Die Wut, aber auch das Selbstbewusstsein von Chinas Landwirten wächst. 90000 Mal protestierten sie im Jahr 2005 öffentlich: gegen die Verscherbelung ihres Landes durch lokale Kader, gegen Umweltverschmutzung, Korruption und Willkür. Die Zahl der Bauernproteste hat sich in einem Jahrzehnt verzehnfacht.

KINDERSOLDATEN

Nicht willkommen

Eigentlich müsste man sie in der Bundesrepublik mit weit ausgebreiteten Armen empfangen: Kinder, die irgendwo auf der Welt in eine Armee gezwungen und zum Töten angehalten wurden. Selten gelingt ihnen die Flucht, noch seltener in ein sicheres Umfeld wie die Bundesrepublik Deutschland. Doch deren Justiz tut sich schwer, ehemaligen Kindersoldaten Asyl zu gewähren. Obwohl sie nach dem internationalen Völkerrecht eindeutig Opfer schwerster Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen sind. Als „unmenschlich und völkerrechtswidrig“ kritisieren Vertreter der Kindernothilfe und von „Terre des hommes“ diesen Missstand und fordern, dass er dringend behoben werden müsse. Kinderspezifische Fluchtgründe wie Zwangsrekrutierung, Missbrauch oder die Ermordung der Eltern würden bei der asylrechtlichen Prüfung in Deutschland nicht berücksichtigt. Die Angst vor der möglichen Abschiebung aus der Bundesrepublik traumatisiere die Kinder zusätzlich. Derzeit werden rund 300000 Kinder weltweit als Soldaten missbraucht, die meisten davon in Afrika.   (vb)

 

LEBENSART

Abenteuer Konsumverzicht

„Wehe, die Shopocalypse wird bald über euch kommen!“, predigt Reverend Billy landauf, landab. „Hört auf zu konsumieren! Findet einen anderen Weg, um eure Liebe füreinander zu zeigen.“ Mit Warnungen wie diesen tingelt der Gründer der Stop-Shopping-Kirche mit seinem gleichnamigen Gospelchor durch Amerika in der Hoffnung, seine Landsleute zur Kauf-Askese zu bekehren. Konsumverzicht ist schwer in Mode im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Es verkaufen sich sogar Bücher, in denen Menschen, die sich der „extremen Prüfung des Nichtkonsumierens“ freiwillig ausgesetzt haben, schildern, wie sich das anfühlt. Judith Levine stellt in ihrem Buch „No Shopping! Ein Selbstversuch!“ die Frage, „ob ein Mensch abseits der Welt käuflich erworbener Dinge und Erlebnisse ein ganz normales ...Leben, ja ein Ich haben kann.“ Demgegenüber richten hierzulande kirchliche und andere Wohlfahrtsorganisationen mehr und mehr „Sozialkaufhäuser“ für ein „erschwingliches Einkaufen“ ein. Sie sollen jenen unfreiwilligen Helden, die den Konsumverzicht nicht als befristetes Experiment, sondern als Folge von Arbeitslosigkeit oder Verarmung zu erdulden haben, eine Chance geben, am gesellschaftlichen Konsum teilzuhaben. Denn das Gefühl dazuzugehören, gibt ihnen Würde. .  (vb)

 

KOCHTECHNOLOGIE

Sparsam kochen

Drei Steine, darunter ein Holzfeuer, darüber ein Topf. So sehen bis heute die meisten Herde in Uganda aus. Was nicht weiter schlimm wäre, wenn die Brennstoffkrise in dem ostafrikanischen Land nicht langsam dramatische Ausmaße annähme. 98 Prozent der Ugander kochen ihr Essen mit Holz. Sie verbrauchen dafür etwa 700 Kilogramm pro Kopf im Jahr. Doch die Wälder von einst sind geschrumpft, das Holz wird immer knapper. Heute muss eine Frau für ein paar Äste Feuerholz viele Kilometer zu Fuß laufen. Alternative Brennstoffe wie Gas, Öl oder Petroleum sind jedoch für die meisten Menschen unerschwinglich.

Die Einführung eines neuartigen Sparherdes soll Abhilfe schaffen. Die Herdkonstruktion aus Erde, Gras und Wasser spart nicht nur 60 Prozent Feuerholz ein. Das Herzstück ist eine rund 30 Zentimeter hohe Brennkammer, in der die aus dem Holz aufsteigenden Gase vollständig verbrennen können. Es entwickelt sich also nahezu kein Rauch mehr. Ein wichtiger Effekt angesichts der Tatsache, dass in Uganda jedes Jahr geschätzte 17500 Menschen am giftigen Rauch sterben. 210000 Sparherde sind in dem Land bereits in Betrieb.   (vb)

 

 

 

MENSCHEN 02-2008

NAZANIN AFSHIN-JAM

Schönheitskönigin mit Mission

Sie nutzt ihr Aussehen und ihre Musik, um gegen eines der schlimmsten Übel der Menschheit zu kämpfen: die Todesstrafe für Kinder und Jugendliche. In ihrer Heimat Iran sitzen derzeit 80 Jugendliche in der Todeszelle, berichtet Nazanin Afshin-Jam, die nicht nur Sängerin und ehemalige Miss Kanada ist, sondern Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen studiert hat. Obwohl das Völkerrecht es verbietet, Minderjährige zum Tode zu veruteilen, und Iran diese Verträge auch unterzeichnet hat, beruft sich der Staat auf islamisches Recht. Danach gelten Mädchen mit neun und Jungen mit 15 als volljährig. Die Christin Afshin-Jam hat eine Unterschriften-Kampagne ins Leben gerufen, dank derer sie schon mehr als ein Leben retten konnte. „Jede Stimme zählt“, sagt die attraktive Menschenrechtsaktivistin.    (vb)

Mehr Infos (in Englisch): www.stopchildexecutions.com

 

MUBARAK MUHAMMAD ABDULLAHI

Begnadeter Autodidakt

Die Idee hat er aus Action-Filmen, die Anleitung zum Fliegen aus dem Internet. Was man aus Teilen alter Autos und Motorräder so alles basteln kann, hat der Physik-Student Mubarak Muhammad Abdullahi aus dem Norden Nigerias eindrucksvoll bewiesen. Zu Hause im Garten baute der kreative 24-Jährige binnen weniger Monate einen Hubschrauber, der schon mehrmals kurz bis auf eine Höhe von zwei Metern geflogen ist. Angetrieben wird das viersitzige gelbe Modell von einem alten Pkw-Motor aus einem Honda Civic, andere Teile stammen von einer Boeing 747. Das Verkehrsflugzeug war vor einigen Jahren in der Nähe von Mubaraks Heimatstadt Kano abgestürzt. Hauptsächlich besteht der Minihelikopter aber aus Aluminium, das Mubarak von dem Geld gekauft hat, das er sich mit Computer- und Telefonreparaturen zusammengespart hat.     (vb)

 

TENG BIAO

Menschenrechte ansprechen

Er fordert die internationalen Sportler auf, im Sommer in Peking den Mund aufzumachen. „Sie dürfen nicht einfach ihre Wettkämpfe bestreiten und dann wieder abreisen“, sagt der 34-jährige chinesische Rechtsanwalt Teng Biao im Blick auf die Olympischen Spiele, sondern mutig die Menschenrechtsverletzungen in China ansprechen. „Die Sportler sollten den Medien, der Welt sagen, was hier passiert. Sie müssen beim Internationalen Olympischen Komitee darauf dringen, die Menschenrechte auf die Agenda zu setzen.“ Biao engagiert sich in seiner Heimat gegen die Todesstrafe und für inhaftierte Kollegen. Als Strafverteidiger vertrat er auch chinesische Christen und Anhänger der Sekte Falun-Gong.     (vb)