Magazin > Heft 04-2006

Reportage 1 – 04-2006:

Junge Mönche im Gänsemarsch in 
		orangenen Gewändern.

REPORTAGE

Gänsemarsch ins Nirvana

Heute gehört es fast wieder zum guten Ton in Laos, dass ein Junge für ein paar Jahre ins Kloster geht. Askese und 227 strenge Regeln erwarten ihn dort – eine Schule für das Leben.

Text: Veronika Buter
Fotos: Hartmut Schwarzbach

 

Schweigend und barfuß setzt sich die Prozession in Bewegung. Wie ein orangefarbener Lindwurm schlängeln sich hunderte Mönche die Sakkarine Road herunter. Vorbei an zahlreichen Tempelanlagen bis ins Zentrum von Luang Prabang. Vorneweg schreiten die Autoritäten, dahinter die Schar der Novizen, manche noch im Kindesalter. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages brechen durch graue Wolkenberge. Es duftet nach frisch gekochtem Reis. Entlang des Trottoirs harren Scharen von Gläubigen der Ankunft der Bettelmönche. Kniend warten sie auf eine Chance, ihre Almosen loszuwerden.

Kake verzieht keine Miene. Routiniert lüftet der 21-Jährige den Deckel seiner Opferschale, die an einem breiten Gurt über seiner nackten Schulter hängt. Hinein wandern klebrige Klumpen Reis, Bonbons, Schokoriegel, ja sogar Geldscheine. Kake hat gelernt, die Menschen nicht anzulächeln und sich nicht für ihre Almosen zu bedanken. Schließlich bietet er ihnen Gelegenheit,Verdienste für die nächste Wiedergeburt zu erwerben, indem er ihre Spenden annimmt. Im Internet-Café pflegt der 
		College-Schüler Kake (vorne) Kontakt zu Freunden in aller Welt.

Sein richtiger Name ist Somsay Venevitay, aber alle nennen den sanften Jungen mit den Grübchen in den Wangen nur „Kake“. Er ist seit sieben Jahren Novize im Vat Sene Sukharam, einem der bedeutendsten Tempel in der alten Königsstadt. Hier lebt er mit 26 weiteren Novizen und neun Mönchen. Jeden Morgen um halb fünf, wenn die Tempelglocke klingelt, erhebt sich der junge Mann von seiner Matte, spricht ein Gebet und setzt sich dann zur ersten Meditation des Tages nieder: still sitzen und leer werden, Ausgeglichenheit und Konzentration entwickeln, Einsicht in das Wesen der Welt und des Menschen gewinnen...

 

Reportage 2 – 04-2006:

Ein Mann kniet verzweifelt vor seiner Wellblechhütte.

REPORTAGE

Simbabwe

Am Boden zerstört

Wind peitscht den Regen in ihre aus Müll zusammengeflickten Hütten. Scheint die Sonne, erstickt sie die Luft unter den rostigen Blechdächern. Vor einem Jahr kamen Mugabes Schergen und haben ihr Zuhause zerstört. 2,5 Millionen Menschen im ganzen Land wurden obdachlos. Viele sind es bis heute.

Text: Beatrix Gramlich
Fotos: Ralf Niemzig

 

Können wir gehen? Die Leute werden misstrauisch, wenn wir zu lange bleiben!“ Schon mit dem Auto langsam die Straße entlangzufahren und aus dem Wagen heraus zu fotografieren, bedeutet ein Risiko. Höchste Wachsamkeit und der Fuß auf dem Gas sind die besten Fluchthelfer. Wenn es brenzlig wird, hilft nur, sich schleunigst aus dem Staub zu machen. Wie an dem Tag, an dem Oskar Wermter, 64, uns die Armenküche zeigen will. Als der Pater nach dem Weg fragt, werden einige Männer, die draußen herumlungern, ungehalten. Nur wenige Meter entfernt liegt das Büro der Regierungspartei. Wenn nur einer von ihnen hinüberläuft und von den Weißen im Auto erzählt, wird es gefährlich. Denn auf das, was wir hier machen, stehen zwei Jahre Gefängnis. Jeder, der berichten will, was Simbabwes Präsident Robert Mugabe gerne vor der Weltöffentlichkeit versteckt, riskiert harte Strafen. Es sind die Drohgebärden eines Systems, in dem Rechtsstaatlichkeit längst zum Fremdwort geworden ist.

Mugabes Männer haben alles zerstört, was Stancia Muza besaß. Jetzt lebt sie mit ihrem Baby vom Müll und vm Mitleid der anderen.

Tracy, Anna und Stellah leben täglich mit diesem Risiko. Auch jetzt, als sie Pater Wermter durch die Straßen von Mbare, einem Arbeiterviertel der Hauptstadt Harare, lotsen. Seit 100 Jahren wohnen hier die einfachen Leute. An den Straßenrändern türmt sich der Müll. Kinder stochern auf der Suche nach etwas Verwertbarem darin herum. Früher kam die Müllabfuhr zwei Mal pro Woche, in den vergangenen zwölf Monaten nicht ein einziges Mal. Überhaupt ist seit einem Jahr kaum etwas wie vorher. Die kleinen Läden haben geschlossen, der bunte Markt, auf dem von der Seife bis zur Süßkartoffel so ziemlich alles den Besitzer wechselte, ist verschwunden. Und wo Schreiner und Tischler mit ihrer guten Arbeit Kunden aus der ganzen Stadt anlockten, gähnt heute eine schmutzige Grünfläche...


 
 
 
 

Interview 04-2006

Ein Bischof kämpft für sein Volk

Er hasst Papierkram und liebt die Menschen. Deshalb will er nicht tatenlos zusehen, wie seine Landsleute hungern und als Spielball eines machtversessenen Diktators missbraucht werden. Der Preis sind Todesdrohungen und die ständige Überwachung durch Mugabes Geheimdienst.

Am Mittwochnachmittag ist „open house“ bei Pius Alick Ncube, dem Bischof von Bulawayo. Aber auch sonst ist das Büro des 59-Jährigen in der zweitgrößten Stadt Simbabwes ständig umlagert von Menschen, die sich Hilfe von ihm erhoffen. Sie lieben den großen, schlaksigen Mann mit den etwas linkischen Bewegungen und dem leisen Humor. Weil er der Macht die Stirn bietet, weil er sich um Gottes Willen auf ihre Seite stellt und dem Unrecht einen Namen gibt: Robert Mugabe. Der Präsident und ehemalige Jesuitenzögling galt vielen als Hoffnungsträger, als er Rhodesien 1980 in die Unabhängigkeit führte. Heute ist er 82 Jahre alt, regiert noch immer und befiehlt einen Überwachungsstaat, dessen totalitäre Methoden denen der britischen Kolonialherren in nichts nachstehen. Weiße Farmer hat er aus dem Land gejagt, politischen Widerstand brutal zerschlagen und hunderttausende Häuser vermeintlich oppositioneller Wähler zerstören lassen. „Wenn so etwas passiert, muss man reden“, sagt Bischof Ncube und beugt sich über seinen Schreibtisch, in dessen buntem Durcheinander aus Akten, Büchern, Briefen und Trockenblumen das dicke Telefon mit der Wählscheibe fast verschwindet. Er nimmt sich Zeit mit seinen Antworten. Mitten im Gespräch steht er unvermittelt auf, zieht ein Buch aus dem Regal oder zeigt einen von dem halben Dutzend Menschenrechtspreisen, mit denen ihn das Ausland in den vergangenen Jahren geehrt hat. Gerade hat er einen dicken Wälzer über Einstein gelesen, aber lieber beschäftigt er sich mit Mystik. Oben in seinem Schlaf- und Arbeitszimmer bildet die Gebetsecke den Mittelpunkt. Die intensive Zwiesprache mit Gott steht für ihn, der erst mit 14 Jahren getauft wurde, am Beginn eines jeden Tages und stärkt ihn darin, seinen Weg trotz aller Anfeindungen fortzusetzen. An der Wand hängt ein Poster mit Martin Luther King...

 

Lebens.Art 04-2006

In dieser Serie stellt kontinente Christen vor, die das Evangelium reizt, außergewöhnliche Lebensformen zu erproben.

  Die Mitglieder von Brot&Rosen teilen 
		ihr eigenes Leben mit Gästen aus aller Welt.

Die ganze Welt unter einem Dach

„Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.“ Die christliche Basisgemeinschaft „Brot&Rosen“ setzt diesen Vers aus dem Matthäusevangelium radikal um. Sie lebt mit Flüchtlingen aus aller Welt in einem Haus und geht für deren Rechte auf die Straße.

Babrak (Name von der Redaktion geändert) wartet auf einen Telefonanruf. Einen Anruf, der sein Leben ändern wird. Aufrecht sitzt der junge Afghane auf dem gemütlichen Sofa im Wohnzimmer und lässt sich seine Nervosität nicht anmerken. Obwohl er oft bis in die Morgenstunden wach liegt und vor Sorge und Unruhe nicht einschlafen kann. Immerhin fühlt er sich hier in dem unscheinbaren Reihenhaus im Hamburger Stadtteil Bramfeld „einigermaßen sicher“. Zufällig war er gerade nicht zuhause, als Beamte der Ausländerbehörde ins Asylantenheim kamen, um ihn zu holen. Babrak sollte abgeschoben werden.

Bei „Brot&Rosen“ hat der 25-Jährige erst einmal Unterschlupf gefunden. Hier werden Menschen wie er mit offenen Armen empfangen: Flüchtlinge aus aller Welt, „die ihrer Rechte beraubt, deportiert oder in die Illegalität gedrängt werden“, sagt Dietrich Gerstner, 41, evangelischer Theologe und Mitbegründer der christlichen Lebensgemeinschaft. Flüchtlinge seien am stärksten ausgegrenzt in dieser Gesellschaft. „Wir nehmen sie unabhängig von ihrem sozialrechtlichen Status und ohne bürokratische Hürden auf. Bei uns finden sie ein Zuhause auf Zeit, um durchatmen zu können und neue Perspektiven zu entwickeln.“...


 
 

Nachrichten 04-2006:

CHINA

Peking brüskiert den Vatikan

Die eigenmächtige Ernennung von Bischöfen stellt die Beziehungen zwischen dem Vatikan und China auf eine schwere Probe und lässt nichts Gutes ahnen für die Katholiken im Reich der Mitte.

Die schrittweise Annäherung zwischen Peking und dem Vatikan hat einen schweren Rückschlag erlitten. Anlass sind zwei Bischofsweihen, die von der staatlich gelenkten „Patriotischen Vereinigung“ gegen das Einverständnis des Vatikans vorgenommen wurden. Der Bischof von Hongkong, Kardinal Joseph Zen, hat dem Vatikan sogar geraten, seinen Dialog mit China abzubrechen, sollte es dort zu weiteren illegalen Bischofsweihen kommen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AsiaNews sind weitere 20 Bischofsweihen ohne Genehmigung des Heiligen Stuhls geplant. Gleichzeitig wurden die zwei durch die staatlich sanktionierte Kirche Chinas berufenen Bischöfe vom Vatikan exkommuniziert.

In den vergangenen Jahren haben sich die Regierung in Peking und der Vatikan langsam an eine Aufnahme formeller Beziehungen herangetastet. Beide Seiten verständigten sich darauf, dass künftige Priester und Bischöfe die Zustimmung des Vatikans suchten, bevor sie Ämter in der staatlich kontrollierten Kirche übernehmen. Die neuesten Ernennungen laufen dieser Abmachung jedoch zuwider.

Seit der Machtübernahme der Kommunisten 1949 und des Bruchs mit dem Vatikan 1951 ist die Kirche in China gespalten. Während die vier Millionen Gläubige zählende Staatskirche den Papst nicht anerkennt, entzieht sich die doppelt so große Untergrundkirche der Kontrolle. Ihre Mitglieder stehen loyal zum Papst, leiden aber unter Verfolgung. Weitere Informationen zur Kirche in China unter: http://www.china-zentrum.de. fjs

 

WELTGESUNDHEIT

Aggressive Abwerbung von Fachkräften

Die Abwerbung von medizinischem Personal durch reiche Industrienationen führt zu einem Kollaps der Gesundheitssysteme in den armen Ländern.

Der steigende Bedarf nach medizinischem Personal treibt seltsame Blüten: Immer mehr Industrienationen werben mit aggressiven Methoden Fachkräfte in den Entwicklungsländern ab. In den armen Ländern droht nach Einschätzung der Vereinten Nationen (UN) dadurch der Kollaps der Gesundheitssysteme. Es fehlten vor allem Fachkräfte zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose. Es sei höchste Zeit, Ärzten und Pflegern anständige Löhne zu bezahlen, betonte ein UN-Sprecher. Die Philippinen verzeichneten einen Massenexodus von Ärzten, die in den USA das Sieben- bis Zehnfache verdienten. Rund 15000 Krankenpfleger verließen jährlich die Philippinen. In 57 Ländern, davon 36 in Afrika, herrsche akuter Mangel. WHO

 

KONGO

Projekt Kanangat

Studenten aus Aachen entwerfen die Baupläne für eine katholische Universität im Herzen des Kongo.

Den Kontakt zwischen den Hochschulen in Aachen und Kananga hatte Ludwig Bertsch, Jesuit, Theologieprofessor und Kongo-Kenner, vermittelt. Seither planen 65 Architekturstudenten aus der Kaiserstadt unter Betreuung der Lehrstühle für Städtebau und Tragwerkkonstruktion die katholische Universität von Kananga im Kongo. Zehn Jahre nach deren Gründung stehen auf dem rund zehn Quadratkilometer großen Gelände in der 1,8-Millionen-Stadt im Herzen Afrikas die ersten Lehr- und Verwaltungsgebäude, und Projektleiter Professor Rolf Westerheide konnte vor wenigen Wochen den Grundstein zum Bau einer Poliklinik legen. Begleitet wird die Errichtung der Universität von einem intensiven Austauschprogramm und Kolloquien zur gegenseitigen Kontrolle. Besonderen Wert legen die Studenten auf Verwendung einheimischer Baumaterialien. fjs

 

TEXTILHANDEL

Verlierer sind die Näherinnen

Schon vor Anpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft standen die großen Verlierer fest: die Näherinnen aus Textil-Zulieferbetrieben in aller Welt.

Eine aktuelle Studie räumt mit der verbreiteten Meinung auf, allein mittels so genannter Sozial-Audits, von den Herstellern veranlasste Kontrollen, könnte das Desaster von Überstunden und Löhnen, die nicht zum Leben reichen, beendet werden.

„Quick fix“, eine Untersuchung des Inkota-Netzwerks, einer Trägerorganisation der Kampagne für „Saubere“ Kleidung (CCC), belegt: Sozial-Audits haben sich zu einem blühenden Geschäft entwickelt. Während etwa der Sportartikelhersteller Adidas Gewinn dank guter Geschäfte mit Fußballprodukten deutlich steigern konnte, erhalten die Näherinnen bei Adidas-Zulieferbetrieben in Mittelamerika und Asien trotz Sonderschichten einen Hungerlohn, der nicht einmal zur Deckung des Grundbedarfs der Familien ausreicht, so Inkota. Das Netzwerk kommt daher zum Schluss: Das System der Überprüfung und Sozial-Audits sei mangelhaft und nicht in der Lage, die eigentlichen Probleme zu lösen. Weitere Informationen im Internet unter: http://www.inkota.de. fjs

 

KINOFILM

Indiens Witwen

Der Kinofilm „Water“ bricht ein Tabu der indischen Gesellschaft: Millionen Witwen werden elementare Rechte vorenthalten.

Die Geschichte des Films spielt 1938 in der heiligen Stadt Varanasi. Chuyia ist acht Jahre alt als ihr Mann stirbt. Von nun an lebt sie in einem Witwen-Aschram, den sie durch ihre Lebhaftigkeit gehörig durcheinander bringt. Als die Witwen einem Anhänger Mahatma Gandhis begegnen, wagen sie allmählich, ihr vermeintliches Schicksal zu hinterfragen.

Der in langen Bildsequenzen wunderbar fotografierte Film von Deepa Mehta hat jetzt die europäischen Kinos erreicht. Nach einem ersten Anlauf im Jahr 2000, der durch organisierte Proteste hinduistischer Fundamentalisten zu Fall gebracht wurde, konnte die kanadisch-indische Regisseurin den Film erst 2005 an einem geheimen Drehort fertig stellen. Obwohl in der Zeit Ghandis angesiedelt, ist das Thema hochaktuell, da Millionen indischer Witwen immer noch geächtet werden. fjs

 

AUSSTELLUNG

Hautbilder

Zeig mir dein Tattoo, und ich sage dir, wer du bist: Die Haut spielt weltweit eine wichtige Rolle, um Botschaften zu übermitteln.

Tätowierungen und Piercings sind hierzulande im Trend. Und das nicht nur in der Halbwelt. Über die Haut kommunizieren Menschen überall auf dem Globus miteinander, wer sie sind oder was sie sein wollen. Ihren Ursprung hat diese Kultur in der „Dritten Welt“. Die Ausstellung „Hautzeichen – Körperbilder“ im Frankfurter Museum der Weltkulturen zeigt an Beispielen aus Ozeanien, Afrika und Asien, Amerika und Europa verschiedene Formen der Hautgestaltung und deren soziale und kulturelle Bedeutung. Vor allem in außereuropäischen Gesellschaften haben kunstvoll gesetzte Narben, spitz geschliffene Zähne oder gespaltene Lippen selten eine rein dekorative Funktion: Sie sind wichtiger Bestandteil von Ritualen und markieren verschiedene Lebensphasen eines Menschen. vb

 

AKTION

Wirf den Kaugummi in die Tonne

Aus England kommt ein Buch, das sich rasant verbreitet: Es gibt 50 Tipps, wie jedermann die Welt verbessern kann. Ganz simpel.

Manchmal reicht es, eine Binsenwahrheit neu und pfiffig zu verpacken, damit sie wieder Aufmerksamkeit erregt. Das ist wohl das Geheimnis dieses kleinen Buches: „Einfach die Welt verändern“. Es präsentiert 50 „Aktionen“, wie jeder durch kleine Taten im Alltag die Umwelt schonen und das menschliche Miteinander erfreulicher machen kann. Sie sind simpel und nicht neu, aber so unideologisch und witzig verpackt, dass man gleich die Ärmel hochkrempeln möchte. Dabei ist das gar nicht nötig. „Verschenk ein Lächeln“, denn dazu „brauchst du nur halb so viele Muskeln wie für ein Stirnrunzeln“, heißt es erklärend zur Aktion 05. Oder: „Wirf den Kaugummi in die Tonne“, denn für das Geld, das die Straßenreinigung kostet, könnte man fünf Krankenhäuser bauen.“ Die Ratschläge kommen aus England und erobern derzeit den Globus: David Robinson, Leiter einer sozialen Hilfsorganisation, träumte davon, dass jeder Gutes tun und sich das Gute auch globalisieren lassen könnte. Eine Werbemanagerin griff die Idee auf und filterte 50 Aktionen aus tausenden Vorschlägen, die sie mit der Frage einholte: Was sollten eine Million Menschen tun? „Sei die Veränderung, die du dir für diese Welt wünschst“, zitiert das Buch Mahatma Gandhi zur Aktion 28: „Nutze den Tag.“ vb

Erschienen im Pendo-Verlag 2006 für EURO 7,90.

 

MIGRANTEN

Wurzeln schlagen

In interkulturellen Gärten wachsen nicht nur exotische Gemüse, sondern auch Freundschaften zwischen Fremden.

Im „Wuhlegarten“ in Köpenick haben Argentinien und Italien eine gemeinsame Grenze, und von Ägypten kann man in die Ukraine hüpfen. Hier gedeiht vietnamesischer Koriander neben kasachischem Sauerampfer, italienischer Fenchel neben bosnischen Strauchbohnen. So friedlich wie die Pflanzen kommen auch die Gärtner miteinander aus. Einwanderer aus neun Nationen teilen sich die Parzellen des Schrebergartens. Die multikulturelle Mischung ist Programm: Migranten sollen die Möglichkeit haben, „in der Fremde Wurzeln zu schlagen“, erklärt die Stiftung Interkultur, die bundesweit mittlerweile 72 internationale Gärten betreut. Sie sind Orte des Säens und Erntens, vor allem aber der Begegnung verschiedener Kulturen. Und sie helfen Einwanderern, hierzulande heimisch zu werden. vb
Infos unter: http://www.stiftung-interkultur.de.

 

Menschen 04-2006

MENSCHEN

MONIKA HAUSER

Tabubrecherinn

Als die Südtiroler Gynäkologin 1992 eine Reportage über Vergewaltigungen in Bosnien las, änderte sie ihr Leben komplett.

Sie ist unbequem, nervt Diplomaten und bricht Tabus: Die Gründerin und das Herz der Frauenrechtsorganisation „medica mondiale“, Monika Hauser, 47. Das Leben der in der Schweiz aufgewachsenen Italienerin änderte sich komplett, als sie 1992 über Vergewaltigungen von Frauen in Bosnien las. Die Gynäkologin errichtete das Frauentherapiezentrum Medica Zenica in Zentralbosnien, dessen Leitung sie auch übernahm. Aus diesem Engagement entstand der Verein medica mondiale, dessen politische Geschäftsführerin sie ist und der seinen Sitz in Köln hat.

Ein Jahr lebte sie in Bosnien mit traumatisierten Frauen zusammen, mitten im Krieg. Seither kämpft sie gegen jede Form von Gewalt gegen Frauen. Projekte von medica mondiale finden sich längst nicht mehr nur in Bosnien, sondern auch im Sudan, Kongo oder in Uganda, in Afghanistan und im Irak oder in Indonesien. Monika Hauser hält Vorträge im Rahmen nationaler und internationaler Kongresse und trägt die Anliegen von medica mondiale in eine breite Öffentlichkeit. Dabei scheut sie sich nicht, sich, wenn nötig, unbeliebt zu machen. Etwa wenn sie Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz vorwirft, Zwangsprostituierte zu benutzen. Offener Angriff statt leiser Diplomatie ist ihr Markenzeichen.

Monika Hauser ist vielfach ausgezeichnet. Die Annahme des Bundesverdienstkreuzes lehnte sie allerdings ab: Aus Protest gegen den Bosnien-Rückführungsbeschluss der deutschen Länder-Innenminister. fjs

 

ERWIN WAGENHOFER

Appetitverderber

Sein Film „We feed the World“ über die Lebensmittelindustrie ist der erfolgreichste österreichische Dokumentarfilm überhaupt.

Sein 95-minütiger Dokumentarfilm zeigt in ernüchternden Bildern, wie weltweit Lebensmittel produziert werden. Er zeigt, wie Menschen trotz Überflussproduktion im gleichen Land hungern und was bei der Produktion neben der Menschenwürde auch verloren geht: der Geschmack. Regisseur Erwin Wagenhofer, 45, verzichtet auf jeden Kommentar, da die Bilder für sich sprechen. Der Streifen des Amstettener Filmemachers ist ein Plädoyer für die Rückkehr zur Einfachheit, mit dem er bisher rund 150000 Zuschauern teilweise den Appetit verdorben hat. fjs

 

GEORGE COYNE

Sternengucker

Der Jesuit und Astrophysiker leitet die päpstliche Sternwarte un schließt die Existenz von Außerirdischen nicht aus.

Er hält im Vatikan die Fahne der Wissenschaft hoch: Der US-Amerikaner George Coyne, 63, der die Rehabilitation von Galileo Galilei vorantrieb, hat sich im Interview mit der „Zeit“ überzeugt gezeigt, dass die Wissenschaft Gott glorifiziert und die Religion die Wissenschaft davon abhält, sich allwissend zu fühlen. Die Existenz von außerirdischem Leben hält Coyne nicht für ausgeschlossen: „Immer mehr Daten, die wir sammeln, scheinen dafür zu sprechen“, meint der Jesuit. Jedoch betrachte er es als seine Aufgabe, die Wissenschaft voranzubringen. Er könne nicht dauernd darüber nachdenken, ob Jesus auf anderen Planeten erscheint oder „ob ich Aliens taufen würde“. fjs