ÜBERSICHT
REPORTAGE 1 – Sri Lanka: …und es wurde Licht
REPORTAGE 2 - Äthiopien: Der Fluch der grünen Droge
INTERVIEW - Seyran Ateş
LEBENSWERTE - Maßhalten
NACHRICHTEN
MENSCHEN
REPORTAGE 1 – 06-2007:
…und es wurde Licht
Im Februar 2007 bricht für die Menschen in dem Dörfchen Kaluvella Katyia ein neues Zeitalter an: Endlich fließt Strom
in ihren Hütten. Ein findiger Ingenieur hat einen Holzvergaser konstruiert, der Energie aus Pflanzenkraft erzeugt und damit
Licht in ein dunkles Fleckchen Erde bringt. Der Elektroingenieur Lalith Seneviratne hat sich vorgenommen, 23 Dörfer mit
sauberem Strom zu versorgen.
Fotos: Paul Hahn
Es ist fünf Uhr morgens. Kusumavathes Freundin Gnanawathe ist schon auf den Beinen. Im Haus und Hof brennen sechs grünlich
schimmernde Energiesparlampen. Hell genug, um den Hof zu fegen. Für Tochter Malika, 15, reicht die spärliche Straßenbeleuchtung
aus, um Wasser am Brunnen zu holen ohne auf eine Schlange zu treten. Währenddessen kocht Gnanawathe den Milchreis für das
Frühstück. Ihr Mann legt Geräte für die Feldarbeit bereit. Um sechs Uhr machen sich die beiden auf den Weg zu den Reisfeldern
gleich hinterm Dorf.
Bis Kusumvathe und die 35 Familien aus dem stromlosen Nachbardorf soweit sind, haben Gnanawathe und ihr Mann schon zwei
Stunden in der Kühle des Morgens auf dem Feld gearbeitet. .„Das ist ein riesiger Vorteil gegenüber früher,.“ sagt die 40-Jährige.
„Wir machen jetzt schon um elf Uhr Mittagspause. Früher mussten wir bei der größten Hitze arbeiten.“ Heute kehren sie
erst am späten Nachmittag, wenn die Schatten wieder länger und die Temperaturen erträglicher werden, auf ihre Felder zurück bis die
Sonne untergeht. Das war vor dem elektrischen Licht nicht möglich. Denn um sechs wird es in dieser tropischen Gegend schlagartig
dunkel. Um diese Zeit mussten viele Arbeiten zuhause erledigt sein, entsprechend früh musste man die Felder verlassen.
Nun bleibt Gnanawathe entspannt. „Dank des elektrischen Lichtes kann ich nun abends wenn es kühl ist, zuhause viel
arbeiten...“
REPORTAGE 2 – 06-2007:
REPORTAGE
Der Fluch der grünen Droge
Khat beschert Äthiopiens Bauern ein besseres Einkommen als der Kaffeeanbau. Mit der grünen Kaudroge betäuben Arme den Hunger und genießen
Angestellte den Feierabend. Khat gilt als harmlos — und treibt viele in den Wahnsinn.
Text: Beatrix Gramlich
Fotos: Fritz Stark
Vor ihrem Tor haben die Mutter-Theresa-Schwestern schon Männer gefunden, die Familienangehörige wie einen Hund an die Kette gelegt hatten.
Anderen scheuern schwere Handschellen, die an mittelalterliche Folterwerkzeuge erinnern, die Haut auf. Mit glasigen Augen starren sie ihr
Gegenüber an, ohne es wahrzunehmen. Doch schon im nächsten Moment kann wieder ein Gewaltausbruch kommen. Die Männer sind auf Khat, einer Art
Volksdroge in Äthiopien. Die dem Coca ähnliche Pflanze vertreibt den Hunger, stimuliert, steigert die Aufmerksamkeit und führt zu euphorischen
Zuständen. Aber auch zu Wahnvorstellungen, Schizophrenie und Verlust der Selbstkontrolle.
Jeden Tag stehen verzweifelte Verwandte mit Khat-Abhängigen bei den Mutter-Theresa-Schwestern in Dire Dawa, der zweitgrößten Stadt Äthiopiens,
vor der Tür. Zwölf Ordensfrauen kümmern sich mit einer Schar Laien liebevoll um 600 psychisch kranke Männer — auf einem Gelände, das einmal
für 150 Patienten angelegt war. Die neue Oberin Schwester Joachim Brown, 47, setzt alle Hebel in Bewegung, um ihnen zu helfen. Neben der Arbeit
in Haus und Garten hat sie für die Männer Tanz-, Sport- und Beschäftigungstherapie organisiert. Jetzt kämpft sie dafür, dass im Land endlich eine
zweite Psychiatrische Klinik gebaut wird — auf ihrem Grundstück in Dire Dawa.
Und wann immer Schwester Joachim Zeit findet, geht sie hinaus in die Stadt zu den Menschen, die auf der Straße leben — auch sie fast
ausnahmslos Drogenopfer. Wenn die zierliche Schwester die verdreckten Gestalten in den Arm nimmt, ist das für viele die erste liebevolle Berührung
seit Wochen. Joachim Brown machen solche Begegnungen glücklich. „Wenn ich in das Gesicht eines Armen schaue, sehe ich Jesus“, sagt sie.
INTERVIEW 06-2007
INTERVIEW
„Ich kann einfach nicht schweigen!“
Interview mit Seyran Ateş
Foto: Ullstein-Verlag/Müjgan Arpat
Sie ist Deutsche und Türkin. Sie versteht sich als linke Frauenrechtlerin, doch ihre Positionen zur Integration sind eher
konservativ. Dafür wird Seyran Ateş angefeindet und bedroht. 1984 überlebte die mutige Anwältin ein Attentat nur knapp, im
vergangenen Jahr wurde sie von dem Ehemann einer türkischen Mandantin erneut tätlich angegriffen. Daraufhin gab sie ihre
Zulassung als Rechtsanwältin zurück. Jetzt ist ihr neues Buch erschienen. Titel: Der Multikulti-Irrtum.
Frau Ateş, Ihr neues Buch ist unter widrigen Umständen entstanden ...
Ja, das stimmt. Das letzte Jahr war für mich ein extrem schwieriges Jahr. Als die Idee zu diesem Buch geboren wurde, war ich noch
voll im Geschäft als Anwältin und auch in meiner politischen Arbeit recht aktiv. Kaum hatte ich angefangen zu schreiben, ereignete sich
dann der Vorfall, so dass ich meine anwaltliche Tätigkeit aufgeben musste. Erst habe ich gedacht, ich schreib das Buch nicht, ich gebe
meine anwaltliche Tätigkeit auf, ich zieh mich aus allem raus. Aber dann hab ich wieder Kraft und Mut bekommen durch sehr viele Menschen,
die mich unterstützt haben, und entschieden, dieses Buch doch zu Ende zu bringen. Ich habe auch überlegt, ob es vernünftig ist, dieses
Buch jetzt zu schreiben. Schließlich bin ich ja für meine anwaltliche Tätigkeit im Einsatz für Frauenrechte und vor allem für muslimische
Frauen angegriffen worden. Und das Buch wird möglicherweise ebensolchen Aufruhr veranstalten.
Worauf richten Sie sich ein?
Dass ich sehr viel Widerstand erfahren werde. Aber das ist der rebellische Geist in mir, der Grund, warum ich Jura studiert habe.
Letztendlich hab ich mich entschieden, das Buch zu veröffentlichen, um meine Positionen zu zementieren. Wir müssen einfach Signale setzten.
Es geht einfach nicht, dass ich mich zurücknehme und schweige. Denn dann würde ich wirklich zu einer der Mittäterinnen. Und das halte ich
nicht aus. Ich muss jetzt ganz privat für mich eine Lösung finden und die Reaktionen auf das Buch abwarten. Ich hoffe, dass sie nicht so
heftig sein werden. Und ich hoffe, dass ich deutlich machen konnte, dass es mir nicht um Anfeindungen geht, sondern um ganz demokratische
Umgangsformen; dass wir reden, diskutieren, Lösungen finden müssen, wie man miteinander leben kann. Dass keine Religion besser ist als die
andere und es nicht um Auf- und Abwertung von Kulturen geht, sondern dass wir eine Grundlage des Zusammenlebens haben müssen. Und für mich
sind das die Menschenrechte und die demokratische Verfassung hier in Deutschland. Das sind meine Signale, das sind auch meine Appelle, und
ich hoffe, dass das Buch auch so verstanden wird.
Für wen haben Sie dieses Buch geschrieben und mit welchem Ziel?
Ich habe das Buch für die Leserinnen und Leser geschrieben, die mit diesen Themen durch die Medien und auf der Straße konfrontiert
werden und wahrnehmen, dass es hier und da kocht. Viele fragen sich, wie das weitergehen soll mit den Zuwanderern in unserem Land, was
das für eine Religion ist, zu der sich diese Menschen bekennen und die teilweise sehr politisch ausgerichtet ist. Ich habe das Buch für
Menschen geschrieben, die bisher mit der Materie nur am Rande in Kontakt gekommen sind und mehr Information möchten. Deshalb habe ich es
auch in Themen gebündelt wie Zwangsheirat, Ehrenmord, Scharia, Religion, Sexualität usw. So können sich die Leser kompakt ein erstes Bild
machen, aber auch ein zweites. Denn ich habe mir auch Gedanken darüber gemacht, wie ich mir eigentlich die Identität eines Menschen vorstelle,
der in so einer Gesellschaft lebt. Ich meine, wir brauchen eine europäische Leitkultur und ich bringe diesen Begriff, den Bassam Tibi,
Professor für Internationale Beziehungen an der Unversität Göttingen und Moslem, erstmalig aufgebracht hat, ganz bewusst wieder in die
Diskussion. Europäische Leitkultur bedeutet nicht, dass der Deutsche bestimmt, was der Türke machen soll, sondern dass wir Europäer
eine gemeinsame Leitkultur erarbeiten und gestalten. Viele Dinge sind schon da, die stehen nicht zur Disposition, die sind durch die
europäische Geschichte erkämpft und erstritten worden; etwa die Gleichberechtigung der Geschlechter oder die Religionsfreiheit, auch die
Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften in Europa. Das sind Werte, die unsere Gesellschaft tragen. Es sind also schon Werte
vorhanden, und wenn jetzt Menschen aus anderen Kulturen hier herkommen und leben, wollen wir gemeinsam schauen, wie weit unsere Wertvorstellungen
überhaupt auseinander gehen, wo Unterschiede sind und wo wir uns gleich sind.
Ihr Buch heißt: Der Multikulti-Irrtum. Warum?
Ich beziehe mich damit auf die Multikulti-Fanatiker, wie ich sie bezeichne. Das sind Menschen, die von einer Ideologie getragen werden, die sie
als Multikulti bezeichnen. Sie sind der Auffassung, dass die verschiedenen Kulturen in unserem Land nebeneinander existieren sollen, ohne dass
eine kritische Auseinandersetzung mit ihnen stattfinden dürfe. Ich meine: Das geht nicht! Es kann nicht sein, dass eine Mehrheitsgesellschaft,
die Zwangsverheiratung überwunden hat ¬– die gab es ja früher in der deutschen Gesellschaft auch, auch Ehrenmorde gab es – nicht akzeptieren kann,
dass sich eine Parallelgesellschaft installiert, in der all das stattfindet, wogegen die Mehrheitsgesellschaft einen Kampf gewonnen hat. Ich
kritisiere diejenigen Multikultis, die behaupten, wir dürften den Islam nicht kritisieren, auch nicht das Türkentum, weil das arrogant westlich
sei! Das ist falsch.
Weil Ihnen das Nebeneinander der Kulturen zu wenig ist oder weil es gefährlich ist?
Es ist verantwortungslos. Man kann doch nicht einfach sagen, die Menschen da neben uns in dieser Parallelgesellschaft, die sollen im
Mittelalter bleiben. Menschen dort zu belassen, wo sie sind, aus vermeintlichem Verständnis für deren Kultur, das ist für mich Rassismus! Diese
Multikultis leben ja selbst ein modernes Leben. Sie sind aufgeklärt, Geschlechtertrennung gibt es in deren Privatleben nicht mehr, sie sind
akademisch gebildet, sprechen viele Sprachen, geben ihren Kindern das auch gerne weiter. Aber die anderen Kulturen, die in der Parallelgesellschaft
leben, sagen sie, würden unterdrückt, wenn man sie auffordert, an der modernen Gesellschaft zu partizipieren. Das ist westlich arrogant, und das
ist in meinen Augen eher fremdenfeindlich.
Sie sprechen auch vom Realitätsverlust dieser Multikultis...
Realitätsverlust sage ich deshalb, weil diese Leute ja oft Tür an Tür mit diesen ausländischen Menschen leben. Mit anatolischen, arabischen, moslemischen
Familien, in denen hierarchisch-patriarchale Strukturen herrschen, die sie für sich niemals akzeptieren würden. Und trotzdem begegnen sie denen angeblich
tolerant. Da sehen sie einfach die Realität nicht, und sie sehen auch nicht, dass diese Menschen ihn, den Multikulti, verachten. Aber der Realitätsverlust
ist auch insofern gegeben, als nicht wahrgenommen wird, was für eine Gefahr vom politischen Islam ausgeht, und von einem extrem nationalistischen Denken,
das die Kinder der Zuwanderer zum Teil haben. Sie halten das Türkentum hoch, ohne zu wissen, was das überhaupt ist. Da guckt der Multikulti gar nicht hin!
Er guckt nicht hin, was da wirklich passiert.
Sie sprechen lieber von Urdeutschen und Deutschländern als von Deutschen und Migranten...
Wenn man eine Kultur mit ins Boot holt und sie wirklich umarmt, dann darf man die anderen Menschen nicht Ausländer nennen. Ich möchte mit dieser
Begrifflichkeit ein Zeichen setzen. Wir sind ja keine mutierten, zweitklassigen Menschen, sondern man muss schon einen Begriff für uns finden, der eine
Zugehörigkeit zu diesem Land manifestiert.
Sie erwähnen die Angst vieler „Urdeutscher“, eine andere Kultur überhaupt zu bewerten...
Das hat definitiv etwas mit der deutschen Geschichte zu tun. Und dass sich Urdeutsche nicht anmaßen dürften, eine andere Kultur zu bewerten,
ist ein bedauerliches Totschlagargument. Ich meine, dass sich viele freundlich gesinnte, liberale Deutsche wirklich mit der deutschen Geschichte
auseinandergesetzt haben und sich noch täglich damit auseinandersetzen. Die Aufarbeitung dieser schwierigen braunen Zeit ist noch nicht zu Ende.
Sie ist ein Erbe, ein Teil der deutschen Geschichte, und ich behaupte, die allermeisten Urdeutschen stellen sich dieser Verantwortung. Aber viele
Menschen, die tatsächlich liberal und tolerant sind, die anderen Kulturen auch Platz geben wollen und die Verantwortung für die Geschichte
mittragen, werden in eine Ecke gedrängt und mundtot gemacht, wenn sie kritisch sind und Menschenrechtsverletzungen in den Parallelgesellschaften
anklagen. Das ist doch absurd.
Wenn ein „Urdeutscher“ das alles aussprechen würde, was Sie in ihrem Buch aussprechen, würde er wahrscheinlich als Rassist
oder gar als Nazi beschimpft. Obwohl das, was Sie sagen, logisch und vernünftig klingt...
Genau! Und deshalb habe ich dieses Buch letztendlich geschrieben. Bitte, fangen wir doch endlich an, über all das zu reden! Es ist doch nur
vernünftig, den Kindern die deutsche Sprache beizubringen; vernünftig, sie in dieses Land zu integrieren, indem sie die Kultur kennen lernen. Es
ist doch nur vernünftig, die Menschenrechte und die demokratischen Werte zu verteidigen. Und klar zu erkennen, dass es eine islamische Erklärung
der Menschenrechte gibt, die ausdrücklich und absolut gegen unsere allgemeine Erklärung der Menschenrechte wirkt. Und es ist doch nur vernünftig,
jeden, der hier in Deutschland einen Verband im Namen der islamischen Religion gründet, damit zu konfrontieren und ihn zu fragen, ob für ihn hier
auf deutschem Grund und Boden die allgemeine Erklärung der Menschenrechte gilt oder die islamischen Menschenrechte. Wenn Letzteres der Fall ist,
dann bedeutet das, dass er die Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht akzeptiert und auch die Religionsfreiheit nicht. Es ist doch nur
vernünftig, das zu klären, was ist daran rassistisch?
Sie schreiben von den Parallelgesellschaften, die sich in Deutschland gebildet haben, und vom mangelnden Integrationswillen, der sich
inzwischen eingestellt hat.
Den hat’s vorher auch schon gegeben. Und das hat man nicht gesehen. Meine Eltern z.B. wollten sich gar nicht integrieren, weil sie von
vornherein vorhatten, nach einer Weile in die Türkei zurückzukehren. Und dieses Bewusstsein, irgendwann in die Heimat zurückzukehren, lebt in den
Folgegenerationen weiter. Viele, die nicht in die Türkei zurückgekehrt sind, haben ihren Kindern trotzdem die Botschaft weitergegeben: Eure Heimat
ist das Herkunftsland der Großeltern – und das machen sie heute noch. Deshalb gebe ich der 2. Generation eine besonders große Verantwortung. Die
müssen wir jetzt viel mehr zur Diskussion verpflichten bezüglich der Veränderung der nächsten Jahre und Jahrzehnte. Wir müssen ihnen klar machen:
Ihr habt doch gemerkt, dass ihr hier bleibt oder hier bleiben wollt. Dann müsst ihr euch auch Gedanken machen über die Frage, was Heimat ist, was
Partizipation an einer Gesellschaft ist und was Integration. Bedeutet das Erlernen der deutschen Sprache denn tatsächlich Assimilation? Warum
assoziiert ihr mit dem Erwerb der deutschen Sprache sofort Selbstaufgabe, Totalaufgabe der traditionellen Kultur? Man muss sie mit all diesen
Fragen viel mehr konfrontieren. Denn sie geben ihr Bewusstsein an ihre Kinder weiter.
Man stelle sich das mal vor, dass die Deutschländerkinder, die hier in der 3. Generation geboren wurden, bei Eltern aufwachsen, die nicht
sagen können: Deutschland ist meine Heimat. Wie soll denn dieses Kind, das die Muttersprache seiner Eltern noch viel schlechter lernt, als die 2.
Generation dazu noch die Chance hatte, und die Kultur der Großeltern nur noch vom Hörensagen kennt, wie sollen diese Kinder zurechtkommen? Denn
wir, die 2. Generation, sind doch selber schon so lange hier bzw. weg von der türkischen Kultur. Deshalb ist das, was wir weitergeben, so ein
Mischmasch, ein Kuddelmuddel. Veraltet vor allem und konserviert. Und das wird an Kinder weitergegeben, die dann im modernen Europa, in
Multikulturalität mit vielen Sprachen leben sollen. Das kann nicht funktionieren. Diese Kinder sind zerrissen, sie haben keine Identität und
sind in einem ständigen Loyalitätskonflikt. Sie sollen den Eltern gegenüber die „eigene“ Kultur wahren. Aber was ist eigentlich die
„eigene“ Kultur? Inzwischen eine totale Mischung aus einem Loosertum aus beiden Kulturen. Sie sind zweisprachige Analphabeten,
kennen keine der beiden Kulturen richtig und haben daraus eine ganz eigene Kultur gemacht, nämlich die Kultur der „lost generation“.
Wer ist Schuld daran, das Türken der dritten oder vierten Generation sich mehr denn je als Fremde fühlen?
Beide Seiten, die Mehrheitsgesellschaft und auch die Elterngenerationen sind daran schuld. Wenn ein Kind in eine Gesellschaft geboren wird,
in der es ständig als Ausländer bezeichnet wird, in Ausländerklassen gesteckt wird, in dem es immer wieder vermittelt bekommt: „Du hast keine
Chance“ und wenn es auf der Elternseite ständig gesagt bekommt: „Du bist türkisch, du bist arabisch, du hast eine andere Identität
als die Anderen — dann kann dieses Kind, orientierungslos und zerrissen wie es ist, keine vernünftige Identität bilden. Diese Kinder
brauchen Boden unter den Füßen. Da haben beide Seiten, die deutsche Gesellschaft und die Eltern der Kinder, versagt. Wobei ich der Meinung bin,
dass man die Eltern der Deutschländer bisher viel zu wenig in die Verantwortung genommen hat. Man muss ihnen klar machen: Der Bildungsauftrag der
Schule allein reicht nicht aus, wir brauchen auch die Unterstützung der Eltern. Das ist nicht geschehen, man hat die Konfrontation mit ihnen nicht
gesucht. Man hat die Eltern der Deutschländerkinder meist als Menschen wahrgenommen, die die deutsche Sprache nicht sprechen, zu denen man keinen
Zugang hat, an die man nicht herankommt, und hat dann sehr schnell aufgegeben.
Ich möchte in diesem Zusammenhang auf ein Zitat von Bassam Tibi zurückkommen, das Sie in ihrem Buch anführen. Da heißt es sinngemäß,
Deutschland könne den Fremden keine Identität anbieten, weil die Deutschen selber keine hätten. Teilen Sie diese These?
Ich teile diese Ansicht, weil die Deutschen wegen ihrer Geschichte ein Problem haben, Identität zu definieren und als Identität auch anzunehmen.
Ist demzufolge Integration in unserem Land überhaupt möglich?
Ja, wenn die Deutschen und die Europäer zu ihren Werten und zu ihrer Identität stehen würden, wenn sie mehr Rückgrat beweisen würden, dann ist
Identität möglich, und dann kann man Anderen auch Angebote machen.
Das heißt, die Deutschen müssen erstmal Identitätsfindung betreiben...
Ja, ich bin überzeugt, dass das absolut notwendig ist. Wenn hier massenhaft Menschen öffentlich immer aufs Neue bekunden, wie schlimm und
schrecklich Deutschland sei, und dass sie mit der deutschen Kultur nichts am Hut haben, wie wollen sie dann einem türkischen oder kurdischen
Jungen erklären, dass es hier gute Dinge gibt, die man annehmen könnte? Nur wenn ich von etwas überzeugt bin, zum Beispiel von der Idee der
Demokratie, kann ich sie auch jemand anderem nahe bringen.
Es gibt aber weltweit eigentlich kein gelungenes Beispiel von Integration...
Trotzdem glaube ich daran. Zum einen haben wir gar keine andere Chance. Wir leben in einer multikulturellen Welt, und wir müssen Lösungen
finden. Denn es gibt überall Probleme, und wir sind nicht einzigen, die sich Gedanken machen, wie man das besser hinkriegen kann. Es ist keineswegs
so, dass die USA mit der Diskussion aufgehört haben. Es gibt dort einige Menschen, die die Probleme erkennen und daran arbeiten, etwas Neues zu
gestalten. Darunter sind zum Beispiel Menschen, die sich Gedanken über die Transkulturalität machen, wovon ich ja auch viel halte.
Was bedeutet „Transkulturalität“?
Wenn Menschen in zwei Kulturen aufwachsen, so wie ich, und beide Kulturen wirklich richtig kennen und in beiden leben, auch in beiden
gefestigt sind, also beide Sprachen sprechen, darin träumen, fühlen und denken, dann entsteht etwas ganz Neues, nämlich eine Mischung der
beiden Kulturen in einer Person. Das ist eine ganz neue Kultur, die sich bei mir z.B. darin ausdrückt, dass ich nicht mal ansatzweise
nationalistisch denken kann und will. Das ist für mich absolut fremd. Ich habe kein Gefühl, keine Emotion für etwas Nationalistisches.
Gleichzeitig habe ich kein Problem, die türkische Fahne hin und wieder schön zu finden oder die deutsche Fahne schön zu finden. Aber ich verbinde
mit keiner ein übernationalistisches Gefühl, sondern einfach: Das steht jetzt für diese Kultur, mehr nicht. Dieses ist meins, und auch jenes ist
meins, das ist aber nicht über- oder unterbewertend. Wenn man das erkennt, dass sowohl das eine als auch das andere nicht fremd ist, sondern das
Eigene, dann hat man auch ein positives Gefühl zu allen anderen Kulturen. Und jeder Mensch verknüpft unterschiedliche Dinge aus den Kulturen.
Man kann sagen, dass jedes Individuum aus den beiden Kulturen, zusammen mit den eigenen Charakterzügen, eine neue Mischung hervorbringt, eine
transkulturelle Identität.
Das gelingt aber nur bei Menschen, die sich mehrere Kulturen einverleibt haben. Die Anderen sind demgegenüber ja beinahe benachteiligt.
Ja, insofern sie dieses Gefühl der Selbstverständlichkeit des „Anderen“ nicht entwickeln können. Aber man kann sich auch öffnen für andere
Kulturen und sie kennen lernen. Diese Möglichkeit bietet ja die multikulturelle Gesellschaft. Der Urdeutsche kann sich mit einer anderen Kultur
beschäftigen, er hat die Chance, etwa die Sprache zu erlernen, und somit kann er auch an der transkulturellen Identität partizipieren. Das ist
nie nur Einwanderern vorbehalten. Für die Einwanderer ist es eine Notwendigkeit, für die Anderen eine Bereicherung, ein Luxus, wenn man so will.
Im Moment ist die Stimmung ja sehr ungünstig für das Aufeinander Zugehen. Das hängt mit den verschiedenen Religionen zusammen,
die hier eine ganz besondere Rolle spielen.
Das liegt am fundamentalistischen, am politischen Islam und an dem Terror, der weltweit im Namen des Islam verübt wird. Das muss man einfach
klar aussprechen. Aber es liegt nicht am Islam als solchem. Es liegt an den Menschen, die den fundamentalistischen Islam ausleben. Wenn wir uns
die drei monotheistischen Weltreligionen anschauen, Christentum, Judentum und Islam, dann muss man feststellen, dass sie alle sehr kriegerisch
und auf Gewalt ausgerichtet sind. Überall findet sich der Herrschaftsanspruch über andere, Missionierung, Frauenunterdrückung. Nur hat es durch
die Aufklärung und durch die Reformen im Christentum und im Judentum eine Entwicklung gegeben. Dass wir eine weibliche Rabbinerin haben können,
ist inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Und irgendwann wird es auch katholische Bischöfinnen geben, weil die Bewegung aus der Gruppe der
Gläubigen einfach in diese Richtung drängt. Nämlich zu sagen, dass es Zeiten gab, in denen diese Religion restriktiver ausgelegt wurde, gerade
was die Frauen anbelangt, aber dass man sich weiter entwickelt und die Institution Kirche in die Schranken weist. Das alles ist im Islam noch
nicht geschehen. Der Islam braucht eine Bewegung, wie sie Martin Luther etwa einst in der katholischen Kirche ausgelöst hat. Was er aber schon
jetzt hat, sind viele Frauen und viele Männer, die sich gemeinsam für die Modernisierung, für eine zeitgemäße Auslegung des Islams, für eine
Theologie des Islams einsetzen. Denn der Islam als Religion, oder besser die Spiritualität des Islam, hat seine bzw. ihre Existenzberechtigung.
Der Islam hat auch seine schönen Seiten, hat auch etwas Positives. Etwa in einem Verhältnis zu Gott zu stehen, ohne eine Institution dazwischen.
Das ist eine Besonderheit im Islam, das kann man schätzen. Deshalb sage ich auch: Nicht der Islam, den es in der Form überhaupt nicht gibt, ist
Schuld. Aber das, was uns derzeit als der einzig wahre Islam verkauft wird, ist hinderlich und nicht vereinbar mit Menschenrechten und Demokratie.
Und ich bin davon überzeugt, dass Menschen in der Lage sind, eine Religion in ihre spirituellen Grenzen zu verweisen und klar zu sagen, dass sie
in der Politik nichts zu suchen hat.
Ist die islamische Lehre denn überhaupt vereinbar mit Menschenrechten und Demokratie?
Der Islam in der fundamentalistischen Auslegung, der weltweit zur Zeit als der wahre Islam von der Mehrheit der Gemeinden, der Vorstände,
der Verbände vermittelt wird, ist eindeutig nicht vereinbar mit der Demokratie.
Dann müssten hierzulande ja eigentlich alle Lampen angehen.
Exakt. Und dann muss man sich fragen, wie wir es schaffen, diese Religion in die Demokratie zu integrieren und ihr nicht die
Existenzberechtigung zu nehmen. Das dürfen wir in einer Demokratie nämlich nicht. Wir wollen auch den Islam als Religion in unserer Gesellschaft.
Ich zum Beispiel will mit meinem Islam in dieser Gesellschaft existieren. Und die Mehrheit der Muslime weltweit, die nicht in Verbänden
organisiert sind, die sich nicht von einer Organisation vorschreiben lassen, was der Islam ist, wollen das auch. Viele Muslime leben einen
liberalen Islam, sie haben nur nicht die Kräfte, die Macht und das Geld, die die Fundamentalisten haben.
Haben Sie Verständnis für die Angst manche Urdeutscher vor den Einflüssen dieser fundamentalistischen Muslime in unserem Land?
Ja, absolut. Weil ich auch Verständnis für die Angst der Türken, Araber und Muslime habe, assimiliert zu werden. Das heißt, die Angst
vertraute Traditionen und Werte aus ihrer Kultur gänzlich ablegen zu müssen. Genauso habe ich Verständnis dafür, dass die Urdeutschen Angst
davor haben, dass die Gesellschaft zu einer islamischen Gesellschaft wird. Solche Ängste sind nur allzu natürlich, und deswegen muss man auch
ganz offen darüber sprechen. Obwohl die Urdeutschen, mit allem was sie erreicht haben in ihrem Land, ein Recht darauf haben, das ihre Kultur
bewahrt bleibt ebenso wie die Kultur derer, die hier zuwandern. Wir müssen die alten Errungenschaften, die wichtig und erhaltenswert sind,
bewahren und gemeinsam unser Grundrecht und die Menschenrechte schützen. Man muss schon ein gemeinsames Ziel haben.
Was sagen Sie zu dem derzeitigen Streit um die großen Moscheen in Deutschland?
Ich bin gegen die großen Moscheen als Institutionen der Begegnung der Muslime in allen Lebensfragen und Lebensbereichen. Eine Moschee hat
im islamischen Glauben nicht die Funktion und Aufgabe wie eine Kirche im Christentum. Sie ist nicht verpflichtend die Gebetsstätte. Dort wird
unter anderem gebetet, aber die Moschee ist vor allem ein sozialer Treffpunkt für Männer, die dort einen konservativen Islam praktizieren. Und
ich befürchte, dass die großen Moscheen weniger zur Integration beitragen als vielmehr zu Orten werden, in denen sich diese Gruppen weiter
abgrenzen und die Parallelgesellschaften manifestieren.
Das bedeutet nicht, dass ich der Ansicht bin, es sollte keinen Moscheen geben. Im Gegenteil. Ich bin dafür, dass die Moscheen aus den
Hinterhöfen und Kellern herausgeholt werden, weil dort erst recht Hass gepredigt wird. Denn in einer schlimmen Umgebung kommt man eher auch auf
schlimme Gedanken. Ich denke, wir brauchen schöne, repräsentative Moscheen. Man kann die schöne Architektur des Islams darstellen, die islamische
Kunst, eine Moschee kann am gesellschaftlich-politischen Leben der gesamten Gesellschaft teilnehmen.
Sie sagen, die Sexualität ist der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Problematik.
Zwangsheirat, Ehrenmord, Kopftuch, die Integrationsdebatte – an diesem Thema reibt sich die ganze Diskussion, aber das wird nicht offen
ausgesprochen. Da sind Politik und Kirchen gefragt. Am Thema Sexualität tut sich die größte Kluft zwischen Mehrheitsgesellschaft und der
Minderheitengesellschaft auf. Über dieses Thema muss viel häufiger geredet werden, auch auf Podiumsdiskussionen mit den muslimischen Verbänden.
Wir haben in unserer Gesellschaft doch auch Probleme mit dem Thema Sexualität, nur sprechen wir inzwischen anders darüber. Die 68er waren
doch auch nicht für alle christlichen Familien eine glückselige Zeit, das hat viele Probleme gebracht. Es ist einfach falsch, wenn viele Muslime
die Deutschen als verrohende Gesellschaft ansehen. Es ist ein Vorurteil zu meinen, dass jede deutsche Familie freie Liebe, freie Sexualität
postuliere. Das ist doch gelogen. Ich verstehe da auch die Christen oder die Juden nicht, dass sie nicht beleidigt aufschreien und sagen: Es
kränkt uns, wie die Muslime unsere Frauen sehen. Eine einzige Karikatur über Mohammed ¬– und dänische Fahnen brennen. Aber ständig werden deutsche
Frauen von muslimischen Jungs als Huren beleidigt, und es gibt keinen Aufruhr in der Kirche. Da fordere ich einfach mehr Aktion von den Kirchen,
dass die auf den Tisch hauen und die Muslime auffordern, ihrer Mitverantwortung gerecht zu werden, mit ihren Söhnen Tacheles zu reden und ihnen
zu sagen: Die christlichen Frauen sind schließlich auch anständige Frauen. Ihr könnt nicht alle deutschen Frauen als Huren bezeichnen. Stattdessen
guckt die Kirche einfach nur zu. Sie sollte aber hingucken.
Hat sich eigentlich je ein katholischer Frauenverband zu diesen Kränkungen geäußert?
Nicht dass ich wüsste. Das muss meines Erachtens aber mal in großen Lettern in der Zeitung stehen, es muss ausgesprochen werden. Aber niemand
traut sich zu sagen, dass das unerträglich ist und eine tiefe Kränkung bedeutet, mindestens eine so tiefe Kränkung wie die Karikaturen. Wo wird
über die Kränkung der Christen gesprochen, wenn ihr Fest gefeiert wird, der türkische Nachbar an Heilig Abend ihm aber kein frohes Fest wünscht?
Stattdessen sollen in Belgien demnächst alle Polizisten am Zuckerfest auf der Straße weder essen noch trinken, damit sie die Gefühle der Muslime
nicht verletzen. Das ist doch absurd. Was ist das denn für ein Einknicken der Belgier? Ich bin selbst Muslimin, und ich lasse mich nicht
terrorisieren von denen, die fasten. Niemand darf mich zwingen, zu fasten.
Sie stellen in Ihrem Buch Forderungen an die Politiker und Gesetzgeber – was erwarten Sie denn von den christlichen Kirchen?
Der Dialog mit dem Islam findet zwischen Menschen statt. Nicht bei irgendwelchen Podiumsdiskussionen von Institutionen. Die Kirchen sollten
konkret schauen, welche einfachen Muslime in ihrer Gemeinde leben, und sich nicht nur um Verbände oder Vertreter von muslimischen Vereinigungen
bemühen. Falls eine Gemeinde das leisten kann, fände ich es begrüßenswert, wenn sie den direkten Kontakt zu den einfachen Menschen suchten, und
schauten, ob die sich eigentlich aufgehoben fühlen und was sie brauchen. Ich glaube, wenn ein Pfarrer durch die Straßen und türkischen Geschäfte
geht, sich da bekannt machen und mit den Menschen sprechen würde, das brächte viel mehr als diese ganzen Podiumsdiskussionen, wo mit den Vertretern
der muslimischen Verbände über Theologie gesprochen wird. Das ist Lobbyarbeit, die die türkischen Verbände da betreiben. Wenn einzelne
Gemeindevertreter mit den einfachen Menschen in den Straßen Kontakt suchen, wenn man gemeinsame Feste macht, zum Zuckerfest in die Familien geht
und so weiter, da funktioniert gegenseitiger Respekt. Ich habe Pfarreien kennengelernt, die das machen. Hier im Wedding (in Berlin, Anm.d.R.) gibt
es auch eine, wo Menschen in die Familien gehen; aus Nächstenliebe und ausdrücklich nicht mit der Absicht, zu missionieren. Sie sagen: Ich komme
aus einer anderen Religion, respektiere aber deine. Und möchte einfach, dass wir uns hier als Nachbarn respektieren.
So etwas dauert lange. Wie viele Jahre setzen Sie da an, bis das gelingt?
Integration ist keine leichte Geburt. Ich setze so zwanzig, dreißig Jahre an, vorausgesetzt wir fangen jetzt an, über das alles zu reden.
Eine persönliche Frage: Wie leben Sie mit der Angst vor neuer Gewalt gegen Sie?
Sehr gemischt. Teilweise versuche ich sie nicht an mich ranzulassen. Ich gucke mich aber ständig um, und ich bin sehr häuslich geworden.
Ich muss mich selbst schützen, aber auch die Polizei ist für mich da, wenn ich sie brauche.
Haben Sie auch schon mal daran gedacht, wie Ayaan Hirsi Ali oder Bassam Tibi, Deutschland den Rücken zu kehren und irgendwo hinzugehen,
wo Sie sich sicherer fühlen können?
Ich denke manchmal daran. Ich denke immer öfter daran. Wenn die Situation hier für mich schlimmer werden sollte, ist das die einzige
Konsequenz, die ich aus meiner bisherigen Arbeit und meinem Leben ziehen kann, ziehen muss. Ich trage die Verantwortung für das Leben meiner
kleinen Tochter, und zwar nicht nur für ihr eigenes Leben, sondern auch für ihr Leben ohne ihre Mutter, falls mir etwas passiert. Das will ich
nicht. Wenn es zu gefährlich wird, muss ich darüber nachdenken, Deutschland zu verlassen und mich dann von einem anderen Land aus zu den Themen
äußern oder eben gänzlich mein Leben ändern.
Sie waren eine leidenschaftliche Anwältin. Wie kommen Sie damit zurecht, diesen Beruf nicht mehr ausüben zu können?
Im Moment fehlt mir die juristische Arbeit wirklich sehr. Aber ich habe am 6. September meine Zulassung als Anwältin zurückgeholt. Ich werde
wieder juristisch arbeiten, aber nicht mehr mit einer eigenen Kanzlei und einem Schild an der Tür, sondern mehr im Hintergrund. Und ich werde
andere Rechtsgebiete bearbeiten, Gebiete, in denen ich juristisch arbeiten kann, ohne mich in Gefahr zu begeben. Aber das hab ich noch nicht
gefunden.
Was bedeutet Ihnen der muslimische Glaube?
Ich verachte es, wenn Menschen den Glauben politisch zur Schau stellen und demonstrativ vor sich hertragen und alles mit dem Glauben erklären.
Für mich ist der Glaube sehr privat und intim.
Und er ist für mich eine Quelle der Kraft. Ich hatte ja ein Nahtoderlebnis, nachdem ich 1984 in Berlin angeschossen und schwer verletzt wurde.
Da habe ich diesen tief greifenden spirituellen Kontakt zu einer höheren Macht, zu Allah oder wie immer man es bezeichnen mag, einfach gehabt.
Das hat mir Kraft gegeben, und aus dieser Kraft schöpfe ich Energie.
Interview: Veronika Buter
(Redigierter und gekürzter Wortlaut)
Buchtipp: Seyran Ateş, „Der Multikulti-Irrtum. Wie wir in Deutschland besser zusammenleben können.
Ullstein 2007, 256 S., € (D) 18,90, sFr 33,80.
LEBENSWERTE 06-2007
Die Tugenden. Das Wort klingt verstaubt und moralisierend. Deswegen spricht man heute lieber von „Werten“.
In der Frage, welche Haltungen und Einstellungen Grundlage für das Handeln des Menschen sein sollten,
geraten auch die christlichen Tugenden erneut in den Blick. kontinente lässt sich davon zu einer
mehrteiligen Serie inspirieren. Mit Maßhalten beschäftigt sich der sechste Teil der Serie.
Der Aufstand gegen das Maß
Maßvoll zu leben, im Einklang mit sich und der Welt, entspricht dem Menschen — eigentlich. Menschen der Überflussgesellschaft
haben jedoch vielfach den Blick für das rechte Maß verloren. Bruder Paulus Terwitte schreibt für kontinente über Menschen- und Gottesmaß.
Foto: Bergmann
Unselig unsere Augen, wenn sie größer sind als der Mund. Wir essen, bis uns der Magen drückt. Kaum einen Ratschlag geben
Ärzte vergeblicher als den, wir sollten uns doch bitte mäßigen. Da der Weg zur Hölle bekanntlich mit guten Vorsätzen
gepflastert ist, erlaubt man sich vor der empfohlenen Diätkur ein letztes Mal noch die süße Stärkung. Und kaum ist eine Woche
herum, hat man schon das sechste „letzte Mal“ hinter sich. Wir können keinen Frieden finden in dem Rahmen, der uns gesetzt ist.
Der biblische Apfelbiss hat sich seitdem millionenfach wiederholt. Statt das gegebene Paradies zu genießen, gieren wir maßlos
nach dem, was uns eigentlich zu viel ist. Oder nicht angemessen. Oder schlichtweg verboten. Einen Grund dafür liefert die Bibel
gleich mit: Wir sind Ebenbilder Gottes. Deshalb träumen wir, allmächtig zu sein und davon, uns alles erlauben zu können. Wir
kommen von unserem Schöpfer, der Frieden, Reichtum und Gut zur Genüge (Franziskus von Assisi) in sich begreift.
Maß halten erinnert Gottes Ebenbild daran, dass er eben nur Ebenbild ist und nicht Gott selber. Er erlebt als Ungenügen,
was ihm ins Menschenstammbuch geschrieben ist. Dagegen lehnt er sich auf. Er möchte sein wie sein Schöpfer. Alles haben.
Alles bekommen. Alles machen. Alles ausprobieren. Überall sein. Überall mitmachen. Die Liste lässt sich ins Unendliche
verlängern (maßlos!). Das nicht zu können, graust dem, der Gott nur gleich ist. Alles von Gott zu erwarten und in Gott
finden zu müssen, demütigt ihn. Er träumt davon, selbst Ursprung und Ziel zu sein. Oder doch wenigstens aus einem blinden
Zufall zu kommen und in einem namenlosen Nichts zu enden. Dazwischen kann er sich selber — das Wort sträubt sich, in diesem
Zusammenhang geschrieben zu werden — „erfüllen“. Was damit gemeint ist, sagt ein antikes Sprichwort.
Paulus zitiert es im Brief an die Korinther und stellt es in den Zusammenhang seiner Hoffnung: Wenn Tote nicht auferweckt
werden, dann lasst uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot (1 Kor 15,32)…
Das Portal zum Menschen Bruder Paulus: www.bruderpaulus.de
Nachrichten 06-2007:
MEGASTÄDTE
Leben in der Großstadt
CHINA
Schöne neue Toleranz?
Rechtzeitig zu den Olympischen Spielen 2008 propagiert die chinesische Regierung eine neue Offenheit gegenüber Religionen. Sie soll
zumindest für ausländische Sportler und Besucher gelten.
In Peking entsteht ein religiöses Zentrum, auf Hotelzimmern werden Bibeln ausgelegt und die Diözese von Peking — Teil der offiziellen chinesischen
Kirche — kündigt einen umfassenden Seelsorgeplan an: China bereitet sich gründlich vor auf die ersten Olympischen Spiele, die auf seinem Boden
stattfinden. Auch in religiöser Hinsicht. Christen, Buddhisten, Hindus, Moslems und Juden sollen während der Sommerspiele vom 8. bis 24. August 2008 frei
beten und Gottesdienst feiern können sowie bei Bedarf Hilfe bei Seelsorgern ihrer Religion finden. Wang Zuo An, Vizepräsident der staatlichen Religionsbehörde,
verlautbart, dass sich die Einstellung der kommunistischen Regierung zur Religion geändert habe. Sie sei heutzutage überzeugt, dass Religion eine positive
Rolle in der Gesellschaft spielen könne. Sie könne dem Einzelnen zu innerer Harmonie verhelfen und zu einer realistischen Sicht der Welt, so Wang Zuo An.
Für eine realistische Sicht der Dinge plädieren auch Menschenrechtler und kritische Chinakenner. Sie sehen noch kein wirkliches Tauwetter für gläubige
Chinesen und stehen der demonstrativen Toleranz für Religionen skeptisch gegenüber. Die Anstrengungen, die jetzt vor der Olympiade unternommen werden, kommen
vor allem ausländischen Sportlern und Gästen zugute und dienen der Imagepflege des roten Riesenreiches, ist etwa die Menschenrechtsorganisation Human Rights
Watch sicher. Die Partei fürchte noch immer das „Unruhe-Potenzial“ der Religionen. Ein geheimes Rundschreiben des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit soll
nach Angaben des Informationszentrums der verfolgten Falun-Gong-Bewegung eine strenge Überprüfung der Sportler, Funktionäre und Olympiatouristen fordern. Das
Schreiben enthalte 43 Kategorien von „unerwünschten Personen“.
Ein weiteres Problem sehen Kenner wie die Mitarbeiter des katholischen China-Zentrums in St. Augustin bei Bonn in möglicher Missionierungstätigkeit
ausländischer christlicher Missionsgruppen wie den Southern Baptists aus den USA, die zu einer „spirituellen Ernte ohnegleichen“ aufgerufen haben. Chinesische
Christen könnte der Kontakt oder die Zusammenarbeit mit den ausländischen Christen in Gefahr bringen.
Human Rights Watch stellt aktuell keine Verbesserung bei der Achtung der Menschenrechte in China fest, auch nicht im Bereich der Religionsfreiheit. Im
Vorfeld der Olympiade hat die Organisation eine Internetseite zur Entwicklung der Menschenrechte geschaltet: http://china.hrw.org/ liefert in englischer Sprache viele Informationen und Multimediainhalte.“. (hm)
STANDPUNKT
Katharina Wenzel-Teuber
China-Zentrum, Sankt Augustin, Chefredakteurin von „China heute“
Werden die Olympischen Spiele etwas an der Lage der Religionen in China ändern? Unsere Partner aus der katholischen Kirche in China bezweifeln das.
Dennoch verbinden sie mit den Spielen eine Erwartung: Sie wünschen sich, dass viele ausländische Besucher die Gottesdienste in den chinesischen Gemeinden
besuchen. Dadurch könnte für nichtchristliche Chinesen sichtbar werden, dass es etwas Normales und Schönes ist, den Glauben offen zu praktizieren. Und die
einheimischen Christen würden ermutigt und gestärkt.
Bei uns wird 2008 das Interesse an China steigen. Dies bietet die Möglichkeit, verstärkt das Thema christliche Kirchen in China in die Öffentlichkeit
zu bringen. Auch für die meisten Pfarrgemeinden ist China „weit weg“. Die Olympischen Spiele bieten uns Gelegenheit, hier ein neues Fenster zu öffnen.
Allerdings sollte danach nicht alles wieder vorbei sein. Mit dem Gebetstag für die chinesische Kirche (24. Mai) hat Papst Benedikt XVI. jüngst einen
Vorschlag gemacht, der auf Dauer angelegt ist.
KÄUFER GESUCHT
Goldmine Slum
Indiens größter Slum steht zum Verkauf: Dharavi, eine der weltgrößten Elendssiedlungen, soll nach dem Willen von Stadtplanern, Immobilienkonzernen
und der Unternehmensberatung McKinsey aus Mumbai (früher Bombay) verschwinden. Per Anzeige wird ein „internationaler Entwickler“ gesucht, der die
Millionenstadt in der Stadt für 93 Milliarden Rupien (1,7 Milliarden Euro) kauft. Und die über eine Million Menschen aus- und umsiedelt und aus Dharavi
ein Viertel mit Appartements, Einkaufszentren oder einem Freizeitpark macht. Das Gelände soll einen Wert von mindestens 7,5 Milliarden Euro haben. Mit
dem Erlös sollen Sozialwohnungen finanziert werden — für rund 300000 Menschen, die vor 1995 nach Dharavi kamen und den neuen Wohnraum kostenlos
bekommen sollen. Alle anderen sollen für jedes Wohn-Jahr fünf Prozent des Marktwerts ihrer neuen Bleibe zahlen. Wenn das Projekt — wie veranschlagt
— 2014 fertig wäre, müssten viele 100 Prozent zahlen. Das aber kann keiner der Einwohner von Dharavi. (hm)
KOMPAKT
Folgenreiche Entwicklung
Auf acht Milliarden Menschen wird die Bevölkerung der Entwicklungsländer bis zum Jahr 2050 wachsen, so die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung.
Die Zunahme um 2,6 Milliarden Menschen beraube viele Länder der Chance Armut und Hunger zu besiegen.
Chinesen treiben Bierpreis
Weil Chinesen mit wachsender Begeisterung Bier trinken, steigen die Preise für Hopfen und das Getränk selbst — auch in Deutschland.
2006 hat sich der Preis für die wichtigste Bierzutat verdreifacht. Die Hälfte der Teuerung geht auf den Durst der Chinesen zurück.
Tot durch Steinigung
40 Menschen sterben jedes Jahr durch Steinigungen. Diese extrem grausame Form der Todesstrafe wird nach Angaben der Internationalen Gesellschaft
für Menschenrechte ausgeführt in Iran, Irak, Jemen, Nigeria, Afghanistan, Pakistan, Saudi-Arabien, Somalia, Sudan und den Vereinigten Arabischen Emiraten.
AFRIKA
Job statt Flucht
Die Afrikaner, die nach lebensgefährlicher Bootsfahrt übers Meer völlig entkräftet an Europas Küsten landen, kommen nicht aus Abenteuerlust.
Sie fliehen vor Armut und Perspektivlosigkeit, Kriegen oder Verfolgung. Die spanische Regierung investiert jetzt verstärkt in Ausbildungs- und Jobprogramme
für die, die vor Arbeitslosigkeit und Elend fliehen könnten. Mit dem Aufbau von Ausbildungszentren in einigen westafrikanischen Ländern soll der
Flüchtlingsstrom, vor allem auf die Kanarischen Inseln, gestoppt werden. Junge Arbeitslose sollen zu Maurern, Landwirten, Fischern oder Mitarbeitern
im Tourismus oder in der Gastronomie ausgebildet werden. Erste Zentren in Gambia und Guinea-Bissau sind im Bau, bis zum Jahresende sollen weitere in den
beiden Ländern sowie in Mauretanien, Ghana, im Senegal und in Mali entstehen. Spanien hat bei ähnlichen Projekten bereits entdeckt, dass es auf diesem
Wege auch zu qualifizierten Arbeitsimmigranten kommt: Wer an so einem Programm teilnimmt, darf legal einreisen. (hm)
MENSCHENRECHTE
Blick auf Darfur
Rund um die Welt kann jeder mit Internetzugang beobachten, wie die Lage in zwölf der gefährdetsten Dörfer im Sudan ist. „Eyes on Darfur“,
Augen auf Darfur, heißt ein Projekt der Menschenrechtsorganisation amnesty international, das per Satellitenkamera Internetnutzer zu Friedensbeobachtern
für die Region machen soll. Durch die öffentliche Aufmerksamkeit soll die Regierung unter Präsident Omar al-Bashir außerdem dazu gebracht werden,
weitere Menschenrechtsverletzungen und Gewalt zu verhindern. Darfur war in den vergangenen vier Jahren Schauplatz eines blutigen und brutalen Krieges.
Mittels des weltweiten Computernetzes sollen besonders gefährdete Einrichtungen wie für die Wasserversorgung möglichst geschützt werden. Zudem sollen
Bedrohungen durch das Militär schneller entdeckt werden. Die Internetseiten lassen den Nutzer auch die Entwicklung der einzelnen Dörfer in dem Konflikt
nachvollziehen: Ein drei Jahre altes Bild von Donkey Dereis zeigt eine intakte Landschaft mit Hunderten von Hütten — das Dorf ist mittlerweile
fast komplett zerstört und überwuchert. (hm)
Info: www.eyesondarfur.org (in englischer Sprache)
ABTREIBUNG
Käuflicher Seelenfrieden?
Jede fünfte Schwangerschaft endet in Japan mit einer Abtreibung des Kindes, schätzen Frauenärzte. Offiziell ist von 290000 Abtreibungen im Jahr die Rede.
Bis zur 22. Woche darf das Baby legal getötet werden. Mit den Schuldgefühlen der „Eltern“ machen viele Tempel ein gutes Geschäft: Umgerechnet
bis zu 2000 Euro zahlen die Mütter und Väter für eine Statue des kahlköpfigen Mönches Jizo. Das Lesen buddhistischer Sutren kostet extra. Damit sollen die
toten Kinder besänftigt werden, damit sie sich nicht rächend gegen die Familie stellen, in die sie nicht geboren werden durften und ihr Krankheit,
Misserfolge, Geld- oder andere Sorgen bringen. Die Seelen abgetriebener oder totgeborener Kinder sind der japanischen Mythologie zufolge unfähig, den Fluss
des Todes zu überqueren; Jizo soll ihnen hinüberhelfen. Ein katholisches Krankenhaus in Kumamoto hofft, mit der ersten Babyklappe Japans einen Weg
eingeschlagen zu haben, die Zahl der Abtreibungen zu senken. (hm)
BRASILIEN
Müll wird zu Strom
Auch wenn sie inzwischen stillgelegt sind: Die Abfälle auf den Mülldeponien „Bandeirantes“ und „São Joao“ im brasilianischen
Sao Paulo stinken und faulen weiter. Und produzieren dabei das klimaschädliche Gas Methan. Doch genau dieses Gas wird jetzt in Verdichter-Stationen gesammelt
und in zwei Kraftwerke eingespeist. Die Anlagen haben eine Kapazität von 170000 Megawattstunden pro Jahr und sollen ab 2008 etwa zehn Prozent der Menschen
in Sao Paulo mit Strom versorgen.
Die deutsche KfW-Entwicklungsbank hat vom Betreiber der Anlagen Emissionszertifikate erworben und wird sie an Unternehmen verkaufen, die mehr CO2
ausstoßen, als ihnen zusteht — eine Vorgabe internationaler Klimaschutz-Richtlinien.
Die Deponie „Bandeirantes“ war eine der größten Deponien Brasiliens mit einem täglichen Müllaufkommen von rund 15000 Tonnen. Zum Vergleich:
In Deutschland fallen täglich rund 106000 Tonnen Müll an. (bly)
MENSCHEN 06-2007
ISAAC DUROJAIYE
Aufs Örtchen in Nigeria
„Würdige Mobile Toiletten“ (DMT) heißt die Firma von Isaac Durojaiye in der nigerianischen Hauptstadt Lagos. „Würdig“, so erklärt der
42-jährige Unternehmer in einem Interview mit dem britischen Nachrichtensender BBC, „weil ich der Welt zeigen will, dass es auch bei diesem Geschäft eine
Würde gibt.“ Für 20 nigerianische Naira (knapp 0,12 Euro) kann nun jeder Durojaiyes Toiletten nutzen. Jede Toilette wird durchschnittlich 100 Mal am Tag
aufgesucht. Durojaiye hat Pläne, die Fäkalien in Biogas, Strom oder Pflanzendünger umzuwandeln. Als er sein Unternehmen 1992 startete, gab es in Nigeria 500
funktionierende öffentliche Toiletten für 130 Millionen Einwohner. Und selbst diese Toiletten seien schlecht gepflegt gewesen. Anders bei DMT: „Wir leeren
die Behälter zweimal die Woche“, sagt Durojaiye stolz. (bly)
ÜBERZEUGTE FRAUEN
Unterschriftensammlerinnen in Iran
Der Name ist umständlich, die Forderungen haben es in sich: Die Kampagne der iranischen Frauenbewegung „Eine Million Unterschriften gegen die
Ungleichheit von Männern und Frauen vor dem Gesetz“ gilt inzwischen als lebendigste Kraft der iranischen Zivilgesellschaft. „Wenn wir eine Million
Unterschriften haben, muss sich das Parlament mit unseren Forderungen befassen“, sagen die Frauen der Kampagne in einem Bericht der tageszeitung (taz).
Den Frauen geht es um Änderungen an Gesetzen, die bislang vorschreiben, dass Töchter nur die Hälfte dessen erben, was Söhne bekommen, dass die Aussage einer
Frau vor Gericht nur halb so viel Gewicht hat wie die eines Mannes oder dass ein Mann seiner Frau verbieten kann zu studieren, zu arbeiten oder zu reisen.
Rund 300000 Unterschriften haben die Frauen seit November 2006 schon gesammelt.
(bly)
MICHA SCHMID
Laugengebäck in Indien
„German Bakery“ steht auf dem Eingangsschild zur Bäckerei in der Altstadt der indischen Stadt Varanasi. Und tatsächlich: Der Bäcker ist
Deutscher, die Lauge für die Laugenbrezeln kommt aus Deutschland. Micha Schmid hat es vor Jahren nach Indien verschlagen, und im vergangenen Jahr hat er
gemeinsam mit seinem indischen Freund Baba Sharma in dessen Haus eine Bäckerei eröffnet. Das Handwerk hat der 36-Jährige in seiner Jugend bei seinem Onkel
in Mühlacker im Nordschwarzwald gelernt. Inzwischen hat Schmid neben der Bäckerei eine Schule für benachteiligte Kinder ins Leben gerufen, die dort
kostenlos Unterricht und Essen erhalten. Und die Mütter stellen in der Zeit Müsli und Chutneys her und verkaufen die Sachen in der Bäckerei.
(bly)