Magazin > Heft 04-2007

ÜBERSICHT

REPORTAGE 1 – Äthiopien
REPORTAGE 2 - Bangladesh
INTERVIEW - Jakob von Uexküll
LEBENSWERTE - Tapferkeit
NACHRICHTEN
MENSCHEN

         

REPORTAGE 1 – 04-2007:

Taufe, der Beginn neuen Lebens. In der 
		Osternacht nimmt Bischof Moreschi 30 Menschen neu in die Gemeinschaft der Gläubigen auf.

Ein Gott? Was ist das?

Jesus ist für sie nichts als ein fremdes Wort. Von Auferstehung haben sie noch nie gehört. Aber sie spüren, wie christliche Nächstenliebe ihr Leben leise verändert: In Äthiopien hören Menschen die Frohe Botschaft zum ersten Mal.

Text: Beatrix Gramlich
Fotos: Fritz Stark

   

Handarbeit: In zehn kraftraubenden Arbeitsgängen werden die Figuren geschliffen und glatt poliert.

„Wisst ihr, was gestern war?“ Tesfaye Petros, 29, lässt seinen Blick über die Reihen schweifen. Es herrscht Ratlosigkeit. Zögernd meldet sich eine Frau zu Wort. „Gott?“, fragt sie vorsichtig. „Gebet!“ versucht es die nächste. Doch offenbar ist es nicht das, was der Pfarrer hören möchte. Mehr fällt ihnen aber selbst bei angestrengtem Nachdenken nicht ein. Was wissen sie auch schon über den katholischen Glauben? Sie haben beobachtet, wie die Leute im Nachbardorf zusammen ein Haus gebaut und ihm ein Kreuz aufs Dach gesetzt haben. Sie sehen, dass die Menschen sich darin mit Abba Tesfaye treffen und singen und beten. Und voller Staunen stellen sie fest, wie sich der junge Priester mit den wachen Augen und einem in dieser Hitze unverständlichen Elan um jeden einzelnen von ihnen zu kümmern scheint.

Abba Tesfaye und Bischof Angelo Moreschi bringen zuerst praktische Hilfe und dann Gott zu den Anyuak, neben den Nuer die größte Volksgruppe im Südwesten Äthiopiens. In ihrer Tradition spielt Spiritualität keine große Rolle. Ihr Dasein ist auf das Hier und Jetzt ausgerichtet. Doch die engagierten Priester machen sie neugierig auf diesen Gott. Von ihm wollen sie mehr wissen. Mit ihm wollen sie leben...


 


 

Ein Junge auf einer Baustelle trägt schwere Ziegelsteine auf dem Kopf

REPORTAGE 2 – 05-2007

Geraubte Kindheit

10 Cent für das Wenden von 5000 Ziegelsteinen, damit sie trocknen können; 75 Cent für das Schleppen von 1000 Ziegelsteinen in täglich mindestens 10 Arbeitsstunden: zwei Beispiele von vielen in Bangladesh, einem der acht ärmsten Länder der Erde. „Wir spüren jeden Atemzug, den wir an diesem gottverlassenen Platz tun in unseren Lungen“, sagt Rahatullah mit einem stillen Lachen. Mit seinem Vater und seinem Bruder arbeitet der 7-Jährige in einer Ziegelsteinfabrik. Den Steinstaub atmet er mit jedem Atemholen ein. „Wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich den roten Staub zusammen mit meinem Schleim aushusten. Die nächsten zwei Monate lang.“ Doch wenn Rahatullah wieder zu Hause ist, wird er sich nicht ausruhen und erholen können. Dann wird er auf den Feldern seiner Heimatstadt Gaibanda arbeiten. So wie die anderen Kinder, die bis zum Einsetzen des Monsuns im Juni in der Ziegelei von Fatullah arbeiten, das nahe Bangladeschs Hauptstadt Dhaka liegt.

 

Text: Akash/Hildegard Mathies

Fotos: Akash

 

Sorgfalt: Mala, 6, legt Kleidung zusammen. Die Textilindustrie ist einer der größten Kinderausbeuter.

Die Kinderarbeiter riskieren oft nicht nur ihre Gesundheit, sondern auch ihr Leben. Ohne ihr Einkommen ginge es ihrer Familie noch schlechter. Die Armut lässt den Eltern keine Wahl, als die Kinder zur Schule zu schicken. Die meisten der kleinen Arbeiter sind stolz, dass sie ihrer Familie helfen können und wünschen sich Respekt für ihre Arbeit. Und sie haben Träume... 

* Name von der Redaktion aus Sicherheitsgründen geändert.

 

 

INTERVIEW 04-2007

Der Vater des Alternativen Nobelpreises gründet den „Weltzukunftsrat“

Interview mit Jakob von Uexküll: Das Unmögliche möglich machen

„Warum bestrafen die Kirchen Umweltsünder nicht mit Exkommunikation?“, fragt sich Jakob von Uexküll, 57. Schließlich haben sie den göttlichen Auftrag, die Schöpfung zu bewahren. „Wir haben nur noch wenig Zeit, um eine katastrophale Entwicklung zu verhindern“, sagt der Gründer des Alternativen Nobelpreises. Von allen gesellschaftlichen Kräften fordert der gebürtige Schwede radikales Handeln, um die Erde zu retten. Am 10. Mai gründet er zusammen mit dem deutschen Zukunftsforscher Herbert Girardet den „World Future Council“ (WFC): ein internationales, hochkarätig besetztes ethisches Forum, mit dem er das Weltgewissen wachrütteln will. kontinente traf Jakob von Uexküll in Hamburg.

Er wirkt wie ein zerstreuter Professor, nicht wie ein radikaler Weltverbesserer, der mit beiden Beinen fest auf der Erde steht. Die will der 57-jährige Briefmarkensammler und Gründer des so genannten „Alternativen Nobelpreises“ retten, bevor es zu spät ist. Mit seinem Preis zeichnet der dreifache Vater mit Magister in Politik, Philosophie und Wirtschaft, seit drei Jahrzehnten Persönlichkeiten aus, die praktische Lösungen für die großen Herausforderungen der Menschheit anbieten. Doch die Erde gerät immer mehr in Bedrängnis.

Der Alternative Nobelpreis ist doch recht bekannt und erfolgreich. Wozu brauchen wir einen „Weltzukunftsrat“?

Mein Ziel bei der Gründung der Alternativen Nobelpreises war natürlich, dass die Lösungen, die die Preisträger repräsentieren, auch umgesetzt werden. Aber es gibt große Widerstände. Nach einigen Jahren wurde mir klar, dass ein Preis nicht ausreicht, um die großen Probleme zu lösen, vor denen wir stehen. Wir brauchen unbedingt eine starke und dauerhafte Stimme, die für die zukünftige Generation spricht und diese Umsetzungsdefizite — also die Kluft zwischen dem, was heute gesagt und dem, was getan wird — überwindet. Dafür gründen wir den „World Future Council“. Wir sind heute in einer Situation, wo wir mehr Einfluss auf die Zukunft haben als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Mit unseren Handlungen und Nichthandlungen, unsere Entscheidungen und Nichtentscheidungen beeinflussen wir die Zukunft längerfristig und tiefgreifender als unsere Vorfahren je dazu in der Lage waren.

Wie wird der World Future Council arbeiten?

Wir leben derzeit in erschreckender Weise auf Kosten der Überlebenschancen unserer Kinder, Enkel und zukünftigen Enkel. Der WFC ist in erster Linie die Stimme zukünftiger Generationen. Es gibt einen Wert, über den weltweit Konsens herrscht. Und das ist die tief gefühlte Verantwortung so zu leben, dass wir eine bessere und zumindest keine schlechtere Welt hinterlassen. Hätten unsere Vorfahren nicht nach diesem Wert gelebt, wären wir nicht hier, wir wären längst ausgestorben.

Wer wird die Menschheit im Weltzukunftsrat vertreten?

Wir haben prominente Vertreter der Zivilgesellschaften, aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Das Spektrum ist schon einmalig. Wir wollen nicht eine weitere Gruppe sein, die Erklärungen veröffentlicht, die jemand anders dann umsetzen soll. Wir im WFC kümmern uns ebenfalls um die Umsetzung. Und deswegen arbeiten wir direkt mit Parlamentariern und politischen Entscheidungsträgern in der ganzen Welt zusammen. Der Rat hat eine normative Funktion, eine ethische Funktion. Er versteht sich als Weltgewissen, was besonders in Ländern des Südens sehr wichtig ist. Die Menschen dort sagen: „Wir brauchen eine starke Stimme, die sich für unsere Werte als Weltbürger einsetzt. Zurzeit werden wir von unseren Regierungen nur in unserer Eigenschaft als globale Konsumenten vertreten.“

Bedeutet das, das Problem bei der Umsetzung ist nicht Geld, sondern die richtige Lobby?

Es fehlt der politische Wille, nicht das Geld. Wer behauptet, Umweltschutz sei zu teuer, sagt damit, man könne es sich nicht leisten, diese Erde zu lieben. Das Hauptproblem ist heute dieser ökonomische Fundamentalismus, der die Rolle eines totalitären Systems eingenommen hat. Zwar wächst langsam das Bewusstsein dafür, dass wir nicht mehr viel Zeit haben, um eine katastrophale Entwicklung zu verhindern. Aber zu sagen, all diese notwendigen Maßnahmen seien schön und gut, aber zu teuer, ist natürlich absurd. Bevor man die ökonomische Rechnung aufmacht, muss man die ökologische Rechnung aufmachen. Denn unsere Wirtschaft ist ja total abhängig von einer gesunden Natur. Die nötigen Gelder aufzutreiben, wenn der Wille dafür da ist, ist überhaupt kein Problem.

Warum will sich der WFC vorrangig dem Klimaschutz widmen?

Wir müssen einfach klar sehen: Wir haben das Gefühl für Gefahrenhierarchien verloren. Natürlich will man nachhaltig wirtschaften, natürlich will auch ich keinen Staatsbankrott. Obgleich es das schon mehrmals in der Geschichte gab. Die Folgen waren immer nach einer Generation überwunden, aber die Folgen eines Umweltbankrotts wirken noch tausend Generationen nach. Wir müssen ein neues Verständnis für Gefahren-, und für Wertehierarchien, bekommen.

Auch der WFC benötigt Geld um zu arbeiten. Wie gewährleisten Sie Ihre Unabhängigkeit?

Wir haben Geldgeber, die eingesehen haben, dass die Unabhängigkeit des WFC sein größtes Kapital ist und die Geld zur Verfügung gestellt haben, über dessen Verwendung wir als gemeinnützige Stiftung natürlich Rechenschaft ablegen werden.

Werden auch Religionsvertreter diesem Rat angehören?

Wir haben einen prominenten Buddhisten, Sulak Sivaraksa, der als Vater der Zivilgesellschaft in Thailand gilt. Wir haben sicherlich viele spirituell denkende Menschen, aber keine kirchliche Persönlichkeit. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass sie in Zukunft dabei sein werden. Der Patriarch von Konstantinopel etwa, Bartholomaios I., der sich seit Jahren sehr stark dem Umweltgedanken verschrieben hat, steht dem WFC sehr positiv gegenüber. Ich hatte Kontakt mit Vertretern verschiedener Religionen und ein sehr großes Interesse an unseren Anliegen festgestellt. Der Gedanke der Bewahrung der Schöpfung ist in den meisten Religionen ja sehr stark verankert. Aber es ist ihnen nicht gelungen, die Zerstörung der Schöpfung zu verhindern.

Was könnten die christlichen Kirchen für die Erreichung der Ziele tun, die sich der WFC setzt?

Ich meine, sie sind verpflichtet, nicht nur zu reden, sondern auch zu handeln. Der Patriarch von Konstantinopel organisiert jedes zweite Jahr ein Symposium zu „Religion, Wissenschaft und Umwelt“ und 2002 ging es um Wasserverschmutzung. Ich habe in meinem Vortrag erwähnt, dass unsere Vorfahren Brunnenvergiftung als Kapitalverbrechen angesehen haben und dass ich es gut fände, wenn die Kirche die schlimmsten Brunnen- und Wasservergifter exkommunizieren würde. Das gab einen großen Aufschrei unter den dort anwesenden Religionsführern, bis ein englischer Bischof schließlich sagte, also nein, die Kirche könnte nur aus dem Hintergrund führen. Und ich fragte, was denn noch passieren müsste und er sagte, das einzige, was noch helfen würde, wäre eine Katastrophe in den reichen Ländern. Und ich habe ihn gefragt, an welches Desaster er denn denke. An die Überflutung Londons, antwortete er. Das finde ich eine sehr merkwürdige Einstellung.

Das heißt, Sie sind enttäuscht?

Ja. Wenn man gläubig ist und zur Kirche geht, hat man auch gewisse Verpflichtungen. Und die sollten nicht nur auf dem privat-moralischen Gebiet liegen, ein Bereich, in dem sich Kirche ja sehr weit hervorwagt. Diese Verpflichtung sollte sich auch auf unsere Erde und die Bewahrung der Schöpfung beziehen, ohne die wir ja nicht leben können. Da hat die Kirche meiner Meinung nach viel zu viele Kompromisse gemacht, um als möglichst modern zu gelten. Sie ist da oft sehr schwach. Es gibt natürlich auch Ausnahmen: Bei einem Treffen in Salzburg mit Preisträgern des Alternativen Nobelpreises, hielt der Erzbischof , Alois Kothgasser SDB, eine sehr scharfe Rede, die unsere Preisträger enorm beeindruckt hat. Die Schöpfung ist ernsthaft bedroht, das lässt sich nicht mehr schönreden. Die Wissenschaftler sagen, dass wir die Wende binnen zehn bis zwanzig Jahren einleiten müssen. Das bedeutet, dass die entsprechenden Regelwerke, um diese Wende einzuleiten, innerhalb von drei bis fünf Jahren aufgestellt werden müssen. Das wird im Moment mehr und mehr Menschen bewusst, auch in den Religionsgemeinschaften. Dazu muss ich sagen: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Warnungen gibt es seit 30 Jahren. Und was haben die Kirchen in diesen 30 Jahren getan?

Was sollten sie denn tun?

Wenn man doch ein Mittel wie die Exkommunikation hat, dann sollten diejenigen, die die Schöpfung zerstören, die Ersten sein, die davon betroffen sind. Ich habe den Eindruck, dass die Kirchen oft Angst haben, sich zu sehr zu profilieren, dass die Gläubigen ihnen dann nicht mehr folgen, und dadurch die Machtlosigkeit der Kirchenführer offenkundig wird. Von dieser Angst müssen die religiösen Persönlichkeiten wegkommen und die Bewahrung der Schöpfung an erste Stelle setzen, statt sie nur gelegentlich in einer schönen Rede zu erwähnen. Alle anderen moralischen Gebote sind ja demgegenüber zweitrangig, nicht weil sie unwichtig wären, sondern weil sie sich ohne die Schöpfung, – eine gesunde Erde, ein sicheres Klima – erübrigen. Ich komme wieder zurück auf das, was ich am Anfang gesagt habe: Das Verständnis für Gefahrenhierarchien muss den Menschen wieder bewusst gemacht werden. Denn ohne eine gesunde Natur wird man kein anderes menschlich-moralisches Gebot aufrecht erhalten können. Dann werden wir Verhältnisse haben, wie nach dem Hurrikan Katrina in New Orleans: In dem Stadion, in das sich die Menschen geflüchtet hatten, ging es schlimmer zu als in einem Slum in der „Dritten Welt“! Dort haben sich die jungen Männer mit Gewalt das wenige Trinkwasser geholt, das zu haben war. Die Alten, Frauen und Kinder bekamen nichts. Das heißt also: Wenn die Natur nicht mehr funktioniert, dann wird die menschliche Moral auch auf keinem anderen Gebiet mehr funktionieren. Dann werden wir einen Kampf aller gegen alle haben. Deswegen ist es wichtig, jetzt Prioritäten zu setzen.

Der WFC will sich vorrangig um den Klimaschutz kümmern. Welche Maßnahmen müssen Ihrer Meinung nach ergriffen werden?

Was man praktisch tun kann, ist von Land zu Land und von Mensch zu Mensch verschieden. Die meisten Menschen keine Dissidenten. Sie wollen gerne etwas tun und sind bereit, ihr Leben zu verändern. Aber sie wollen das Gefühl haben, dass es sich auch lohnt, wenn sie sich anstrengen. Sie wollen nicht recyclen, sparsam leben, wenig Abgase und Müll produzieren, wenn es in ihrer Nähe eine Fabrik gibt, die mit Erlaubnis der Regierung gigantische Mengen CO2 in die Atmosphäre pustet. Es muss leichter gemacht werden, gut zu sein, umweltgerecht und rücksichtsvoll zu leben, Verantwortung zu übernehmen. Das heißt natürlich eine Energiewende, dass heißt, dass man das Gute belohnt und das Schlechte verbietet beziehungsweise bestraft. Wir müssen jetzt die Grenzen anders setzen, im Interesse der Bewahrung der Schöpfung.

Energiesparlampen, Standby-Schalter — sind das nicht „Peanuts“?

Es gibt keine Reform, kein Gesetz, keine Verhaltensänderung, die uns 100 oder auch nur 50 Prozent der nötigen Reduktion von Treibhausgasen bringt. Energiesparlampen und Standby-Schalter bringen nur einen kleinen, aber trotzdem nützlichen Teil. Die Wissenschaftler sagen, dass wir die ganze Palette nutzen müssen: erneuerbare Energien maximalisieren, Energieeffizienz maximalisieren, das Verkehrswesen so umbauen, dass die Menschen ihren privaten Autoverkehr möglichst stark reduzieren. Das bedeutet natürlich, dass man Fußgängerzonen einführen und den öffentlichen Nahverkehr ausbauen muss. Es muss eine solare Bauverordnung erlassen und der Altbaubestand energetisch saniert werden. Es gibt sehr viele Wendemöglichkeiten. Es gibt allerdings auch Gebiete, wo es auch keine technischen Alternativen und keine Einsparmöglichkeiten gibt. Eines davon ist der Flugverkehr.

Wir Deutschen sind aber Weltmeister im Reisen…

Das muss man durch verschiedene Maßnahmen einschränken. Man kann Flugreisen unter einer gewissen Länge verbieten, es gibt zum Beispiel keinen Grund von Hamburg nach Frankfurt zu fliegen. Man kann etwas einführen, wie es jetzt die britischen Konservativen vorgeschlagen haben: dass jeder Bürger seinen eigenen CO2-Paß hat. Und die Besteuerung von Flugbenzin ist natürlich längst überfällig. Es wäre absurd den Flugverkehr weiter auszubauen. Er muss im Gegenteil stark reduziert werden. Es sollte ja nicht immer so weit kommen müssen wie jetzt in Hongkong, wo die Leute wegen der Umweltverschmutzung auf der Straße umkippen. Da kann man nicht mehr von Luftverschmutzung reden, sondern davon, dass die Luft stirbt. Ich kenne Leute, die sind von Singapur nach Hongkong gezogen. Die gehen jetzt wieder zurück, weil sie sagen: Ich kann es nicht verantworten, meine Kinder in dieser Luft leben zu lassen, auch wenn ich in Hongkong mehr Geld verdiene.

Doch wem nützt es, wenn ich auf mein Auto verzichte und in China werden täglich tausende Neue in Betrieb genommen?

Es ist ja nicht so, dass die Chinesen sagen: Klimaschutz ist uns egal, wir wollen uns jetzt erst mal weiter entwickeln. In Ländern, die so dicht besiedelt sind wie China oder Indien, wissen die Verantwortlichen genau, dass sie es sich gar nicht leisten können, die Umwelt dort zu zerstören. Den Chinesen ist zum Beispiel das Wasserproblem schon jetzt sehr bewusst. Die Tatsache, dass schon im Jahr 2020 – das zeigen viele Statistiken – 40 Prozent der Erdbevölkerung nicht mehr genügend Wasser haben werden, um ihre Lebensmittel herzustellen, wird gravierende Folgen haben: enorme Hungers- und Durstnöte sowie Millionen Umweltflüchtlinge. Und deswegen ist das Umdenken natürlich schon jetzt da. Vor den Toren von Shanghai wird gerade die erste Ökostadt gebaut. Davon brauchen wir in Zukunft hunderte, wenn nicht tausende. Aus der Arbeit mit dem Alternativen Nobelpreis haben wir gelernt, dass es auch Menschen im Süden gibt, die nicht nur ständig denken, wie sie möglichst schnell auf den Wachstumszug aufspringen können. Die haben auch schon gemerkt, was für Probleme dieser Zug mit sich führt.

Sie haben einen großen Teil Ihres privaten Vermögens in den Alternativen Nobelpreis gesteckt und widmen Ihr ganzes Leben der Zukunft der Menschheit. Was treibt Sie?

Ich könnte einfach sagen: Ich habe drei Kinder. Aber es gibt noch einen anderen Grund. Durch den Alternativen Nobelpreis lerne ich Menschen kennen, die oft viel mehr riskieren, als ich je riskieren musste. Wenn ich sehe, dass sie nicht aufgeben und sehr oft bereit sind, ihr Leben oder ihre Freiheit einzusetzen, dann habe ich keinen Grund, es nicht auch zu machen. Zumal ich hier die Öffentlichkeit habe, als Katalysator zu wirken und die Arbeit der Nobelpreisträger bekannter zu machen und jetzt im WFC solche Projekte zu vereinen. Der positive Widerhall zeigt mir, dass es hier um eine Idee geht, deren Zeitpunkt gekommen ist. Deswegen habe ich angefangen und deswegen mache ich weiter.

Und wie leben Sie selber? Fahren Sie Auto, fliegen Sie?

Ich habe kein Auto, ich lebe in London. Bei meinen Reisen versuche ich so oft wie möglich mit der Eisenbahn zu fahren. Allerdings ist mir klar, dass ich in meinem Leben viel mehr geflogen bin als das nützlich war. Ich glaube, dass wir jeden Tag Kompromisse schließen müssen.

Wie denken Sie über die heranwachsende Generation: Stimmt sie Sie positiv?

Das ist schwer zu sagen. Wenn man sich mit Menschen unterhält, spürt man eine tiefe Sorge und das Bewusstsein und den Willen, sich zu verändern. Für viele junge Menschen ist die Wahrheit natürlich ein Schock und sie ziehen sich zurück. Ich kenne Sozialarbeiter in Großbritannien, die sagen: „Frage ich einen 17-Jährigen, warum er Drogen nimmt, er müsse doch an seine Gesundheit denken, wenn er Mitte 30 ist, dann antwortet der: Ich werde doch sowieso keine 30. Ihr habt doch die Erde zerstört. Bis dahin ist unser Land doch überschwemmt.“ Aber ich erlebe auch, dass sehr viele junge Menschen erstaunliches Interesse zeigen, gerade in letzter Zeit. Sie sagen, „Es ist unser Leben, um das es hier geht“ und sind auch bereit, sich zu ändern und zu engagieren.

Manche Menschen sagen, Sie seien ein Angstmacher. Dabei trauen Sie der Menschheit doch zu, dass sie das Ruder auch noch einmal herum reißen kann…

Wir haben das Wissen dazu, und wir haben ungeahnte Möglichkeiten. Die nächsten Jahre sind entscheidend. Wer sagt, ich wäre ein Angstmacher, der verschließt die Augen vor der Wirklichkeit. Mich ärgert und frustriert nur, dass die Medien solche Menschen nicht schon längst ins Lächerliche gezogen haben. Denn Fakt ist, dass die Pessimisten und Warner der letzten 30 Jahre mehr als Recht bekommen haben. Ich war vor etwa 15 Jahren Europaabgeordneter der Grünen. Ich war auch kurze Zeit im Vorstand von Greenpeace. Und ich erinnere mich nicht einmal, dass die dortigen Fundis das vorausgesagt haben, was heute wissenschaftlicher Konsens ist. Konkrete Warnungen vor 30 Jahren wurden lächerlich gemacht, vor zehn Jahren hat man sie immer noch ignoriert und jetzt plötzlich wacht man auf und sagt: „Du Angstmacher!“ Inzwischen ist die Entwicklung tatsächlich zum ängstlich werden, weil wir die Jahre verplempert haben. Wir müssen schnell handeln und wir können das. In Deutschland merkt man gerade jetzt einen erstaunlichen Umschwung. Ein Umdenken findet statt. Es kommen praktische Vorschläge auf den Tisch, die einem Mut machen.

Interview: Veronika Buter

 

 

LEBENSWERTE 04-2007

Glaube, Hoffnung, Liebe, Klugheit, Gerechtigkeit, Maßhalten, Tapferkeit.

 

Die Tugenden. Das Wort klingt verstaubt und moralisierend. Deswegen spricht man heute lieber von „Werten“. In der Frage, welche Haltungen und Einstellungen Grundlage für das Handeln des Menschen sein sollten, geraten auch die christlichen Tugenden erneut in den Blick. kontinente lässt sich davon zu einer mehrteiligen Serie inspirieren. Mit Tapferkeit beschäftigt sich der vierte Teil der Serie.
 

Schwester Klarissa Watermann, 54, links. Seyran Ates, 44, Mitte. Nicole Lüdeking, 27, rechts.
 

Tapferkeit: Wer Mut zeigt,
macht Mut

Die Gleichgültigkeit und Ungerührtheit, mit der Menschen in unserem Land Pöbelei, Diskriminierung und alltägliche Gewalt hinnehmen, sind beängstigend. Sind wir „eine Gemeinschaft von Wegguckern und Feiglingen“, fragt sich der evangelische Theologe Hans-Albrecht Pflästerer. „Nein“, behauptet die Motivationsforscherin Veronika Brandstätter.

Die Leute sind nicht feige. Ihnen fehlt nur das Wissen und die Fähigkeit, in kritischen Situationen effektiv und ohne zu hohes eigenes Risiko einzugreifen.“ Mit einem gezielten Training, so die Motivationsforscherin, kann man daran etwas ändern. Kontinente berichtet, wie man Zivilcourage trainieren kann und stellt Menschen vor, die in kritischen Situationen mutig eingegriffen haben.

 

Weiterführende Tipps und Adressen:

Literatur:

• Kai J. Jonas, Margarete Boos, Veronika Brandstätter (Hrsg.)

Zivilcourage trainieren! Theorie und Praxis
Hogrefe Verlag 2007
ISBN: 978-3-8017-1826-8
(D) 29,95 €

Dokumentation verschiedener Zivilcourage-Trainings, u.a. das im Artikel genannte Training, das am Lehrstuhl von Prof. Brandstätter erarbeitet und erprobt wurde „Kleine Schritte statt Heldentaten.“

• Kurt Singer
„Zivilcourage wagen — wie man lernt, sich einzumischen“
Reinhardt Verlag 2003 (3. Auflage)

 

Trainingsangebote:

• Zürcher Zivilcourage Training (ZZT)

In diesem zweitägigen Workshop wird ein Verhaltenstraining zur Förderung von Zivilcourage angeboten. Darin sollen neben der Vermittlung von psychologischem Hintergrundwissen zu den Bedingungen von Zivilcourage hilfreiche Strategien eingeübt werden, wie man in kritischen Situationen (Parolen, Pöbeleien, Prügeleien) angemessen eingreifen kann.
 

Termin:

2./3. November 2007 oder
als inhouse-Seminar auf Anfrage

Verbindliche Anmeldung bis 30. September 2007 an das Lehrstuhlsekretariat
Kontakt:
Universität Zürich,
Psychologisches Institut,
Fachbereich Motivationspsychologie,
Prof. Veronika Brandstätter-Morawietz,
Telefon +41 44 635 75 11,
Fax 
+41 44 635 75 19,
E-Mail: 
p.greiner@psychologie.unizh.ch


 

• Universität Göttingen: Zivilcouragetraining
Gegen Gewalt: Ein psychologisches Aktionstraining

Ziel ist es, für die Voraussetzungen und konkreten Möglichkeiten der Zivilcourage im Alltag zu sensibilisieren und das eigene Verhaltensrepertoire auf diesen unterschiedlichen Ebenen zu erweitern. Grundbedingung zur Teilnahme ist die Bereitschaft, Körperkontakt, eigene Diskriminierung und psychosoziale Grenzsituationen zu erleben.

Dauer: 1 Tag
Teilnahmegebühr: 400 €
 
Kontakt:

Universität Göttingen,
Institut für Psychologie
,
Abteilung für Sozial- und Kommunikationspsychologie
,
Prof. Dr. Margarete Boos, 

Gosslerstr. 14, 

37073 Göttingen
,
Tel. 0551/39-4705 (Prof. Dr. M. Boos), 


 
Dr. Kai J. Jonas 

Universität Jena,

Nachwuchsgruppe „Soziale Diskriminierung“,

Wildstr. 1
0,
7743 Jena

Tel: 03641 / 94 51 92
,
E-Mail: kai.jonas@uni-jena.de


 

Filmtipp:

• Dienstag — Gewalt in der U-Bahn. Hessischer Rundfunk, 1994 (Dauer 17 Minuten)

In diesem beeindruckenden Kurzfilm wird das Verhalten von Fahrgästen der Frankfurter U-Bahn, die Zeugen einer fremdenfeindlichen Pöbelei werden, mit versteckter Kamera dokumentiert. Man erkennt verschiedene Arten zivilcouragierten Eingreifens.

Der Film ist u.a. in vielen Landesfilmdienststellen auszuleihen


 

Links:

www.psychologie.unizh.ch/motivation/zivilcourageportal/index.html
umfangreiches Portal mit Angaben zu diversen Zivilcouragetrainings; Forschung, Literaturhinweise, zahlreiche weitere Links

http://www.aktion-tu-was.de
Internetseite der Polizei mit Hinweisen auf richtiges Verhalten in kritischen Situationen

 

 

 

 

 

Nachrichten 04-2007:

25 JAHRE „MISSIONAR AUF ZEIT“

Ein geschenktes Jahr

Vor einem Vierteljahrhundert sind die ersten Missionare auf Zeit ausgereist. Bis heute haben sich fast 2000 junge Menschen unter dem Motto „mitleben, mitbeten, mitarbeiten“ auf den Weg in ein Missionsland gemacht.

„Das Gemeinschaftsleben im Gebet und im Alltag hat mich sehr geprägt.“ Das sagt nicht etwa eine alte Ordensfrau, sondern eine junge Studentin: Annette Funke, 27, lebte von 2000 bis 2001 als Missionarin auf Zeit (MaZ) mit Spiritanerinnen im senegalesischen Dorf NGuéniène, wo sie neben aller Arbeit auch am Stundengebet „ihrer “ Gemeinschaft teilgenommen hat. Das Projekt „MaZ“ hat gerade seinen 25. Geburtstag gefeiert und wird inzwischen von 20 Orden angeboten, darunter viele der Herausgeber-Gemeinschaften von kontinente. Vom ersten Jahrgang bis heute waren fast 2000 junge Menschen dabei: über 1300 Frauen und 600 Männer.

Unter dem Motto „mitleben, mitbeten, mitarbeiten“ gehen junge Erwachsene meist für ein Jahr in ein so genanntes Missionsland. Die Vorbereitung auf einen solchen Einsatz ist intensiv. Sie beruht auf drei Säulen — religiöse und persönliche Entwicklung, entwicklungspolitische Themen sowie interkulturelles Lernen — und wird von den Ordensgemeinschaften durchgeführt.

Am meisten profitieren die MaZlerinnen und MaZler selbst von ihren Missionseinsätzen. Doch nicht nur die: „ Ich freue mich über den Einsatz der jungen Menschen in unseren Einrichtungen“, sagt beispielsweise Schwester Aloisia Höing, Generaloberin der Schwestern der Heiligen Maria Magdalena Postel und erste Vorsitzende der Deutschen Ordensobernkonferenz: „Ihre Begeisterung tut uns gut, ihre Kritik regt uns an, ihre Fragen machen uns nachdenklich, ihre Jugend hält uns selbst jung und lebendig.“

Für Annette Funke hatte ihr Aufenthalt im Senegal auch Folgen für ihre Berufswahl: Sie studiert inzwischen Ernährungswissenschaften, weil es ihr Traum ist, sich „weltweit für Gerechtigkeit — vor allem in der Nahrungsverteilung —, für Entwicklung und die Bekämpfung von Krankheiten wie Aids und Malaria einzusetzen“.  (bly)

 

STANDPUNKT

Name: Pater Bruno Trächtler
Alter: 68
1991–2000 im MaZ-Team der Spiritaner, jetzt Provinzial der Deutschen Provinz der Spiritaner.

Ist es der Glaube, ist es das Bedürfnis einmal etwas „Gutes zu tun“, oder ist es einfach Abenteuerlust und Ausscheren aus dem bisher Gewohnten, was die 2000 jungen Frauen und Männer in den vergangenen 25 Jahren zum MaZ-Projekt geführt hat? Sicher von allem etwas, wobei spätestens in der Vorbereitung deutlich wird, dass es sich letztlich um eine tiefe kulturell-religiöse Erfahrung handelt.

Herausgerissen aus der satten Konsumgesellschaft wird ein Glas Wasser zur Kostbarkeit oder eine „Dusche mit fünf Litern Wasser“ zu einem Glückserlebnis.

Die Erfahrung zeigt, dass ein MaZ-Einsatz für viele eine sehr tief greifende Erfahrung wird: Die Rückkehrer suchen Wege, hier etwas von dem Erlebten weiterzuführen oder ihr eigenes Leben zu ändern oder Mittel und Wege zu suchen, um das Leben ihrer „neuen Freunde“ zu verbessern. Einige von ihnen helfen mit, dass auch andere junge Menschen eine solche Erfahrung machen können.

 

KLIMA

Katastrophenopfer Frau

Wenn Wirbelstürme und Flutkatastrophen Landstriche verwüsten, sind unter den Toten oft besonders viele Frauen. In Bangladesch etwa, das regelmäßig von unkontrollierbaren Wassermassen heimgesucht wird, sind es fünfmal so viel wie Männer. Viele Frauen — und ihre Kinder — sterben zu Hause, weil sie sich an das Gebot halten, dass sie das Haus nicht ohne männlichen Begleiter verlassen dürfen. Der jedoch hat bei Männertreffen schon vorher von der Gefahr gehört und ist gar nicht erst zurückgekehrt. Ein weiterer Grund für die große Zahl der weiblichen Opfer ist, dass viele Frauen nicht schwimmen können, da sie oft aus Tradition keinen Sport treiben. In manchen Regionen soll sich das ändern, etwa im südindischen Tamil Nadu. Dort gibt es das Programm „Frauen schwimmen in die Zukunft“.  (hm)

 

BESCHNEIDUNG

Verbot in Eritrea

Die Regierung von Eritrea hat die Beschneidung von Frauen unter Strafe gestellt. Wer das brutale Ritual fördert, wird mit Geld- oder Gefängnisstrafen belegt, ebenso derjenige, der die Behörden nicht über konkrete Fälle dieser Menschenrechtsverletzung informiert. Die Regierung betont bei ihrer landesweiten Kampagne, dass Beschneidung „eine ernste Gefahr für die Gesundheit der Frauen“ ist und lebensbedrohlich sein kann. Durch unhygienische Umstände ist in den vergangenen Jahren zudem das Risiko einer Infektion mit dem Aidserreger HIV gestiegen. Nach Angaben der Nationalen Frauenvereinigung von Eritrea sind rund 90 Prozent aller Mädchen und Frauen beschnitten. Sowohl die muslimische als auch die christliche Bevölkerung pflegen die brutale Tradition. Weltweit sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen 130 Millionen Frauen betroffen. Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung gibt an, dass alle zehn Sekunden ein Mädchen irgendwo auf der Welt eine Genitalverstümmelung erleidet.  (hm)

 

KOMPAKT

Bildungslücken

80 Millionen Kinder aus armen Ländern können nicht zur Schule gehen, weil in den Entwicklungsländern 2,1 Millionen Lehrer fehlen. Das ist ein Ergebnis einer Studie von Oxfam, einer unabhängigen, weltweiten Hilfsorganisation, die Hunger und Armut lindern und überwinden will.

Energiesparer Afrika

Ohne nachhaltige Schäden für Mensch und Umwelt wird in den Ländern südlich der Sahara die Energie verbraucht: zu 90 Prozent nutzen die Einwohner auf dem größten Teil des Kontinents fossile, natürliche Brennstoffe wie Kerosin, Holz, Holzkohle, Dung und Pflanzenreste.

Verslumte Welt

Jeder sechste der rund 6,6 Milliarden Menschen lebt im Slum, ohne Zugang zu Trinkwasser und sanitären Anlagen. Allein in Äthiopien wohnen 99,4 Prozent der Stadtbevölkerung in Elendssiedlungen. Militärstrategen erwarten, dass Slums die Schlachtfelder des 21. Jahrhunderts sein werden.

 

SÜDAMERIKA

„Zukunftsmusik

„Musik sitzt im Innern der Seele. Und dort bleibt sie für immer.“ Und sie kann den sozialen Wandel schaffen. Davon ist José Antonio Abreu überzeugt und deshalb hat der Venezolaner vor fast 30 Jahren ein Jugendsinfonieorchester gegründet. Mittlerweile ist daraus ein ganzes „Sistema“ geworden, das längst Vorbild ist für andere südamerikanische Länder: Fesnojiv. Wer einen Geigenbogen halten kann, darf gleich loslegen bei einem der Orchester, die Jüngsten sind zwei Jahre alt. An sechs Tagen in der Woche kommen die kleinen Musiker in die Musikschulen — und werden so von der Straße geholt. Sie haben die Chance, früh einen anderen Lebensinhalt kennenzulernen als Drogen, Gewalt oder Schufterei für wenig Geld. Wer die ersten Noten und Griffe beherrscht wird auch gleich zum „Lehrer“ und gibt sein Können an jüngere Schüler weiter. Ziel von Fesnojiv ist es, dass 500000 venezolanische Kinder in sieben regionalen Musikzentren für ihr Leben singen, spielen, tanzen können. Bislang kümmert sich das Netz der Musikschulen um 250000 Kinder und Jugendliche.  (hm)

 

KLIMANEUTRALE KONZERTE

Künstler für den Regenwald

Dass sie mit ihren Konzerten der Umwelt schaden, wollten Musikgruppen wie Texas Lightning und Juli oder der Sänger Heinz Rudolf Kunze nicht länger hinnehmen. Deswegen wächst seit diesem Sommer mit jedem Konzert der Urwald in Panama ein Stück. Wenn die Musiker das nächste Mal auf Tour gehen, berechnen die Veranstalter A.S.S. Concert & Promotion im Vorfeld, wie viele Kilo des schädlichen Treibhausgases CO2 (Kohlenstoffdioxid) verursacht werden: durch den Energieverbrauch während der Konzerte, aber auch durch den Kraftstoffverbrauch des Publikums und der Crew bei der An- und Abreise. Für jedes ausgestoßene Kilogramm CO2 werden dann in Panama so viele Bäume aufgeforstet, wie benötigt werden, um das Treibhausgas wieder zu binden. Pro Eintrittskarte sei das ein Aufschlag von maximal 50 Cent, versichern die Veranstalter.

Die Musiker sind begeistert von der Aktion: „Es hat keinen Sinn, immer nur über globale Erwärmung zu reden und die Schuld bei anderen zu suchen. Man muss selber etwas tun“, sagt Deutschrocker Heinz Rudolf Kunze, dessen Tour im September startet und bereits klimaneutral ist. Bei seinen Konzerten werden nach Berechnungen von A.S.S. jeweils rund 5000 Kilogramm CO2 ausgestoßen. Nach Angaben der Energieagentur Nordrhein-Westfalen bindet ein Quadratmeter Wald im Jahr rund ein Kilogramm CO2.  (bly)

 

MALARIA

Hilft Fußschweiß?

In Afrika sterben die meisten Menschen an den Folgen von Malaria. Weltweit erkrankt jährlich eine halbe Milliarde Menschen, fast drei Millionen Malariatote werden pro Jahr verzeichnet. Forscher kämpfen gegen Mücken, die den Parasiten in sich tragen, der die Malaria auslöst. Der deutsche Professor Dr. Christian Borgemeister, Chef des Insektenforschungsinstituts ICIPE in Nairobi, setzt dabei auf Fußschweiß und andere Geruchsstoffe, denn Insekten fliegen auf Gerüche. Borgemeister hofft, Lockmittel entwickeln zu können, die die Moskitos in die Falle lotsen, bevor sie dem Menschen Blut aussaugen und ihm dabei den Malaria-Erreger hinterlassen. Auch Molekularbiologen der John-Hopkins-Universität in Baltimore kämpfen gegen Malaria. Sie machen Mücken durch Gentechnik resistent gegen den Parasiten. Die Mutanten-Moskitos sind fruchtbarer und widerstandsfähiger und sollen langfristig die Malaria- Mücken ausrotten. Die Forschung steht allerdings noch am Anfang. Unklar ist auch, was die Mutanten für Mensch und Natur bedeuten.  (hm)

 

 

 

MENSCHEN 04-2007

REBIYA KADEER

Die Mutter Courage der Uiguren

Wenn Rebiya Kadeers Telefon klingelt, wird sie jedes Mal einen Augenblick den Atem anhalten. Muss sie wieder mit anhören, wie eines ihrer elf Kinder geschlagen wird? Wie im Juni 2006: da verprügelten chinesische Polizisten zwei ihrer Söhne und zwangen die Tochter, die Schreie per Handy an die Mutter zu übermitteln.

Rebiya Kadeer, 60, gehört zum Volk der Uiguren, einer muslimischen Minderheit in China, und ist Menschenrechtsaktivistin. Einst war sie eine der reichsten und angesehensten Frauen in China, nachdem sie sich von der Wäscherin zur Besitzerin einer Kaufhauskette hochgearbeitet hatte. Dann jedoch engagierte sie sich immer stärker für die Rechte ihres Volkes. Zunehmend wurde die Abgeordnete dem chinesischen Regime zu unbequem. Fünf Jahre Haft waren die Folge. Rebiya Kadeer lebt heute in den USA und kämpft weiterhin unbeugsam für ihr Volk. Fünf ihrer Kinder leben noch immer in China. Einige werden — da ebenfalls politisch engagiert — verfolgt.    (hm)

 

ANH VU

Vom Flüchtling zum Boss

Als Bootsflüchtling aus Vietnam kam Anh Vu, damals 11, mit seiner Schwester nach Deutschland. Die katholische Familie hatte viel gelitten unter den Kommunisten und war froh, die Kinder in Sicherheit zu wissen. Vor zwei Jahren kehrte Anh Vu nach Vietnam zurück – um Touristen sein Geburtsland nahezubringen. Dabei geht es ihm nicht um Sehenswürdigkeiten: die Reisenden sollen das wirkliche Vietnam erleben und können etwa am Alltag der Bergvölker teilhaben. Anh Vus Eltern können nicht verstehen, dass der Sohn eine gute Stelle in Kanada aufgegeben hat für seine Reiseagentur Terraverde. Anh Vu jedoch ist von seinen Pflegeeltern in Aachen multi-kulturell erzogen worden und will nun Menschen verschiedener Kulturen verbinden.     (hm)

  Ehrenindianerin: Mascha Kauka, 62.

MASCHA KAUKA

Sternenfrau mit Ökomission

Die Touristin Mascha Kauka erschrak zuerst, als die Chachi-Indianer in Ecuador sie und ihren Mann um Hilfe baten. Doch der Gedanke an die Menschen in den Regenwäldern ließ die engagierte Frau nicht los. Über 25 Jahre sind seither vergangen und heute hilft Mascha Kauka, 62, mit ihrem Verein „Indio-Hilfe“ und der Stiftung „Amazonica“ den Chachi und anderen Völkern — immer in engster Zusammenarbeit mit den Indios. Aktueller Schwerpunkt ist ein Regenwaldprojekt: es soll die für das Weltklima wichtigen tropischen Wälder retten und die Ureinwohner fördern. Herzstück ist eine Urwald-Akademie, die sich der Ausbildung junger Indios und der Forschungsarbeit zugunsten der grünen Weltlunge verschreibt. Die erste Biogasanlage ist gebaut, es gibt zudem Modelldörfer und ein Aufforstungsprojekt. Die Indianer nennen Kauka übrigens „Yaanua, Sternenfrau“.     (hm)