Magazin > Heft 06-2006

Reportage 1 – 06-2006:

Der Turm der Kathedrale vor dem Neubau der 
		Zentralmoschee in Kaduna. Die Moschee wurde von Christen niedergebrannt.

Die andere Wange

„Allah ist groß“, schreien die einen, die anderen rufen nach Vergeltung. Im Norden Nigerias gehen Kirchen und Moscheen in Flammen auf. Das Land kommt nicht zur Ruhe. Doch in Kaduna gibt es eine Gruppe von Priestern, die mit aller Kraft um Frieden kämpft.

Text: Thomas Wunram Cpps
Fotos: Fritz Stark

 

Father Thomas Adamu lächelt. Und nur wer ihn gut kennt, bemerkt die kleinen Sorgenfalten um die klaren Augen, die über die weite Ebene nach Norden schweifen, wo die Silhouette von Kaduna eine Grenze zwischen dem feuerflammenroten Abendhimmel und dem weiten Buschland zieht. Father Thomas macht sich Sorgen.

Seit zwei Jahren leitet er das Priesterseminar „Zum guten Hirten“. Es liegt vor dem südlichen, dem christlichen Stadtrand der Provinzhauptstadt. Und es ist seit fünf Jahren im Aufbau, denn das alte im Stadtzentrum wurde bei Unruhen 1987 von Muslimen niedergebrannt. Thomas weiß, es braucht nur eine winzige Provokation, irgendeine unbedachte Äußerung vor Muslimen, und das Morden und Brennen geht von Neuem los.

Vorsichtige Annäherung: Father Peter Audu 
		und Imam Ibrahim Isa Kufena.

„Ohne Mauer sind wir dann den marodierenden Horden schutzlos ausgeliefert“, erklärt der Seminarleiter den Männern, die auf der Veranda die aufsteigende Abendkühle genießen. Einer von ihnen ist der 40-jährige Father Peter Audu. Vom Studium aus England zurück hat sein Bischof ihm die Leitung von Justitia et Pax anvertraut. Und da ist der Geschäftsmann Nwachukwu Nwanesi. Er handelt mit Baumaterial und hatte bis 2002 eine Filiale im nun muslimischen Nordteil der Stadt. Sie wurde geplündert. Der Vierte ist Father Peter Tenko, Rektor des Catholic Ressource Center, des katechetischen Instituts der Diözese. Er hält die Jahresexerzitien für die Seminaristen. Peter Tenko weiß, wovon Thomas spricht. 2002 hat er das Morden nur deshalb überlebt, weil sein Institut von einer Schutzmauer umgeben war.

Wieder und wieder kommen die Erinnerungen hoch. Dann muss Peter Tenko erzählen von den fanatischen Schreien, dem Brandgeruch, dem ohrenbetäubenden Knall der explodierenden Gasflasche, der panischen Angst...

 

Reportage 2 – 06-2006:

Dicht am Wasser haben sich die Köhlerfamilien angesiedelt. 
		Insgesamt leben 5000 Mneschen auf der Müllhalde von Manila.

Philippinen: Die Köhler vom Pier 18

Beißender Qualm. Sengende Hitze. Ruß in jeder Pore. Das Leben der Köhlerfamilien auf der Müllkippe von Manila ist knochenhart. Doch hier regiert die Mafia und stellt sich sogar dem Priester in den Weg.

Text und Fotos: Hartmut Schwarzbach

 

Kinderhände greifen in den schwarzen, noch warmen Krater. „Schneller“, ruft die Mutter. „Der Kunde wartet schon!“ Mary-Rose atmet schwer. Die Achtjährige hockt am Rand eines Erdofens und füllt frische Holzkohle in weiße Plastiksäcke. Die Luft ist heiß und trüb vor Ruß. Mary-Rose verzieht das Gesicht. Kohlestaub hat sich in ihren Nasenlöchern und zwischen den Wimpern abgesetzt. Flink greift das Mädchen immer wieder in den Krater und füllt einen Sack nach dem anderen.

Angeschmiert: Hungrig, krank und ohne 
		Hoffnung auf eine bessere Zukunft verbringen tausende Kinder ihr Leben auf der Müllkippe.

Der Kunde, ein Mann im blauen T-Shirt, fordert zwei Säcke. Doch zahlen will er dafür nicht. Ohne zu zögern gibt Mutter Kristin ihm die Ware. Der Mann gehört zum „Rocket“, einer Art der Mafia. Sie hat das Müll- und Köhlergeschäft im Slum fest im Griff und setzt die Bewohner mit Schutzgelderpressungen unter Druck. „Entweder du zahlst,“ sagt Kristin Isolo, 45, „oder am nächsten Morgen bist du tot.“

Vor vier Jahren landete Familie Isolo hier am Rande des „Aroma Smokey Mountain“, einer stinkenden und rauchenden Müllkippe am Stadtrand von Manila. Vater, Mutter und ihre drei Töchter hausen in einer selbst gezimmerten Hütte aus Holz, Blech und alten Planen. Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser. Nur wenige Meter entfernt klatscht der Ozean an die hölzernen Planken des Pier Nummer 18 in der Bucht von Manila. Vor ein paar Tagen hat Vater Vergilo, 40, eine große 10 an die Bude gemalt. „Wenn man eine Hausnummer hat“, glaubt er, „muss man doch auch Strom bekommen...

 

INTERVIEW

Überlebende: Ihre drei Töchter und sie haben 
		den Genozid 1994 überlebt. Ihr Mann, ihre Eltern – fast alle anderen aus Esther Mujawayos Familie sind tot.

„Eine Entschuldigung reicht nicht“

Esther Mujawayo hat den Völkermord an den Tutsis 1994 in Ruanda überlebt, ihre drei Töchter auch. Ihr Mann, ihre Eltern – fast die gesamte Familie wurde ermordet. Die meisten Ruandesen leiden bis heute unter dem Trauma. Ein Gespräch über Versöhnung und die Allmacht Gottes.

Fast eine Million Menschen wurde 1994 beim Völkermord in Ruanda ermordet. Die Überlebenden sind bis heute traumatisiert – viele von ihnen Frauen, die vergewaltigt und mit Aids infiziert wurden. Esther Mujawayo hat den Genozid mit ihren Töchtern überlebt, fast alle anderen Familienangehörigen sind tot. Ihre Geschichte erzählt sie in dem Buch „Ein Leben mehr“ (Peter Hammer Verlag). Heute ist sie mit einem deutschen Pfarrer verheiratet und arbeitet in Düsseldorf im Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge als Traumatherapeutin.

Sind Sie traumatisiert?

Direkt nach dem Genozid war ich es. Aber ich bin sofort mit anderen Witwen zusammengekommen, wir haben geredet, geredet, geredet. Später haben wir erfahren, dass das sehr wichtig für uns war, dieser Raum, wo alles rauskommen konnte. Die, die das nicht hatten, sind immer noch schwer traumatisiert. In meinem Sabbatjahr habe ich eine Ausbildung zur Traumatherapeutin gemacht. Während dieses Jahres habe ich auch meine eigene Therapie gemacht.

Kann man sagen, dass ein Trauma aufhört?

Ja. Das Ereignis, das, was passiert ist, bleibt immer. Aber wie es einen berührt, das kann sich ändern. Es läuft nicht immer der ganze Film im Kopf ab. Jetzt habe ich die Möglichkeit, die Kassette zu stoppen, jetzt habe ich die Fernbedienung in der Hand. ..

 

Lebens.Art 06-2006

In dieser Serie stellt kontinente Christen vor, die das Evangelium reizt, außergewöhnliche Lebensformen zu erproben.

  Gemeinsam leben: Mai Seippel (4. von links) hat Platz
		in Ihrem Haus angeboten – und eine Familie dafür bekommen. Dazu gehört nicht nur ihre Mutter, 
		sondern auch sieben Tamilen<.

Miteinander das Leben teilen

Als Familie den Alltag bestehen – das ist oft schon mit den eigenen Verwandten schwierig. Mai Seippel lebt aber nicht nur mit ihrer Mutter zusammen. Zu ihrer Familie gehören auch sieben Tamilen. Ein katholisch-hinduistisches Miteinander mit Ecken und Kanten.

Mai, hilfst du mir nachher bei den Hausaufgaben?“, fragt Ramia. Die Siebenjährige hüpft fröhlich über den Bürgersteig in Richtung Mittagessen. „Natürlich, das kann ich machen. Und Miriam, dir mache ich gleich erst mal ordentliche Zöpfe, du bist ganz strubbelig!“, lacht Mai Seippel. Im ersten Moment sieht man eine ganz normale Oma ihre zwei Enkelinnen aus Kindergarten und Grundschule abholen. Doch etwas ist anders bei den Dreien: Die 61-Jährige ist hellhäutig, Ramia und Miriam sind dunkelhäutig. Und Ramia und Miriam sagen auch gar nicht „Oma“. „Wir sind eben eine ganz besondere Großfamilie“, erklärt Mai Seippel. Eine Familie, in der zwar nicht alle miteinander verwandt sind, aber in der die Mitglieder wie in einer „richtigen“ Familie füreinander da sind.

Als sich die Realschullehrerin für Deutsch und Mathematik Mitte der 80er-Jahre von ihrem Mann trennte, überlegte sie, wie sie ihre Zeit nun sinnvoll verbringen könnte. Kinder hatte sie nicht, doch wollte sie sich gerne für andere Menschen nützlich machen. Bei einem Diavortrag über Sri Lanka in der Volkshochschule erfuhr sie von der schwierigen Situation der Tamilen in dem südasiatischen Inselstaat im Indischen Ozean. In ihrer Nähe, so hörte sie, gab es ein Wohnheim für tamilische Flüchtlinge. Schnell fasste sie den Entschluss, den Bewohnern zur Seite zu stehen, zunächst vor allem in ihrer Funktion als Deutschlehrerin. Einige Tamilinnen baten sie, ihnen das Stricken beizubringen, dabei wurden die Kontakte enger, man kam sich auch persönlich näher...


 

Nachrichten 06-2006:

GEBURTEN-STOPP

Sterilisation auf Krankenschein

In Argentinien übernimmt künftig der Staat die Kosten für Sterilisationen. Mit dem neuen Gesetz will die Regierung die Geburtenrate senken. Die katholische Kirche protestiert.

So könne man die Armut nicht beseitigen, tadelte Carlos Camean, Sprecher der Bischofskonferenz, die Entscheidung des Senats. Der hatte ein Gesetz verabschiedet, das die chirurgischen Eingriffe zum Abbinden von Eileitern oder die Sterilisation bei Männern als Verhütungsmittel deklariert. Eine medizinische Indikation oder die Zustimmung des Partners sind dafür nicht nötig. Die Bischofskonferenz sprach von einer „Verstümmelung gesunder Organe“, die einen unwiderruflichen Schaden hervorrufe. Zudem beträfen solche Operationen vor allem Arme. Statt die Armen zu beseitigen, „indem man verhindert, dass sie Kinder haben“, solle der Staat ihnen wirtschaftliche und soziale Hilfen geben. — Faktisch haben die Frauen in Argentinien in einer machistischen Gesellschaft jedoch kaum Möglichkeiten, sich gegen eine ungewollte Schwangerschaft zu schützen. Bislang verwehrte ihnen der Staat den Zugang zu kostenloser Verhütung. Ein nationales Konzept zur Familienplanung, wonach öffentliche Krankenhäuser verpflichtet sind, Verhütungsmittel zur Verfügung zu stellen und Frauen über Themen wie Geschlechtskrankheiten aufzuklären, funktioniert in der Praxis nicht. Bleibt vielen Frauen nur die Abtreibung: Obwohl strafrechtlich verfolgt und mit Gefängnis geahndet, werden 500 000 Abtreibungen pro Jahr durchgeführt.  (KNA/vb)

 

AIDS

Massentests

Als erstes Land der Welt lässt Lesotho alle Einwohner auf den HI-Virus testen. Eine Maßnahme gegen das Aussterben.

König Letsie III. ging mit gutem Beispiel voran, der Premierminister und der Erzbischof von Lesotho folgten dem Monarchen mit einem Aidstest in aller Öffentlichkeit. Ihre Botschaft an die zwei Millionen Einwohner: Nur wenn das Stigma von Aids reduziert und über die Krankheit gesprochen wird, ändern die Menschen ihr Sexualverhalten. Fast ein Viertel der erwachsenen Lesother gilt als Aidsinfiziert. Die Lebenserwartung ist von 52 auf 34 Jahre gesunken. Die Regierung fürchtet, das kleine Land sei vom Aussterben bedroht. Zusammen mit der Weltgesundheitsorganisation WHO startete sie ein umfassendes Programm, das auch die Menschen in den entlegenen Dörfern erreicht. Bisher folgten 2 5000 Lesother über zwölf Jahren der Aufforderung zum Test.  (vb)

 

LIBANON

Christen wandern aus

Während des 30-Tage-Krieges sind zahlreiche Kirchen attackiert oder zerstört worden. Viel schlimmer ist der einsetzende Massenexodus.

Etwa eine viertel Million Christen haben das Land bereits verlassen. Weil Schulen zerstört und die medizinische Versorgung zusammengebrochen ist und „weil sie vor einer ungewissen Zukunft stehen“, sagt Erzbischof Paul Matar. Nach den Zerstörungen durch die israelischen Angriffe und infolge des wachsenden islamischen Fundamentalismus befürchten die Kirchenführer des Landes einen Massenexodus und appellieren an die Weltgemeinschaft, den Libanon rasch wieder aufzubauen. Denn die Präsenz der Christen, heute noch etwa 35% der Einwohner, ist kirchenpolitisch bedeutungsvoll: Das Land ist die einzige Brücke zwischen muslimischem Osten und christlichem Westen.  (vb)

 

INDIEN

Verführung zum Glauben

In mehreren Bundesstaaten ist der Religionswechsel neuerdings strafbar. Eine Herausforderung für die christliche Missionsarbeit.

Manche Priester und Ordensleute sindd dazu übergegangen, ihre Arbeit einfach anders zu nennen: Sie machen Menschenrechts- oder Friedensarbeit statt „Seelsorge“. So sind sie weniger leicht angreifbar auf dem Hintergrund der Gesetzeslage und machen die Menschen trotzdem mit christlichen Werten bekannt. Die sogenannten „Anti-Konversionsgesetze“ sollen vor allem erfolgreiche christliche Mission und Sozialarbeit unter den sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen verhindern, sagen die christlichen Kirchen. Ziel der Gesetze, die allen voran Vertreter der Hindu-Partei BJP befürworten, sei es, die christliche Minderheit in Indien weiter zurückzudrängen. In manchen Bundesstaaten sind Haftstrafen bis zu fünf Jahren vorgesehen, wenn Konversionen durch „Verführung, betrügerische Absichten oder durch Zwang“ erfolgen.  (KNA/vb)

 

STATISTIK

Die Welt wird ärmer

Im Jahr 2050 werden etwa 21 Prozent der Menschen älter als 60 Jahre sein. Ursache ist die steigende Lebenserwartung. Nur im südlichen Afrika ist der Trend gegenläufig. Wegen Aids haben die Menschen seit 1950 10 bis 20 Jahre an Lebenserwartung verloren.

 

UGANDA

Die zehn Gebote

Die Rebellion in Uganda zählt zu den vertracktesten Problemen in Afrika. Nach 21 Jahren Bürgerkrieg schweigen jetzt die Waffen.

Er wollte den „Diktator“, Präsident Yoweri Museveni stürzen und das Land nach den biblischen zehn Geboten regieren. Jetzt hat sich der Laienprediger und Führer der „Widerstandsarmee des Herrn“(LRA), Joseph Kony, auf einen Waffenstillstand und Friedensverhandlungen eingelassen. Unter den Auswirkungen des Krieges hatte vor allem die Zivilbevölkerung zu leiden: Tausende Menschen wurden gefoltert und ermordet, mehr als 22000 Kinder entführt und als Kindersoldaten und Sexsklaven rekrutiert, unzählige Frauen und Kinder vergewaltigt. Ermutigt von der Waffenruhe kehren jetzt die etwa zwei Millionen Men-schen, die sich vor dem Bürgerkrieg in Flüchtlingslager gerettet hatten, in ihre Dörfer zurück. Caritas International unterstützt ihren Neuanfang und bereitet die Wiedereingliederung der Kindersoldaten vor. Für seine Friedensbereitschaft fordert Kony einen hohen Preis: Straffreiheit für sich und seine Anhänger.  (vb)

 

GESUNDHEIT

Auf runden Sohlen

Den aufrecht elegante Gang der Massai kann man lernen und dabei gesund werden. Mit einem neuartigen Schuhkonzept.

Es fühlt sich an, als stehe man auf einem kleinen Ball. Das besondere am MBT-Schuh ist seine dicke, runde Sohle. MBT bedeutet „Masai Barfuß Technologie“ und bezeichnet ein Schuhkonzept, das es ermöglicht, auch auf den steinharten Kunstböden unserer Zivilisation zu gehen wie barfuß auf weichem Moos oder im Sand. Das trainiert die Stütz- und Haltemuskeln des menschlichen Körpers, entlastet die Gelenke und soll von Schmerzen in Rücken, Knien oder Füßen befreien. Erfunden hat das ulkige Schuhwerk der Schweizer Karl Müller, 52. Der Ingenieur und gläubige Christ ließ sich von der Gangart der Massai inspirieren. Das ostafrikanische Nomadenvolk ist für seinen aufrechten Gang bis ins hohe Alter bekannt und berühmt für seine Laufkondition. Weitere Infos unter: www.swissmasai.de   (vb)

 

BRAUCHTUM

Karcher für die Schutzheiligens

Pyrotechnische Spektakel sind in Peru eine nationale Obsession. Auf dem Land wird fast ausschließlich aus religiösem Anlaßss gezündelt.

„Schlösser“ heißen die bis zu 20 Meter aufragenden Feuerwerksbauten, wackelige Gestelle aus dünnem Bambusrohr, an die mit Bindfaden hunderte Ladungen Schießpulver baumeln. Wenn sie in Licht und Farbe aufgehen, ist das der glanzvolle Höhepunkt fast jeder Patronatsfeier. Vor allem die Armen auf dem Land lassen es gern gewaltig krachen, auch wenn es sie den letzten Sol kostet. Das Schießpulver der spanischen Eroberer, erklärt ein Historiker die Liebe der Peruaner zum Feuerwerk, vertrug sich von jeher gut mit den Donner-Mythen der Inka-Kultur. Mit der christlichen Lehre habe das alles aber nichts zu tun, sagt Pater Pablos Camones. Ein Volksbrauch, gegen den die Kosten sprechen. Aber mit Vernunft ist er bislang nicht angekommen gegen die Lust seiner Gläubigen am bunten Feuerschein.   (vb)

INDIEN

Heiliges Vieh

Einst wurden sie verehrt. Doch im Verkehrschaos der großen Städte geraten Indiens Kühe zunehmend unter die Räder.

Wenn sie Glück haben, landen sie im Auffanglager eines Tierheimes. Hunderte von ihnen sind dort — mit amputierten Beinen und aufgeblähten Mägen. Ausgesetzt, angefahren, liegengelassen. Schon lange werden Delhis heilige Kühe nicht mehr wie Gottheiten behandelt. Weil sie Menschen gehören, die selber nicht genug haben, oder denken, dass der Müll, den ihre Tiere in den Straßen finden, schon reicht. Da steht das heilige Vieh dann im Abgas der Neustadt, liegt auf den vielspurigen Autobahnen, stakst über Kreuzungen und durch glitzernde Einkaufspassagen und käut Plastiktüten wieder. Die herrenlosen Kühe müssen verschwinden, entschied der oberste Gerichtshof in Delhi bereits 2002. Doch weder Bußgelder für die Halter noch Belohnungen für Kuhfänger haben genützt. Daher bekommen die Tiere jetzt einen Mikrochip in den Pansen geschossen, damit man sie in Zukunft per Ablesegerät zuordnen kann — wenn sie mal wieder in einen nagelneuen Kleinwagen hineingestolpert sind.   (vb)

 

MENSCHEN 06-2006

Mutiger Hirte: Erwin Kräutler, 67.

ERWIN KRÄUTLER

Im Visier der Killer

Bischof Kräutler erhält erneut Morddrohungen. Es gibt drei Gründe, warum seine Feinde ihn beseitigen wollen.

Erstens: Der österreichische „Missionar vom kostbaren Blut“ (CPPS) fordert die lückenlose Aufklärung des Mordes an der US-amerikanischen Missionarin Dorothy Stang, die 2005 in seiner Prälatur im brasilianischen Altamira erschossen wurde. Zweitens: Er leistet Widerstand gegen ein gigantisches Staudammprojekt in seiner Diözese, bei dem Indianergebiete überflutet würden. Und drittens: Er hat Anzeige in zahlreichen Fällen von sexuellem Missbrauch Minderjähriger erstattet, in die einflussreiche Personen der Region verwickelt sind. Für die Menschenrechte riskiert der 67-Jährige, der seit 41 Jahren am Amazonas arbeitet, Kopf und Kragen.    (vb)

 

HINRICH C.G. WESTPHAL

Kreativer Pastor

Seine „Gemeinde“ sind eine Viertel Million kirchliche „Randsiedler“. Mit besinnlicher Literatur bringt er sie auf die göttliche Spur.

Offenbar trifft er den richtigen Ton. Sonst würden ihm die Menschen den „Anderen Advent“ nicht derartig aus den Händen reißen. Binnen weniger Jahre hat der evangelische Pastor Hinrich Westphal, 62, seinen besinnlichen Begleiter durch die Vorweihnachtszeit auf eine Traumauflage von mehr als einer viertel Million Exemplare gesteigert. Mit dem Kalender erreicht der ehemalige Gefängnisseelsorger und Kolumnist der Bildzeitung vor allem „kirchliche Randsiedler“, Menschen, die mit Kirche nicht viel am Hut haben. „Wir wollen die Sache mit Gott weitersagen und versuchen auf die Sehnsucht heutiger Menschen nach Sinn und Orientierung einzugehen“, beschreibt Westphal sein Konzept. „In einer Mischung von Bildern, poetischen und nachdenklichen Texten sind viele Kirchenferne bereit, auch christliche Botschaften zu lesen“, freut sich der kreative Theologe.    (vb)

  Ersatzmutter: für Kinder in Not.

SOPHIE BOUÉRI

Schwester Courage

Manchmal findet sie die Kinder auf einer Müllkippe. In der „Krippe“ in Bethlehem gibt die Ordensfrau den Kleinen Schutz und Wärme.

Die Lage spitzt sich zu in der Geburtsstadt Jesu. Aber Soeur Sophie und ihre Mitschwestern halten durch. „Wir werden allen fanatischen Widerständen trotzen und weiter für die Rechte der Kinder und Frauen kämpfen“, sagt die 70-jährige Vinzentinerin. Im Arm hält sie zwei von mehr als 110 palästinensischen „Kindern in Not“, denen sie in der „Krippe“ ein Zuhause gibt. „Es sind geschlagene, unterernährte, missbrauchte, ausgesetzte Kinder“, erklärt die Libanesin, die seit Beginn der ersten Intifada im Jahr 1988 in Bethlehem arbeitet. 98 Prozent ihrer Schützlinge sind muslimisch. „Vielleicht bauen wir auf diese Weise eine Brücke zwischen den Religionen,“ hofft die mütterliche Ordensfrau.    (vb)