Magazin > Heft 01-2008

ÜBERSICHT

REPORTAGE 1 – An der Seite der Aussätzigen
REPORTAGE 2 - Vor der Flut
PORTRÄT - Apostel und Manager
HINTERGRUND - Wenn der Apfel weit vom Stamm fällt
NACHRICHTEN
MENSCHEN

         

REPORTAGE 1 – 01-2008:

An der Seite der Aussätzigen

Sie werden isoliert und ausgegrenzt wie zu biblischen Zeiten: Menschen mit Lepra. In Myanmar, dem früheren Burma, haben sich katholische Ordensfrauen an ihre Seite gesellt. Die Spitzel des diktatorischen Regimes beobachten sie auf Schritt und Tritt, denn die Vertreter des Christentums gelten in dem mehrheitlich buddhistischen Land als verdächtige Speerspitze westlicher Ideen und Traditionen. Trotzdem lassen sich die Schwestern der Gemeinschaft „Notre Dame Des Missions“ (RNDM) nicht davon abhalten, Zeugnis von der Liebe Gottes zu geben.

Text: Veronika Buter

Fotos: Hartmut Schwarzbach

   

Mary beugt sich über das Tischchen, das mit einem groß gemusterten Wachstuch bespannt ist. Zwei Fußstummel strecken sich ihr entgegen. Die Haut ist übersät von hellen Flecken. Dort, wo einst Zehen waren, sind jetzt nur noch unförmige Knubbel. Ein rosafarbenes, nässendes Loch klafft in der Fußbeuge. Die Ordensfrau fasst ein Mullpad mit ihrer langen Scherenpinzette, tränkt es in der Blechschale mit abgekochtem Wasser, tupft die Wunde vorsichtig ab. Daw Aye May, 72, verzieht keine Miene. Interessiert verfolgt die Alte das Geschehen. Die offene Wunde, das rohe Fleisch an ihrem Fußgelenk — sie spürt es nicht. Ihre Nerven sind taub, zerstört von der Lepra.

„Keiner meiner Patienten ist mehr ansteckend“, sagt Schwester Mary. „Alle sind geheilt dank hochwirksamer Antibiotika.“  Doch das sieht man Menschen wie Daw Aye May nicht an, denen Nase oder Finger fehlen. Die Welt macht einen weiten Bogen um diese „Aussätzigen “ und ihre Familien. „Lepra ist keine Krankheit der Vergangenheit“, stellt die 35-jährige Ordensfrau klar. „Sie ist eine Krankheit der Armen.“

Weltweit verstehen die Schwestern der Gemeinschaft „Notre Dame Des Missions“ (RNDM) ihre „Option für die Armen“ als „Leben mit den Armen“. Um durch ihre Kleidung nicht schon äußerlich Distanz zu erzeugen, legten sie 1989 weltweit das traditionelle Ordensgewand ab und tauschten es gegen einfache landesübliche Kleidung ein. „Für viele Priester war das ein Skandal“, erzählt Elizabeth Mai Pain, die Provinzoberin in Myanmar...

 

 

REPORTAGE 2 – 01-2008:

Vor der Flut

Sie werden nicht gefragt, nicht entschädigt und bald einfach fortgejagt: Ein Staudammprojekt am Ayeyarwady in Myanmar bedroht die Natur und die Existenz tausender Flussanwohner. Der Widerstand gegen die Pläne der Militärjunta ist lebensgefährlich.

 

Text: Veronika Buter

Fotos: Hartmut Schwarzbach

 

Awn Asak ist tot. Er wird die Flut nicht mehr erleben. Sie haben ihm die Augen geschlossen und seinen Körper mit einer weißen Spitzengardine bedeckt. Sein Gesicht glänzt von einem Balsam, der Insekten vertreiben soll. Auf einer umgedrehten leeren Konserve neben seinem Kopf flackert eine Kerze, Geldscheine liegen auf seiner Brust. Von draußen dringt laute Musik in die Bambushütte. Jemand hat einen Generator organisiert und einen Verstärker angeschlossen, damit die Totengebete des Katechisten auch draußen vor der Bambushütte zu hören sind. Denn Strom gibt es in Mali Zup nicht.

Weiße Nebelschwaden wabern vom Wasser hinauf zu den Hütten. Mali Zup liegt auf einer schmalen Landzunge, die wie ein Schiffsbug in die Mündung zweier Flüsse hineinragt: May Kha und Mali Kha. Hunderte Kilometer kommen sie vom verschneiten Himalaya-Gebirge herunter. Einer aus dem Osten, der andere aus dem Westen. Eine alte Legende der Kachin erzählt, wie der große Weltgeist Wasser aus zwei goldenen Tassen goss. May Kha wurde der männliche Fluss: weit, seicht und fröhlich glucksend. Mali Kha dagegen, seine Schwester, ist still, mysteriös und gefährlich, ein Gewässer voll versteckter Untiefen, gesäumt von steilen Klippen und dichten Wäldern. Hier, nur wenige Meter hinter den letzten Hütten des Dorfes Mali Zup, vereinigen sich die beiden Flüsse zu einem majestätischen Strom: dem Ayeyarwady. Den Kachin, die hier zu Hause sind, ist dieses spektakuläre Fleckchen Erde heilig. Deshalb haben die Christen eine Pilgerstätte zu Ehren Mariens errichtet und die Buddhisten eine Pagode gebaut, deren strahlend goldene Kuppel weithin zu sehen ist.

Das Myitsone-Staudamm-Projekt (Rekonstruktion nach einer Skizze)

Der größte von sieben Staudämmen

Doch seit einigen Monaten ziehen dunkle Wolken über dem „Zusammenfluss“ auf, wie der Ort allenthalben genannt wird. „Irgend etwas geht hier vor“, munkeln die Bewohner von Mali Zup. „Etwas ganz Großes, Besorgnis erregendes. Aber wir wissen nicht was.“ Chinesen waren in ihr Dorf gekommen. Sie hatten jeden Quadratmeter vermessen und verschwanden dann wieder. Eine Verständigung mit ihnen war rein sprachlich nicht möglich.

Doch so viel hat sich inzwischen herumgesprochen: Die China Power Investment Corporation (CPI) und Burmas Ministerium für elektrische Energie haben einen Vertrag über den Bau eines Staudammes unweit der Flussmündung unterzeichnet. Diese „Myitsone-Hydro-Power-Station“ soll der Größte von sieben weiteren Dämmen sein, die hier, im Stammland der Kachin, einer kleinen ethnischen Minderheit in Myanmar, gebaut werden sollen. Flussabwärts mehren sich die Anzeichen, dass die Vorbereitungen für das gigantische Wasserkraftprojekt in vollem Gange sind: Frische Schneisen sind in das Dickicht des Regenwaldes geschlagen, vermutlich die künftigen Zufahrtsstraßen zu der Großbaustelle. Ein Bagger planiert lehmiges Gelände am Rande der Straße. Die ersten Baracken sind schon errichtet, in denen chinesische Arbeiter und Ingenieure Quartier bezogen haben. Stacheldraht umsäumt das weitläufige Terrain.

Seit einigen Wochen kursiert ein Foto. Jemand soll es heimlich aufgenommen und aus den Baubaracken herausgeschmuggelt haben. Es zeigt einen groben Plan von dem, was alle nur flüsternd „das Projekt“ nennen: Ein 152 Meter hoher Damm, der den Ayeyarwady wenige hundert Meter unterhalb des Zusammenflusses von May Kha und Mali Kha stauen wird, um jährlich 3600 Megawatt Strom aus Wasserkraft zu erzeugen. Billigen Strom, von dem nicht die Menschen der Umgebung profitieren werden, sondern der nach China verkauft wird, um den wachsenden Energiehunger der Nachbarn zu stillen. Profitieren werden außerdem die korrupten Generäle der Regierung von Myanmar: Vorraussichtlich mehr als 500 Millionen Dollar wird der Damm pro Jahr in ihre Kriegskassen spülen.

Den Preis dafür zahlen die Menschen in Mali Zup und die Bewohner von weiteren 74 Dörfern in der Gegend. Sie haben Schlimmes zu befürchten: Dass ihre Dörfer geflutet werden und sie sich zu Tausenden ohne Schadensersatz und ohne Zukunftsperspektive in die Berge flüchten müssen. Denn um das Schicksal ihrer eigenen Landsleute scheren sich die Generäle des Militärregimes wenig und lassen die Betroffenen vollkommen im Dunkeln. Ihre Mitsprache ist nicht eingeplant, Entschädigungszahlungen sind nicht vorgesehen.

Awn Asak hatte sich in Mali Zup gerade eingelebt. Seine Mutter, die mit den fünf Geschwistern im bergigen Hinterland lebt, hatte ihren Ältesten hierher zur Oma geschickt. In Mali Zup, so hoffte sie, habe der Junge bessere Chancen, etwas zu lernen und eine Arbeit zu finden. Immerhin gibt es in Tanghpre, dem Weiler auf der anderen Seite des Ufers zwei Schulen, eine Gesundheitsstation, Geschäfte, Post und Polizei. Dort machen viele Boote Halt, sie bringen Pilger an die Flussmündung, Waren und Neuigkeiten.

Protestieren ist lebensgefährlich

Trotzdem ist das Leben in Mali Zup kein Zuckerschlecken. Die meisten leben von der Hand in den Mund. So wie Awn Asak und seine Großmutter. Es gibt keine Elektrizität und keine Krankenstation, seit neuestem aber wenigstens einen Brunnen, der sauberes Trinkwasser liefert. Erst vor zehn Jahren kehrten die Kachin nach Mali Zup zurück, nachdem das Dorf 1989 von der Armee zerstört worden war und die Menschen in die umliegenden Wälder fliehen mussten. Als Regierungsarmee und Kachin-Rebellenarmee vor dreizehn Jahren einen Waffenstillstand vereinbarten, wagten sie einen Neuanfang am „ Zusammenfluss“. Der Ayeyarwady ist die Lebensader der Kachin. Ohne seinen Reichtum an Pflanzen, Fischen und Feuchtgebieten könnten die Anwohner nicht überleben. Zudem führt der Fluss Gold. Viele Menschen leben vom Goldwaschen — und sie wollen kein zweites Mal von hier vertrieben werden. „Wir wissen nichts über diesen Staudamm“, sagt Awn Asaks Großmutter. „Aber wir fürchten den Tag, an dem die Flut über uns kommt. Wir sind hilflos, was sollen wir denn machen?“

Protestieren, entscheiden die Führer der Kachin. Obwohl das lebensgefährlich ist. Das Regime hat bewährte Methoden, um Widerstand zu brechen und Kritiker mundtot zu machen: Zwangsarbeit, Vergewaltigung, Vertreibung, Folter, illegale Hinrichtung und Abschottung vor der internationalen Öffentlichkeit — die ethnischen Minderheiten am Salween-Fluss im Süden Myanmars kennen das. Hier werden zwölf Dämme gebaut, um billigen Strom für Thailand zu produzieren. Die krassen Menschenrechtsverletzungen an den Uferbewohnern sind bestens dokumentiert.

Im Mai 2007 wenden sich Kachin-Führer mit einer Petition an die Regierung und fordern, den Bau des Staudamms zu stoppen. „Es ist falsch und inakzeptabel solche Projekte zu lancieren, ohne die Kachin-Führer zu konsultieren“, bekräftigt die „Kachin National Organisation“ (KNO) im August den Protest in Briefen an burmesische und chinesische Verantwortungsträger: „Dies ist das Stammland der Kachin und nicht der derzeitigen Besatzer...“

Angst vor einer Umweltkatastrophe

Doch abgesehen von der politischen Brisanz des Dammbaus beklagen sie neben den sozialen und wirtschaftlichen Folgen für die Anwohner die Sicherheitsrisiken und die möglichen ökologischen Folgen für die ganze Region. Viele befürchten eine Umweltkatastrophe, falls der Damm brechen sollte. Die reißenden Ströme würden die 43 Kilometer entfernte Kachin-Hauptstadt Myitkyina überspülen, warnen sie. „Wir leben seit Jahrhunderten in diesem Gebiet und kennen die Naturgewalten. Die chinesischen Ingenieure dagegen nicht.“

Jüngste Meldungen über den Drei-Schluchten-Staudamm am Yangtse, eines der größten Wasserkraftprojekte der Welt, dürften ihre Skepsis bestätigen. Erstmalig haben chinesische Offizielle jetzt zugegeben, dass das Vorzeigeprojekt ihrer Dammbaukunst, das 2006 fertig gestellt wurde, die lokale Umwelt „bemerkenswert negativ“ beeinträchtige. Wenn nicht sofort Gegenmaßnahmen ergriffen würden, drohe eine Katastrophe.

Waffen für wertvolles Teakholz

Die bahnt sich schon lange im Kachin-Staat an. Denn seit Jahrzehnten gestattet die Regierung den Chinesen, uralte Teakbestände im Norden abzuholzen und auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Die Milliarden aus diesem Geschäft steckt die Junta in ihren Militärapparat. Dass sie damit zigtausende Menschen aus ihrem Lebensraum verdrängt und eine ökologische Katastrophe heraufbeschwört, kümmert sie nicht. Denn die entwaldeten Hänge können die Wassermassen während der Monsunzeit nicht mehr aufhalten. Sie reißen ganze Berghänge mit sich und begraben Dörfer und Menschen unter sich. Auf der Suche nach Nahrung und neuem Lebensraum dringen die Menschen in den Urwald vor, roden Flächen, um dort Reis und Gemüse anzubauen und treiben so die Bodenerosion weiter voran.

Awn Asak wird das nicht mehr erleben. Erwurde 14 Jahre alt und starb am Stich einer Malariamücke. Die Nachbarn haben ihm eilig einen Sarg gezimmert und mit grellbuntem Geschenkpapier ausgekleidet. Jemand hat ein Holzkreuz gemacht und Asaks Namen darauf gepinselt. Vor seinem Haus hat sich das ganze Dorf versammelt. Ungeduldig warten die Menschen auf die Gratismahlzeit zu Ehren des Verstorbenen. Derweil gleitet der Sarg des Jungen in ein Erdloch irgendwo am Rande des Dorfes. Wenn die Flut kommt, wird sein Grab für immer fortgespült. Am Abend versammeln sich die Katholiken des Dorfes zum Rosenkranz und beten verzweifelt für ihre Zukunft. „Das ist alles, was wir tun können“, sagen sie. „Vertrauen auf Gottes Hilfe.“

 

 

PORTRÄT 01-2008

Allroundpriester: George Ehusani ist Poet und Musiker, Seelsorger und Manager, 
		Gelehrter und Praktiker.

Apostel und Manager

„Priester des 19. Jahrhunderts treffen auf die Menschen des 21. Jahrhunderts.“ George Ehusani weiß, dass das nicht funktionieren kann. Nicht in seinem Heimatland Nigeria und nirgendwo sonst. Deshalb fordert der 50-jährige Theologe: Die Kirche braucht Priester und Laien, die echte Führungspersönlichkeiten sind und Managerqualitäten haben. Und die Kirche braucht neue Apostel, die die Sprache der Menschen von heute sprechen und mit modernen Massenmedin so sicher umgehen wie mit Budgetplänen.

Ehusani war fast sieben Jahre lang Generalsekretär der Nigerianischen Bischofskonferenz, hat selbst eine fundierte Ausbildung als Manager und gibt seit Jahren entsprechende Kurse in Singapur und Honolulu. Während eines Sabbatjahrs, das er als Berater für Afrika-Fragen noch bis zum Mai bei Misereor in Aachen verbringt, hat er sein Konzept für ein Förderzentrum entwickelt, das eine neue geistliche Führungsriege heranziehen soll — und eine neue politische. Denn christlich verwurzelte Politiker sollen sein Heimatland voranbringen, das seit fast 20 Jahren für eine Demokratisierung kämpft, aber immer noch von Korruption und Gewalt gebeutelt ist.

„Bislang agierten wir pastoral Verantwortlichen vielleicht oft aus einer anmaßenden Haltung und Arroganz heraus, weil wir dachten, wir wüssten alles“ sagt Ehusani. Außerdem seien viele Fehler im Umgang mit den menschlichen und finanziellen Ressourcen gemacht worden. Stolz ist die Kirche von Nigeria auf die vielen Kapläne und Priester mit Doktortitel, erzählt Ehusani, der selbst einer von ihnen ist und immer wieder betont, wie dankbar er für die Chancen ist, die ihm seine Aus- und Weiterbildung eröffnet haben. Aber: „Diese gelehrten Priester gucken oft hilflos zu, wie ihnen der kaum gebildete Pastor irgendeiner Pfingstkirche auf der anderen Straßenseite täglich die jungen Mitglieder ihrer Herde stiehlt.“

 

 

HINTERGRUND 01-2008

Wenn der Apfel weit vom Stamm fällt

Stina Lohmann, Finkenwerder Herbstprinz und Altländer Pfannkuchen: Diese heimischen Apfelsorten kennt heute fast niemand mehr. Denn Jonagold und Co. beherrschen den Weltmarkt. Es gibt viele Argumente für den Apfel aus Übersee — und viele dagegen.

Es war einmal eine Frau namens Stina Lohmann, die lebte im 19. Jahrhundert im holsteinischen Kellinghusen. In ihrem Garten stand ein Apfelbaum, den sie selbst aus einem Kern gezogen hatte. Und wenn im Frühjahr bei den Nachbarn das eingelagerte Obst bereits verfault war, holte Stina Lohmann ihre Äpfel noch frisch und knackig aus dem Lager und verteilte sie an Bedürftige und Kinder. Nach ihrem Tod um das Jahr 1860 wurde die Apfelsorte nach ihr benannt. Fast 150 Jahre nach ihrem Tod kommt Stina Lohmann zu spätem Ruhm: Im kommenden Jahr soll „ Stina Lohmann“ Apfel des Jahres werden. Denn noch heute gibt es im Alten Land bei Hamburg Ableger jenes Baumes, an denen die mittelgroßen bis großen saftigen Äpfel mit der gelb gefärbten Schale und den rötlichen Streifen auf der Sonnenseite wachsen.

Es hat seinen Grund, dass Apfelsorten wie Stina Lohmann, der Finkenwerder Herbstprinz oder der Altländer Pfannkuchen heute weitgehend unbekannt sind: Die Sortenvielfalt auf dem Weltmarkt ist gering. Auch im Alten Land heißen die meisten Äpfel Elstar, Jonagold, Cox Orange oder Boskop. Dabei seien in Norddeutschland um 1940 noch rund 190 Apfelsorten erzeugt und gehandelt worden, sagt Eckart Brandt, der in seinem „Boomgarden“-Projekt zwischen Stade und Cuxhaven gut 700 alte Apfelsorten erhält. Für diese Vielfalt bei Lebensmitteln setzt sich Ulrike Eberle ein. Die Ernährungsexpertin vom Freiburger Öko-Institut bedauert, dass immer weniger Menschen wüssten, „dass es auch andere Apfelsorten gibt als Granny Smith“. Dabei gibt es viele Argumente für regionale Produkte: Der ländliche Raum werde gefördert, zum Beispiel durch den Erhalt von Streuobstwiesen und Almweiden, also der heimischen Kulturlandschaft, und durch den Erhalt von Arbeitsplätzen auf den Höfen und in den Dörfern.…

 

 

Nachrichten 01-2008:

GESCHLECHTER

Frauen fördern Frieden

Versöhnung und Neubeginn in Kriegsländern werden leichter, wenn Frauen aktiv einbezogen werden. Doch eine UN-Resolution, die das fordert, wartet seit sieben Jahren auf eine großflächige Umsetzung.

Frauen sind eher bereit, nicht mehr in alten Konfliktmustern zu denken und auf die ehemalige Feindin, den ehemaligen Feind zuzugehen. Friede, der von Frauen aktiv mitgestaltet wird, ist nachhaltiger und wirksamer, sagen Friedensforscher. Die Resolution 1325, die im Jahr 2000 von den Vereinten Nationen verabschiedet wurde, schreibt völkerrechtlich vor, dass Frauen an Friedensprozessen und Interimsregierungen beteiligt werden. Auch in der Beilegung, Bewältigung und bereits beim Verhindern von Konflikten sollen Frauen auf allen Entscheidungsebenen mitarbeiten. Doch noch ist die UN-Resolution 1325 von einer weltweiten Umsetzung weit entfernt.

Erste Erfolge gibt es allerdings auch: In Somalia haben Frauen einen eigenen Frauenclan gegründet, der die alten Clan- und damit auch Konfliktgrenzen überschreitet. In Liberia kämpft eine Frauen-Vereinigung unter anderem gegen Misshandlungen und Vergewaltigungen von Frauen. In der Hauptstadt Monrovia ist außerdem ein UN-Frauen-bataillon — das erste in der Geschichte der Vereinten Nationen — im Einsatz.

Der Schutz vor sexueller Gewalt ist eines der zentralen Anliegen der UN-Resolution 1325. Die Sicherheits- und Friedenspolitik eines Landes solle sich an der sogenannten Gender-Politik orientieren, fordert die Resolution. „Gender“ umschreibt eine Politik, die Geschlechtergerechtigkeit anstrebt und geschlechtsspezifische Anliegen berücksichtigt. Werden Frauen in Friedensarbeit und Wiederaufbau eingebunden und bevollmächtigt, steigen die Chancen auf eine Zukunft ohne neue Konflikte und Kriege. Studien belegen, dass es zum Beispiel in einer Nachkriegsgesellschaft weniger Gewalt gibt, wenn Frauen entsprechend verantwortlich mitarbeiten können. Außerdem werden Grundbedürfnisse der Menschen wie ausreichend Wasser und Nahrung oder auch Sicherheit auf der Straße stärker berücksichtigt und erfüllt.

Für die Durchsetzung der UN-Resolution 1325 setzt sich zum Beispiel die Initiative „PeaceWomen Across the Globe“, „ FriedensFrauen weltweit“ ein. Sie leistet auf den verschiedenen Kontinenten nicht nur politische Arbeit, sondern fördert auch konkrete Projekte. In Westafrika engagieren sich die Frauen zum Beispiel für die Friedenserziehung an Schulen und Universitäten. Junge Leute sollen lernen, Konflikte zu analysieren und auf friedlichem Weg beizulegen. Auch die Medien eines Landes sollen eingebunden werden und Friedensarbeit leisten, indem sie weniger über Konflikte oder Gewalt und mehr über Frieden berichten.  (hm)

Info: www.1000peacewomen.org
 

STANDPUNKT

Ruth-Gaby Vermot-Mangold, 66
Präsidium „1000 PeaceWomen“, Europarätin aus der Schweiz.

Vor bald 10 Jahren wurde die UN-Resolution 1325 verabschiedet. Die Forderungen verklingen jedoch meist ungehört und die letzten Friedensverhandlungen an verschiedenen Kriegsorten fanden wieder unter Ausschluss der Frauen statt. Frauen werden dadurch zu bloßen Entscheidempfängerinnen — wie im Krieg, so auch im Frieden. Frauenorganisationen und Friedensnetzwerke wollen mit kirchlichen Organisationen diesen Teufelskreis durchbrechen. Es scheint jedoch, dass ihre Stimmen zu leise sind, denn sie lassen sich immer wieder ausgrenzen. Dem Frieden zuliebe? Es braucht die mutigen Frauen in Kolumbien, im Sudan, im Kosovo, in Palästina und auf Fidschi und ihre präzisen Friedensvorstellungen, die mehr sind als neu verhandelte Grenzen: Versöhnung, Konflikte lösen, Menschenrechte einfordern. Es braucht dringend mehr als Resolutionen und Wünsche. Wenn Friede wirksam werden soll, dürfen Frauen nicht Statistinnen bleiben. Friede braucht die verantwortliche Teilhabe von Frauen und ihre entschiedenen Forderungen, die stören, aufrütteln und die Mauern klimatisierter Verhandlungsoasen durchbrechen können.
 

KLIMAWANDEL

Die Kultur geht, der Wohlstand kommt

Mit gemischten Gefühlen betrachten die Ureinwohner der Arktis, die Inuit, den Klimawandel und seine schon jetzt spürbaren Folgen: Mit dem rapide schmelzenden Eis verschwindet auch die Inuit-Kultur. Schon jetzt gibt es etwa in Grönland nicht einmal mehr 2000 Jäger; vor zehn Jahren gingen noch 5000 Inuit diesem Beruf nach, der den Kern ihrer Kultur bildet. Die Übersäuerung der Meere hat nicht nur Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt unter Wasser und den Beruf des Fischers, der ebenfalls zu verschwinden droht. Giftige Chemikalien aus Europa, den USA, China oder Russland reichern sich in den Fischen an — der Mensch nimmt sie beim Verzehr der Meerestiere auf. Dem Verlust von Traditionen und Kultur steht allerdings ein neuer Wohlstand gegenüber: Die steigenden Temperaturen bescheren Bauern bessere und häufigere Ernten. Einheimische Politiker freuen sich zudem auf eine wirtschaftliche Blüte. Sie setzen auf gute Geschäfte mit großen ausländischen Firmen, die die vielen Rohstoffe der Arktis ausbeuten, darunter Metalle, Edelsteine und Wasser.  (hm)

 

KINDER

Haitis Sklaven

Die Sklavenkinder von Haiti findet man in den Häusern der Armen. Sie schuften bis zu 16 Stunden täglich, kümmern sich um den Haushalt in einem der Elendsquartiere. Ihre sogenannte Tante versucht derweil auf dem Markt den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen. Viele arme Familien vom Land, die ihre Kinder nicht ernähren können, schicken diese in die Stadt und geben sie in die Obhut von „Tanten“. Sie hoffen darauf, dass die Tante für Wohlergehen und Ausbildung des Kindes sorgt. Doch die Wirklicheit sieht anders aus — für bis zu 300000 Kinder und Jugendliche, wie die Vereinten Nationen schätzen. Die Kindersklaven werden ausgebeutet und misshandelt. Viele Mädchen werden vergewaltigt — von Angehörigen der Tanten oder wenn sie auf der Straße schlafen müssen. Sklaverei ist in Haitis Gesellschaft tief verankert, doch die Kirche und Hilfsorganisationen wie die Kindernothilfe versuchen, etwas gegen die Versklavung von Kindern zu tun. So gibt es in Carrefour ein Schutzhaus, in dem Kinder Zuflucht finden und zur Schule gehen können. Kredite sollen Eltern helfen, damit sie ihre Kinder zu sich zurückholen können.   (hm)

 

KOMPAKT

Tod im Trend

Nur ein Drittel der Menschen lebt in Ländern ohne Todesstrafe. 91 Prozent aller Hinrichtungen finden in sechs Staaten statt: in China, Iran, Pakistan, Irak, Sudan und den USA. „Trend“ sind Todesstrafen für kleinere Vergehen wie Umweltsünden oder Korruption.

Keine Handvoll Reis

Die halbe Welt ernährt sich von Reis — noch. Schlechte Ernten und das Wachstum der Weltbevölkerung lassen das Grundnahrungsmittel vieler armer Länder jedoch immer knapper werden. Derzeit fehlen weltweit rund sechs Millionen Tonnen Reis.

„Verkaufsschlager“ Kind

Ihre Zahl lässt sich nicht beziffern, doch Unicef schätzt, dass jedes Jahr bis zu 1,2 Millionen Kinder verkauft werden. Sie werden etwa als Arbeits- oder Sexsklaven gehalten, an Paare verkauft, die ein Kind wollen, oder als Drogenkuriere missbraucht. Ihre Wehrlosigkeit macht sie zum „ Verkaufsschlager“.

 

KUBA

Nachholbedürfnis

Kubas Kirche ist besorgt über das wachsende Konsumdenken auf der Karibik-Insel. „Nach dem staatlich geförderten Atheismus droht uns jetzt ein durch die USA geförderter Konsumismus“, sagte Kardinal Jaime Ortega in einem kontinente-Gespräch am Rande einer vom Missionswissenschaftlichen Institut Missio (MWI, Aachen) organisierten Tagung in Eichstätt. Zwar habe er durchaus Verständnis für „ein gewisses Nachholbedürfnis“ seiner Landsleute, betonte der Erzbischof von Havanna. Das Konsumdenken drohe aber Ausmaße anzunehmen, die es zur großen Herausforderung für die Kirche machen könnte. Begegnen wolle sie dieser Entwicklung auch mit der Ausbildung einer neuen Generation von Laien. Zwar glauben laut Ortega rund 90 Prozent der Menschen auf Kuba nach wie vor an Gott, die Jugend sei jedoch nicht mehr selbstverständlich zu kirchlichem Engagement bereit. Ferner leide die Kirche durch Migration unter ständigem Verlust an ausgebildeten Laien. „Wir müssen immer wieder von vorne anfangen“, beklagte der Kardinal, der auf die Hilfe weiterer Missionskräfte aus dem Ausland hofft, für die es in Kuba keine Einschränkungen bei der pastoralen Arbeit gebe.  (fjs)

 

LEBEN

Konsum trotz Armut

Konsum ist auch für arme Menschen selbstverständlich und wichtig: Das ist das Ergebnis einer Untersuchung, die Wissenschaftler des in Boston ansässigen Massachusetts Institute of Technology durchgeführt haben. Zwar geben die extrem Armen zwischen 50 und 75 Prozent ihres mageren Einkommens für Nahrung aus, sie kaufen jedoch nicht unbedingt die nahrhaftesten Lebensmittel. Der Rest des Geldes fließt in Konsumgüter wie Fernseher, in Genussmittel wie Tabak und Alkohol oder in Feste wie Hochzeiten und religiöse Dorffeiern. Wer nichts zum Dorffest beisteuert oder die Gemeinschaft nicht bewirtet, wird leicht ausgeschlossen. Der Hauptgrund für Konsum: Die Armen wollen und brauchen Anteil am gesellschaftlichen Leben. Das gilt für Afrika, Asien und Lateinamerika, aber auch für Arme in europäischen oder anderen westlichen Ländern. Das Gefühl dazuzugehören, gibt ihnen Würde und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Und wer von einem besseren Leben träumt, entwickelt mitunter auch die Kräfte, die er braucht, um dieses Ziel zu erreichen.  (hm)

 

GESUNDHEIT

Mangel mit Folgen

Müdigkeit sitzt in den Knochen, und zum Atmen fehlt die Luft. Und schon wieder hat ein Infekt zugeschlagen und schwächt den Körper noch weiter: Mit solchen Symptomen kann sich Eisenmangel zeigen. Was in Wohlstandsstaaten durch Ernährung und Eisenpräparate leicht zu beheben ist, legt ganze Entwicklungsländer lahm. Die Arbeitskraft der Bevölkerung ist geschwächt, die Produktivität des Landes leidet darunter. Darüber hinaus wirkt sich dieser Ernährungsmangel auf die nächste Generation aus: Kinder wiegen bei ihrer Geburt zu wenig und entwickeln sich schlechter. Ein Ausgleich des Eisenmangels würde nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation die Produktivität in den Ländern der Dritten Welt unmittelbar steigern und damit die Lebenssituation vieler Menschen verbessern. Versuche, für eisenreichere Kost zu sorgen oder Eisenpräparate zu verteilen, schlagen meist fehl. Mit Eisen angereicherte Lebensmittel wie Fischsauce in Vietnam sollen nun Abhilfe bringen.  (hm)

 

 

 

MENSCHEN 01-2008

Johan Huibers

Die Arche Johan

Er hatte einen Traum: Johan Huibers, Bauunternehmer aus den Niederlanden. Die Überflutung seines Heimatlandes sah der 47-Jährige darin, ausgelöst nicht durch den Klimawandel, sondern gesandt als Strafe Gottes für die Sünden der Menschen. Das gab es schon einmal, zu Noahs Zeit. So baute auch Huibers eine Arche. Er ist Calvinist und nimmt die Bibel wörtlich. Wer ihm begegnet, beschreibt ihn als Mann, der mit beiden Beinen fest im Leben steht, und nicht als religiösen Spinner. Die „Arche Johan“ liegt in Schagen, wenn sie nicht unterwegs ist, und dient als Museum, doch der Besucher soll mehr mitnehmen als ein nettes Erlebnis. Huibers versteht sie als Zeichen, das die Menschen zu einem moralischeren Leben mahnen soll. Eine zweite Arche ist geplant. Sie soll die Ausmaße der biblischen Arche Noah haben.    (hm)
Info: www.arkvannoach.com (Englisch und Niederländisch)

 

ERMA MANONCOURT

Erfolgreich gegen Beschneidung

Die heranwachsende Mädchengeneration in Ägypten soll keine Angst mehr vor Beschneidung haben müssen. Die Abschaffung der menschenverachtenden Tradition ist das Ziel von Erma Manoncourt, der Unicef-Repräsentantin in dem Land am Nil. Die resoltue Frau sieht dieses Ziel näher rücken, seit der Tod zweier Mädchen im vergangenen Jahr in einer breiten Öffentlichkeit Empörung ausgelöst hat. In der Folge war eine Gesetzeslücke geschlossen worden: Beschneidung war seit 1996 nur noch „in Ausnahmefällen“ erlaubt und wurde in Kliniken durchgeführt; nun sollen auch Ärzte bestraft werden. Im Kampf gegen die Beschneidung setzen Manoncourt und ihre Mitstreiter auf Aufklärungsarbeit, unter anderem durch Seifenopern, in denen das Thema vorkommt. Wichtig ist der Franko-Amerikanerin auch, die religiösen Führer von Islam und Christentum einzubeziehen.      (hm)

 

YOLANDA BECERRA VEGA

Keine Angst vor Terror

Terror heißt übersetzt „Schrecken“und genau dazu dient er: Menschen so zu ängstigen und einzuschüchtern, dass sie sich der Willkür und den Zielen eines Regimes oder von Terroristen fügen. Die Kolumbianerin Yolanda Becerra Vega will das nicht zulassen. Als Vorsitzende der Volksfrauenorganisation „ Organización Femenina Popular“ kämpft sie mit ihren Mitstreiterinnen seit sieben Jahren gegen den Terror paramilitärischer Truppen. Trotz Todesdrohungen und der Ermordung mehrerer Volksfrauen setzt Becerra Vega die Arbeit fort. Die Volksfrauen demonstrieren gegen Krieg und Gewalt, leisten Entwicklungsarbeit und gewähren Menschen Unterschlupf, die von Paramilitärs vertrieben wurden.    (hm)