Magazin > Heft 05-2007

ÜBERSICHT

REPORTAGE 1 – Arabische Emirate
REPORTAGE 2 - Myanmar
INTERVIEW - Pater Guy Theunis
LEBENSWERTE - Gerechtigkeit
NACHRICHTEN
MENSCHEN

         

REPORTAGE 1 – 05-2007:

Glaubenszeugin: Winnie Machado ist eine der stärksten Motoren in der Gemeinde von Abu Dhabi.

Kreuz und Minarett

In Abu Dhabi und Dubai lebt die Kirche abgeschieden hinter Mauern und im Schatten der Minarette. Sie ist dennoch eine der lebendigsten Kirchen — ihr Rückgrat sind die Laien. Denn die Kirche kann trotz ausdrücklich guter Beziehungen mit der Regierung keine Sozialarbeit machen. Und so kümmert sich etwa die Bewegung der Charismatischen Gemeinschaft um die Mitglieder der 120000-köpfigen Gemeinde in Abu Dhabi, die ihr Glück im vermeintlich gelobten Land der aufstrebenden Emirate nicht gefunden haben.

Text: Hildegard Mathies
Fotos: Günther Menn

   

Nebeneinander? Schlicht sind die Kirchen in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Und immer überstrahlt von einer Moschee.

„Ich bin nur ein sündiger Mensch, der Gott sucht“, sagt Winnie Machado, einer der Motoren der Charismatischen Gemeinschaft in Abu Dhabi bescheiden, fast demütig. Dabei ist sie unermüdlich im Einsatz, hält stets Ausschau nach Menschen, denen sie helfen kann. Das können vor brutalen Dienstherren geflohene, völlig verzweifelte philippinische Hausmädchen sein, die sie im hintersten Winkel der St.-Joseph-Kirche sieht. Manchen von ihnen begegnet sie, wenn sie mit zerschmetterten Gliedern im Krankenhaus liegen, weil sie keinen Ausweg sahen, als sich aus dem Fenster zu stürzen, um vor ihren Arbeitgebern zu fliehen, die sie ausbeuten, misshandeln, vergewaltigen. Winnie macht regelmäßig Besuchsdienst im Krankenhaus – etwas, das den Ordensfrauen und Priestern in Abu Dhabi seit einigen Jahren verboten ist, weil in vielen Köpfen die Angst sitzt, sie würden Muslime missionieren wollen...


 


 

Ein Kind im Vordergrund. Im Hintergrund die HIV-positive Mutter.

REPORTAGE 2 – 05-2007:

Das große Sterben

Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit haben sich hunderttausende Menschen in Myanmar mit Aids inifziert. Das diktatorische Regime leugnet das dramatische Ausmaß der Epidemie und unterbindet Hilfe von außen. Beobachter vermuten, dass die Regierung die Krankheit bewusst als Waffe gegen die ethnischen Minderheiten – wie die christlichen Kachin – benutzt. Schwester Mary Dillon, eine irische Ordensfrau, bietet dem Sterben die Stirn. Obwohl die Kirche in dem von Generälen regierten Land nur vorsichtig arbeiten kann.

 

Text: Veronika Buter

Fotos: Hartmut Schwarzbach

 

Zuwendung: Schwester Mary macht ihrer Patientin Mut. Bernadette hat erst vor kurzem erfahren, dass sie HIV-positiv ist.

„Das Schlimmste ist die Unwissenheit der Menschen. Viele warten einfach nur auf den Tod“, sagt Schwester Mary. Allerdings wissen nicht alle Kranken, dass sie HIV-positiv sind. Viele werden von den Ärzten im Ungewissen gelassen, mancher wird mit dem Bescheid „Alles in Ordnung“ weggeschickt. Und die, die von ihrer Infektion wissen, haben oft keine Ahnung, dass sie mit gesunder Ernährung und anti-retroviralen Medikamenten ihre Lebensqualität verbessern und ihr Leben verlängern könnten. Doch die Behandlung ist ohnehin kostspielig und für viele Menschen unerschwinglich in dem Land ohne staatliches Gesundheitswesen.

Schwester Mary ist mit ihrem mobilen Gesundheitsteam täglich in den Townships der Armen unterwegs. Sie bringt Nahrung, Linderung – und Hoffnung. Wenigstens für einige. Die resolute Ordensfrau redet zudem Priestern und Ordensleuten ins Gewissen, von denen zwar fast alle Angehörige durch Aids verloren haben – die aber auch große Berührungsängste mit dem Thema haben. „Weil es mit Sex und Kondomen zu tun hat“, sagt Mary Dillon. Aber sie entlässt sie nicht aus ihrer Verantwortung...  

 

 

INTERVIEW 05-2007

Belgier, Afrikamissionar, Regimekritiker, Journalist: 
		Pater Guy Theunis weiß bis heute nicht, aus welchem Grund er in Ruanda verhaftet wurde.

INTERVIEW

„Im Gefängnis war ich in Sicherheit“

Interview mit Pater Guy Theunis

Diesen Tag wird der belgische Pater Guy Theunis wohl nie vergessen: Auf dem Rückflug von einem Seminar im Kongo wird er am 5. September 2005 auf dem Flughafen der ruandesischen Hauptstadt Kigali festgenommen. Er soll Anfang der 90er Jahre zum Völkermord an den Tutsis aufgerufen haben. Nach zwei Monaten erreicht die belgische Regierung eine Überführung der Strafakte nach Brüssel, Pater Theunis wird freigelassen. Auf einen Prozess wartet der 61-Jährige bis heute.

Sind Sie ein freier Mann?

Ich bin frei, und zur gleichen Zeit bin ich nicht frei. Denn jetzt kann ich in kein Land Afrikas gehen. In gar kein Land. Das ist das Problem. Ich hänge von der belgischen Justiz ab. Gut, ich bin frei, aber sie haben mir gesagt: „Wenn Sie noch mal nach Afrika gehen, und es gibt dort ein Problem, dann können wir Ihnen nicht mehr helfen.“ Es ist ein komisches Gefühl, Afrikamissionar zu sein und nicht nach Afrika gehen zu können.

Fühlen Sie sich vollständig rehabilitiert?

Nein. Was mir sehr geholfen hat, ist, dass mir „Kerk en leven“ („Kirche und Leben“, katholische Wochenzeitung) in Belgien den Friedenspreis verliehen hat. Denn die Polizei hatte mir gesagt, die Bedingung, unter der ich zurückkehren durfte, sei, dass ich nicht rede. Aber zur gleichen Zeit bekam ich diesen Preis. Das war dann öffentlich und eine Art Rehabilitierung für mich. Und auch die Tatsache, dass seit meiner Inhaftierung europäische Medien sehr viel über mich berichtet haben. Ich hatte Glück mit der positiven Berichterstattung.

Wissen Sie, wer für Ihre Verhaftung verantwortlich war?

Nein. Es scheint, dass schon im Kongo, wo ich vorher war, die Pläne zu meiner Verhaftung bestanden. Aber wer dort was behauptet hat – man weiß es nicht.

Ist diese Unsicherheit für Sie schlimm?

Doch, auf jeden Fall ist das schlimm. Denn so kenne ich die Motive nicht – ich kann es mir nur vorstellen. Das gegenwärtige Regime in Ruanda mag es nicht, wenn man kritische Informationen nach außen gibt. Der Grund kann auch sein, dass ich Belgier bin oder dass ich Weißer Vater bin. Und sie haben etwas gegen die Zeitschrift Dialogue, deren Chefredakteur ich war. Das sind vier Gründe. Aber welcher der ausschlaggebende war – ich weiß es nicht.

Können Sie denen vergeben, die Ihre Verhaftung verursacht haben?

Ja. Es war eine schmerzhafte Erfahrung. Aber man wächst immer, wenn man mit dem Leiden konfrontiert wird. Ich verspüre heute keinerlei Verbitterung, gegenüber niemandem. Das ist doch das Geheimnis von Ostern: Das Leiden kann zum Leben führen, wenn das Leben mit Liebe gelebt wird. Das ist die Gnade, die ich erhalten habe in dieser Zeit der Gefangenschaft mit Frieden im Herzen.

Wie haben Sie sich im Gefängnis gefühlt?

Zunächst war ich furchtbar wütend, aber dann war ich froh und ruhig, weil ich wusste: Im Gefängnis bin ich in Sicherheit. Denn dort habe ich viele Freunde getroffen, und auch die christliche Gemeinschaft schützte mich.

Was haben Sie im Gefängnis getan?

Im Männerbereich des Zentralgefängnisses in Kigali waren wir 6000 Männer. Dort bin ich sehr herzlich empfangen worden. Ich hatte ja zuvor bereits 24 Jahre in Ruanda gelebt und viele Menschen wiedererkannt, und noch mehr erkannten mich. Eigentlich bin ich dort der Pfarrer geworden: Es gab Gebetszeiten, ich habe die christlichen Gruppen des Gefängnisses besucht, und es kamen viele Menschen zu Gesprächen zu mir. Es gab ja auch schon vorher eine gut organisierte Gemeinde im Gefängnis. Viele Insassen leben bereits seit 1995 dort, und es sind viele Intellektuelle unter ihnen: ehemalige Minister, Botschafter, Ärzte, Anwälte, Ingenieure. Während der Zeit habe ich viel über Ruanda gelernt. Und es gab dort wirklich viele Menschen, die mir helfen konnten.

Sie wurden der Beteiligung am Völkermord beschuldigt. Darauf steht die Todesstrafe. Hatten Sie davor Angst?

Nein. Niemals. Nur einmal, nach den ersten Prozessen, hatte es öffentliche Hinrichtungen gegeben. Seitdem gab es das nicht mehr, sondern die Umwandlung in Haftstrafen. Deswegen dachte ich, als ich ins Gefängnis kam: Jetzt bleibe ich hier für 25 Jahre.

Sind die Dorfgerichte, die sogenannten Gacacas, eine gute Sache?

An manchen Orten gibt es dank der Gacacas wirkliche Versöhnung. Aber mit der Zeit sind die Gacacas ein Mittel geworden, um offene Rechnungen zwischen Nachbarn zu begleichen, manchmal mit einem politischen Bezug. Heute werden Ruandesen, die studiert haben und Geld besitzen, unrechtmäßig von ihren Nachbarn angeklagt, um sie ins Gefängnis zu bringen. Deshalb haben viele Menschen Angst.

Es gibt also keinen Frieden in Ruanda?

Das hängt davon ab, was man unter „Frieden“ versteht. Die Polizei ist überall präsent, die öffentliche Sicherheit ist damit gewährleistet. Aber auf dem Land leben die Ruandesen in Angst. Für eine wirkliche Versöhnung müssten demokratische Parteien existieren, und es müsste eine echte politische Diskussion in dem Land geben. Alle Ruandesen müssen anerkennen, dass auch die jeweils anderen gelitten haben, nur dann kann etwas passieren. Mancherorts beginnt das bereits, besonders unter Frauen: Sie gründen Gruppen, in denen Hutus und Tutsis sind, und reden miteinander.

Werden Sie eines Tages nach Ruanda zurückkehren können – und wollen?

Ja, doch im Moment ist das nicht möglich, da mein Fall ja in Belgien noch nicht abgeschlossen ist. Aber ich liebe die Menschen in Ruanda sehr. Und die katholische Kirche hat dort eine wichtige Mission.

Interview: Barbara Leyendecker, Franz Jussen

 

 

LEBENSWERTE 05-2007

Glaube, Hoffnung, Liebe, Klugheit, Gerechtigkeit, Maßhalten, Tapferkeit.

 

Die Tugenden. Das Wort klingt verstaubt und moralisierend. Deswegen spricht man heute lieber von „Werten“. In der Frage, welche Haltungen und Einstellungen Grundlage für das Handeln des Menschen sein sollten, geraten auch die christlichen Tugenden erneut in den Blick. kontinente lässt sich davon zu einer mehrteiligen Serie inspirieren. Mit Gerechtigkeit beschäftigt sich der fünfte Teil der Serie.
 

Gleiches Recht für alle?

Der Gerechtigkeitssinn sitzt in der Zirbeldrüse jedes menschlichen Gehirns. Doch es gibt fast so viele Vorstellungen von Gerechtigkeit — und Ungerechtigkeit — wie Menschen. kontinente hat bei kleinen und großen Leuten nachgefragt. Lassen Sie, liebe Leser, sich anregen davon.

 

Es wäre gerecht, wenn jeder Mensch so viel Liebe in seiner Kindheit erfahren würde, dass er als Erwachsener fähig wäre, Liebe weiterzureichen, statt aus einem Mangelgefühl heraus voller Neid und Hass durchs Leben zu gehen.
Kirsten, 40, Ausstatterin Film/TV

Es ist ungerecht, wenn einer ein Eis kriegt und der andere nicht – wegen gar nichts.
Benni, 6, Schulkind

Es wäre gerecht, wenn alle Menschen der Welt die gleichen Chancen im Leben hätten.
Alexander, 15, Schüler

Es ist ungerecht, dass Geld die Welt regiert. Es wäre gerecht, wenn Liebe und Menschlichkeit die Welt regieren würden.
Wilma, 41, Shiatsu-Praktikerin

Ich fände es gerecht, wenn jeder seine Gefühle aussprechen dürfte, ohne dafür verurteilt oder bestraft zu werden.
Barbara, 48, Ärztin

Ungerecht ist, wenn Hungernde zusehen müssen, wie die Reichen sich nicht ernähren können.
Norbert, 45, Philosoph und Aikido-Lehrer

Ungerecht ist, dass Unternehmen ihre Gewinne maximieren und ihre Angestellten „freistellen“.
Inge, 50, Lehrerin

Ungerecht ist, dass viele Menschen überarbeitet sind und andere keine Arbeit haben und keinen Lohn, um ihre Lebensunterhaltskosten zu bestreiten.
Gisela, 56, Lehrerin

Es ist ungerecht, dass so viele Kinder auf der Welt hungern. Es wäre gerecht, wenn alle Staaten zu Maßnahmen verpflichtet würden, um diesem Missstand endlich ein Ende zu bereiten.
Anja, 47, Chefsekretärin

Es wäre gerecht, wenn jede Person das bekommen würde, dessen sie wirklich bedarf: Liebe, Zugehörigkeit, Interesse, Freiheit, Grenzen, Orientierung, Nahrung, Wärme, Unversehrtheit, Friede, Schutz, Fürsorge, Selbstständigkeit, Sinnhaftigkeit, Ästhetik...
Pauline, 46, Psychotherapeutin

Es ist ungerecht, dass jeder nur an seinen eigenen Vorteil denkt – und keiner an meinen!
Catharina, 38, Art Direktorin

Ungerecht ist, dass ein Afrikaner, der mit einer Deutschen verheiratet ist, alles bekommt, und ein Alleinstehender nichts, auch wenn er sich noch so bemüht.
Moshood, 40, Künstler aus Nigeria

Ungerecht ist, dass zwei Menschen arbeiten gehen müssen, um eine Familie zu ernähren.
Maria, 32, Erzieherin

Ungerecht ist, dass für die meisten Menschen das Lebensglück davon abhängt, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, in der richtigen Gesellschaftsschicht geboren zu sein. Es wäre gerecht, wenn die, denen dieses Glück geschenkt wurde, sich dessen bewusst würden, um aus diesem Bewusstsein heraus zu einem achtungsvollen und teilnehmenden Miteinander zu kommen.
Annemarie, 62, Ehrenamtlerin Stadtjugendring

Es ist ungerecht, dass die nettesten Mädchen arrogante Freunde haben.
Sebastian, 25, Student

Ich finde es gerecht, wenn der Pudding immer haargenau gleich aufgeteilt wird.
Leonhard, 8, Schulkind

Ungerecht ist, dass in anderen Ländern mehr für die Familie getan wird als in Deutschland – obwohl wir eines der wirtschaftsstärksten Länder sind.
Stefan, 35, Barchef

Gerecht wäre, wenn viele Leute so viel Spaß in ihrem Beruf haben könnten wie ich.
Sonja, 40, Kunstlehrerin

Es wäre gerecht, wenn sich viel mehr Menschen in unserem Land für die Alten, die krank und einsam sind, engagieren würden – egal in welcher Art und Weise –, da der Staat hoffnungslos überfordert ist und menschliche Zuneigung nicht geben kann.
Christel, 59, Angestellte

Es ist ungerecht, dass ich von meinem HiWi-Job 11 Prozent in die Rentenversicherung zahlen muss.
Florian, 24, Student

Gerecht wäre, wenn wir das ganze Jahr Ferien hätten.
Sophie, 9, Schülerin

Ungerecht ist, dass in vielen Bereichen der Profit mehr zählt als Menschenleben.
Jutta, 44, Krankenschwester

Ungerecht ist, dass ich vom Staat gezwungen werde, zur Schule zu gehen, und andere Kinder nicht gehen dürfen.
Fabian, 14, Schüler

Gerecht wäre es, wenn alle, die Arbeitslosengeld II beschlossen haben, tatsächlich nur davon und zu den gleichen Bedingungen leben müssten, wie die, die es tatsächlich müssen. Und nicht nur ein Jahr, sondern mit der gleichen Perspektivenlosigkeit und Drangsalierung durch „Arbeitsvermittler“, mit der es auch die Betroffenen ertragen müssen.
Thomas, 44, Seelsorger und Dozent.

Gerecht wäre, wenn ich für die viele Arbeit, die ich im Leben hatte, endlich einmal einen angemessenen Lohn bekäme.
Regina, 49, Ambulanzkrankenschwester

Ungerecht ist, dass viele gesondert behandelt werden.
Andreas, 36, Obdachloser

Gerecht wäre, wenn unsere Rechtsprechung mehr mit Gerechtigkeit zu tun hätte.
Rüdiger, 47, Hochschulprofessor

Es ist ungerecht, dass die Armut in der Welt überwiegt und dass die sozialen Standards und Einrichtungen für Familien – wie Krippen und Kindertagesstätten – und die Unterstützung durch den Staat absolut vernachlässigt werden
Hannelore, 69, Freudendame

Gerecht wäre, wenn man, wenn man viel gelernt hat, die Klausur auch bestehen würde.
Linda, 23, Maschinenbaustudentin

Ungerecht ist, dass einige Eltern ihre Kinder nicht unterstützen.
Gonda, 37, Grundschullehrerin

Gerecht wäre, wenn sich mehr Leute für die armen Kinder in Afrika einsetzen würden.
Laura, 9, Schülerin

Gerecht wäre, wenn jeder von seiner Arbeit satt werden würde.
Josef, 58, Anästhesiepfleger

Ungerecht ist, dass es immer die unschuldigen Menschen betrifft.
Kathi, Sepp und Sandra, Bergbauernfamilie

Es wäre gerecht, wenn jedes Gesetz so formuliert wäre, dass derjenige, den es unmittelbar betrifft, es auch verstehen könnte.
Tobias, 31, Jurist

Ungerecht ist, dass Menschen mit ohnehin schon großem Bankkonto allein schon von den Zinsen ihres Vermögens leben können, während andere mit ihrem hart erarbeiteten Minimallohn kaum über die Runden kommen.
Martin, 42, Kunstmaler

Ungerecht ist, dass ein 23-jähriger junger Erwachsener in einem afrikanischen Land nicht die gleiche Chance auf Bildung hat wie ich.
Benjamin, 23, Afrikastudien-Student

Ungerecht ist, dass wir ein Überangebot an Essen und anderen Dingen haben und in anderen Ländern Menschen noch keine Schale Reis zu essen haben. Es wäre gerecht, wenn die nötigsten Dinge des Lebens etwas gerechter verteilt wären.
Edda, 65, pensionierte Lehrerin

 

 

Nachrichten 05-2007:

Opfer: Agatha, Susanna, Jessica (v.li.) und Bhoke (nicht im Bild).

BESCHNEIDUNG

Trauriges Schicksal

Schlechte Nachrichten erreichten die Redaktion aus Tansania: Drei der Mädchen aus der Titelreportage „Nicht mit mir!“ (Nummer 01-2007) sind zwangsverheiratet worden: Bhoke, Agatha und Susanna. Von Agatha und Susanna wissen wir, dass sie auch beschnitten worden sind. Mit großer Anteilnahme hatten die kontinente-Leser in der Reportage erfahren, wie die Mädchen sich gegen das grausame Ritual wehrten, wie sie flohen und im katholischen Internat „St. Anthony“ in Musoma Hilfe fanden. Und sich dort voller Hoffnungen auf ein Leben in Sicherheit vorbereiteten. Agatha und Susanna sind jedoch während eines Ferienaufenthalts gefangengenommen und verstümmelt worden. Bhoke wurde an einen Mann in Mwanza verheiratet. Wahrscheinlich ist auch sie beschnitten worden, es ist uns leider nicht bekannt. Regina Andrea, die sich um die Mädchen gekümmert und Autorin Bettina Tiburzy über ihr Schicksal informiert hat, sagt dazu: „So ist das Leben im Land der Wakurya.“  (hm)

 

LATEINAMERIKA

„Raus aus den Kirchen“

Mit einer missionarischen Offensive will die Kirche von Lateinamerika in den kommenden zehn Jahren wieder stärker werden. In den vergangenen 20 Jahren hat sie ihre Monopolstellung verloren.

Bei der Großen Kontinentalen Mission soll es nicht um Neubekehrung gehen und nicht um die Katholiken, die sich bereits den Sekten oder Pfingstkirchen auf dem katholischsten aller Kontinente zugewandt haben (siehe kontinente Nummer 03-2007). Das wird im Abschlussdokument der V. Generalversammlung der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik (CELAM) deutlich. Stattdessen sollen die bereits getauften, aber der Kirche nicht nahestehenden Katholiken integriert werden. „Wir müssen raus aus den Gotteshäusern, hinein in die Häuser der Menschen“, formulierte es Kardinal Claudio Hummes, der frühere Erzbischof von Sao Paulo, während der Generalversammlung in Aparecida. „Wir müssen suchen, fragen, erzählen und begeistern!“ Und damit genau das bieten, was viele Menschen in der katholischen Kirche vermissen, aber bei den Pfingstkirchen und evangelikalen Sekten finden: persönliche Ansprache, charismatische persönliche Glaubenszeugnisse, deutlich sichtbare und erlebbare Leidenschaft für die Sache des Herrn.
Doch den Bischöfen geht es um mehr als darum, distanzierte Christen zurückzuholen in die Gemeinden: Sie wollen, dass die ganze Gesellschaft „mit den Werten des Evangeliums“ durchdrungen wird und nennen dieses Ziel „Evangelisierung der Kultur“. Dazu zählen sie etwa die Präsenz von Laien-Christen im öffentlichen Leben sowie in wirtschaftlichen und politischen Schlüsselpositionen. Auch der Einsatz für die Armen und Ausgeschlossenen gehöre dazu, ebenso Bildung, Jugendarbeit oder die Stärkung der Familie. „Wir hoffen, ein reifes Laientum zu fördern, das mitverantwortlich ist für die Mission, Gottes Reich zu verkünden und sichtbar zu machen“, heißt es im Abschlussdokument der Generalversammlung.
Alle Christen seien aufgefordert, „Jünger und Missionare zu sein“. Das müsse vor allem in den Gemeinden Konsequenzen haben, so die Bischöfe: „Wir sind aufgerufen, eine Kirche mit offenen Armen zu sein, die jedes ihrer Mitglieder aufzunehmen und zu schätzen weiß. Daher ermuntern wir die Bemühungen, die in den Pfarrgemeinden unternommen werden, um das Haus und die Schule der Gemeinschaft zu sein, indem wir kleine Gemeinschaften und kirchliche Basisgemeinden animieren und bilden sowie auch Laienverbände, kirchliche Bewegungen und neue Gemeinden.“
Die auch in Lateinamerika starke Tendenz zur Verweltlichung und Abkehr von der Religion stelle die größte Bedrohung „für das Gute und den sozialen Frieden dar“, so Kardinal Hummes. Sie führe zu einer „Kultur der Banalität“.  (hm/kna)

 

STANDPUNKT

Bruder Jean Paul Muller, 49
Vorsitzender der AG Missionsprokuren, Salesianer Don Boscos

Persönlich bin ich sehr froh über die Aufnahme der „Option für die Armen“ in das Abschlussdokument der V. Generalversammlung und die Hinweise von Papst Benedikt auf das theologische Fundament dieser für uns alle geltenden Option. Hier sehe ich einen guten Ansatz für einen weiterführenden, konstruktiven Dialog in der Kirche auf dem amerikanischen Kontinent und erhoffe mir starke Impulse für unsere gesamte Weltkirche. Die großen Herausforderungen in der Seel-sorge und der direkten Präsenz der Kirche bei den Benachteiligten wurden nicht in ihrer ganzen Tragweite wahrgenommen. Hier müsste es ein deutlicheres Signal hinsichtlich neuer Formen der Pastoral und der dafür Beauftragten geben. Vielleicht war die Zeit noch nicht reif für eine solche Diskussion, andererseits wird die Lösung dieser Problematik immer drängender. Wir brauchen alternative Modelle. Die angedachte Kontinentalmission wird ohne die hierfür notwendigen Seelsorgerinnen und Seelsorger nur in Ansätzen umsetzbar sein, trotz aller Anstrengungen engagierter Bischöfe und Ordensgemeinschaften.

 

ALDI-STUDIE

Billig, nicht recht

Die Billig-Schnäppchen von Aldi und anderen Discountern werden nicht unter guten Arbeitsbedingungen zu gerechten Löhnen produziert. Südwind, das Institut für Ökonomie und Ökumene, will beim Verbraucher jetzt das Bewusstsein dafür schärfen, wo und vor allem wie die günstigen T-Shirts, Sporthosen und die anderen Sachen genäht werden. Kritisch und verantwortungsbewusst soll der Kunde künftig einkaufen. Mittel zum Zweck sollen dabei neben der 96-seitigen Studie „All die Textilschnäppchen – nur recht und billig?“ Flugblattaktionen und Straßentheater vor Filialen des erfolgreichsten europäischen Discounters, Aldi, sein. Südwind hat die Arbeitsbedingungen von Näherinnen in China und Indonesien untersucht. Neben Verstößen wie zu langen Arbeitszeiten und zu niedrigen Löhnen ist Autorin Ingeborg Wick etwa auf verschlossene Schlafsäle gestoßen, die eine Flucht verhindern sollen. Aldi hat verlauten lassen, es wolle nun kritischer hinsehen bei der Zusammenarbeit mit Produzenten. Für Wick ist das kein Zeichen der Beruhigung. Sie vermutet, dass Aldi sich auf die Marktlücke des „Sozialen unternehmerischen Handelns“ stürzen will.
Die Studie kann herunterggeladen werden unter http://www.suedwind-institut.de und für 5 Euro bestellt werden unter Tel. 02241-259530.  (hm)

 

KOMPAKT

Missions-Investition

Mit fast 120 Millionen Euro unterstützen die deutschen Ordensgemeinschaften ihre Missionswerke und Partner weltweit. Knapp 38 Millionen Euro gehen nach Afrika, gefolgt von 30 Millionen für Asien und 29 Millionen Euro für Lateinamerika.

Tödliches Kochen

Rund 1,6 Millionen Frauen und Kinder sterben jährlich durch giftige Gase, die beim Kochen oder Heizen in ihrer Hütte entstehen. Giftstoffe wie Kohlenmonoxid, die beim Verbrennen von Holz oder Kuhdung entstehen, führen zu tödlichen Atemwegserkrankungen.

Rekordhalter Senior

Das beste Ergebnis seit seiner Gründung 1983 hat der Senior Experten Service (SES) im vergangenen Jahr mit 1318 Einsätzen in 88 Ländern erzielt. Im SES unterstützen pensionierte Experten verschiedener Branchen ehrenamtlich soziale Organisationen und kleine Firmen, vor allem in Entwicklungsländern.

 

KENIA

Sprint zum Topf

Wer zuerst zu Hause ist, bekommt das Beste zu essen, weil der Topf noch gut gefüllt ist. Und so sprinten kenianische Schulkinder nach der Schule los und laufen so schnell wie möglich nach Hause, oft mehrere Kilometer weit. Schulbusse gibt es nämlich nicht und Fahrräder haben die Kinder und Jugendlichen nicht. Seit langem zählen kenianische Läufer zur Weltspitze in der Leichtathletik. Um hoffnungsvollen Talenten einen noch besseren Start zu ermöglichen, holt der ehemalige hessische Straßenmeister über zehn Kilometer, Alexander Hempel, sie nach Schöneck-Kilianstädten bei Frankfurt am Main. Er trainiert die jungen Läuferinnen und Läufer nicht nur, sondern bringt ihnen auch Selbstständigkeit bei. Und er managt sie. Mitunter muss er dann dafür kämpfen, dass Veranstalter den „übermächtigen“ Läufern ihr Preisgeld von 200 oder 300 Euro auszahlen. Mit dem Geld können die Kenianer zu Hause Ackerland, Schafe oder Ziegen kaufen, um sich eine Existenz aufzubauen oder die Familie zu ernähren.  (hm)

 

KUNSTMARKT

Die Akkordmaler von Dafen

Schöpferisch tätig sein, ist streng verboten in Dafen, dem größten Kunstmarkt der Welt. Hier, im Süden Chinas, entstehen rund 60 Prozent aller Kopien klassischer und moderner Meisterwerke. Exakte Kopien, denn der Kunde weiß genau, was er will. Ein Picasso für das Wohnzimmer, ein Lichtenstein für die Vorstandsetage? Alles ist möglich, alles ist malbar, alles ist kaufbar in Dafen. Gearbeitet wird wie am Fließband, in großen Hallen oder kleinen Hinterhofwerkstätten. Den Pinsel für die Bilder, die mit „100 Prozent handgemalt“ beworben werden, schwingen Absolventen von Kunstakademien genauso wie Wanderarbeiter. Für umgerechnet 30 Cent pro Bild. Wer gut ist – das heißt schnell und mit sicherer Hand – schafft 30 Bilder pro Tag. Mehr als 8000 Kopisten arbeiten in den Kunstfabriken. Angefangen hat alles 1989 mit dem Kopisten Huang Jiang und seinen ersten zehn Angestellten. 2004 erhob die chinesische Regierung Dafen zur „Kulturindustriellen Modellbasis“. Der Fotograf Yu Haibo, von dem das Foto oben stammt, hat für seine Bilder der Maler von Dafen übrigens einen World Press-Preis bekommen.  (hm)

 

FORSCHUNG

Wüstenpotenzial

Vom wachsenden Markt für Biokraftstoffe könnten Agrarländer profitieren, die bislang zu den Ärmsten gehören. Der Anteil von Treibstoffen, die aus Pflanzen gewonnen werden, soll kräftig wachsen, prognostiziert etwa die deutsche Bundesregierung. Sie rechnet damit, dass im Jahr 2020 bereits jeder vierte Liter Kraftstoff aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt sein wird. Diese Rohstoffe könnten in den armen Ländern angebaut und dann zu höheren Preisen verkauft werden, schlagen Experten vor. Voraussetzung ist allerdings, dass dann Handelsbarrieren gesenkt werden. Forscher experimentieren bereits mit Energiepflanzen, die in Wüsten gedeihen. Jatropha, ein Wolfsmilchgewächs, kommt etwa mit widrigsten Bedingungen klar. Einige afrikanische Länder und Indien experimentieren bereits mit diesem Gewächs. Die Hälfte der weltweit 800 Millionen unterernährten Menschen sind Kleinbauern. Für sie könnte der Anbau und Verkauf von Energiepflanzen eine Chance sein ihr Leben zu verbessern.  (hm)

 

 

 

MENSCHEN 05-2007

Stark: Padre Sigfrido Moroder, 41

SIGFRIDO MORODER

Kein Weg zu hart

Um den Menschen seiner Gemeinde nahe zu sein, scheut Padre Sigfrido Moroder aus Argentinien keine Anstrengung. Der 41-jährige Missionar kämpft sich Schritt für Schritt vom Rollstuhl zurück ins bewegliche Leben. Im Oktober 2004 verunglückte der Priester auf dem Heimweg von einem seiner Gemeindebesuche im Hochland des Nordens: Ein Sturm drückte den Padre, der per Fallschirm auf dem Rückweg ins Tal war, zu Boden. Sigfrido Moroders Wirbelsäule brach. Seitdem arbeitet der Priester hart an seiner Gesundung. Mittlerweile kann er wieder Auto fahren und sich an Krücken fortbewegen. Für den Weg in die Berge nimmt er nun aber lieber ein Pferd – früher war Moroder bis zu 16 Stunden in die Berge hinaufgekraxelt. Bevor er seine Aufgabe für die Menschen in den abgelegenen Regionen übernahm, hatte er in Tübingen promoviert.    (hm)

 

MAYAWATI

Eine Krone für die Kastenlose

Menschen wie sie leben nor-malerweise am äußersten Rand der großen indischen Gesellschaft: Kastenlose, Dalits genannt, haben kaum Rechte und kaum Chancen. Doch Mayawati hat es geschafft, bis an die Spitze. Die 51-Jährige ist die mächtigste Frau im mächtigsten Bundesstaat des Subkontinents: Mayawati ist seit Mai Regierungschefin von Uttar Pradesh. Das ist sie nicht zum ersten Mal, aber dieses Mal stehen die Chancen nicht schlecht, dass sie an der Macht bleibt. Machten ihr früher Korruptionsvorwürfe, ein Hang zu Selbstbeweihräucherung und ihre scharfe Zunge zu schaffen, präsentiert sie sich nun als gereifte Politikerin. Ihren Wahlsieg und ihre Chancen verdankt Mayawati auch der Strategie, Allianzen zu schmieden – mit Muslimen und mit Vertretern höherer Kasten, vor allem der höchsten, den Brahmanen. Mayawati zeigt sich gern mit einer Krone – und wird von den Dalits als „Schwester“ bejubelt, die es geschafft hat.     (hm)

 

KARIN MÖLLING

Siegerin über das Aids-Virus?

Das bislang unbesiegbare Aids-Virus besiegen: ein Traum für jeden Aidsforscher und Hoffnung für Milliarden Menschen. Die deutsche Virologin Karin Mölling, Aidsforscherin der ersten Stunde, ist beim Kampf gegen das Virus einen vielleicht entscheidenden Schritt vorangekommen: Sie hat einen Weg gefunden, das mörderische Virus sozusagen in den Selbstmord zu treiben, bevor es Schaden anrichten kann. Das Virus zerstört dabei seine eigene Erbinformation, der Virus-Bauplan geht verloren und der Erreger stirbt. In Tierversuchen hat die 64-jährige Forscherin herausgefunden, dass sich bereits die Infektion verhindern ließe. Nun hofft sie auf weitere Fortschritte und die Entwicklung eines Medikaments. Das könnte auch verhindern, dass sich Babys infizierter Mütter bei der Geburt anstecken.     (hm)