Magazin > Heft 03-2006

Reportage 1 – 03-2006:

Die Kriminalisierten: Der Anbau von Coca sichert ihren Lebensunterhalt. Das Wort Kokain können sie nicht einmal schreiben.

Coca ist unser Leben

Die westliche Welt bezichtigt sie des Rauschgiftanbaus, und die USA führe auf ihren Feldern den „Krieg gegen Drogen“. Boliviens Cocabauern sind wütend. Sie fühlen sich missverstanden.

Text: Thomas Wunram CPPS
Fotos: Günther Menn

 

Das monotone Prasseln des Regens hat nachgelassen. Remigio Cordoba steigt die Leiter seiner Pfahlhütte hinab und macht sich daran, Yucca-Wurzeln auszugraben. Remigio ist 55, hager und trägt indigene Züge. Mehr schlecht als recht lebt er mit seiner sechsköpfigen Familie von den Erträgen des Bodens, wo der tropische Regenwald Boliviens im Westen von den aufstrebenden Hängen der Anden begrenzt wird. Itirapampa heißt das Häuflein von 50 Hütten, weit ab von der befestigten Straße und der nächsten Steckdose. Wer hier ernsthaft krank wird, weiß, dass er auf medizinische Hilfe nicht hoffen braucht.

Itirapampa muss man nicht kennen. Die US-Drogenbekämpfungsbehörde DEA aber kennt das Dorf, jede Hütte, jedes Feld vor allem. Für sie ist Itirapampa eine Kokain-Hochburg. Und Remigio ist Cocabauer, Cocalero. Bei Fremden ist er vorsichtig. Seit die Regierung unter Druck der USA den Cocaanbau einzugrenzen versucht, tauchen Spitzel auf. Remigio fühlt sich missverstanden: „Ich baue Coca an; Kokain wächst nicht auf Bäumen. Es verletzt, als gewissenloser Drogenproduzent kriminalisiert zu werden.“ Coca ist in den Anden seit 4000 Jahren Kulturpflanze, keine Droge. „Jeder hier kaut Coca“, erklärt er und schiebt sich ein Blatt in die Backe.

Der Seelsorger: Die Bewohner von Itirapampa vertrauen ihrem Padre Mauro Palamini (3. von links).

Coca ist vitaminreich und hat lebenswichtige Proteine. Sie vertreibt Müdigkeit und Hungergefühl. In den Anden hilft sie bei Höhenkrankheit. Den Inkas war Coca ein Geschenk der Götter. Sie wussten um die Heilkräfte der Blätter. Von Kokain wussten sie nichts.

Das Motorgeräusch lässt ihn aufhorchen. Dann sieht er den roten Geländewagen. Remigio lächelt: „Mauro vergisst uns nicht.“ ...

 

 

Reportage 2 – 03-2006:

Arbeiten: Chanda verdient auf 
		ihren Reisfeldern ihren Lebensunterhalt.

REPORTAGE

Die Katechistin im Reisfeld

In Laos herrscht Religionsfreiheit — aber nur auf dem Papier. Das kommunistische Regime legt der kleinen christlichen Minderheit Steine in den Weg, wo es nur kann. Mission ist verboten, Verkündigung ein Risiko. Chanda kann nicht lesen und schreiben. Aber als Katechistin gehört sie zu den Besten ihres Faches.

Text: Veronika Buter
Fotos: Hartmut Schwarzbach

 

Draußen beginnt es zu dämmern. Sechs Uhr morgens. Die Katechese findet vor Schulbeginn statt. Verschlafene Kinder schmiegen sich eng aneinander. Sie haben noch nichts im Magen und frieren. Nur die wenigsten besitzen lange Hosen oder einen langärmeligen Pullover. Viele kommen barfuß in die kleine Holzkirche von Oudomssouk, einem Dorf auf dem Bolaven-Plateau im Süden von Laos. Durch die geöffneten Fenster bläst der Wind beinahe die Kerzen aus. Erdiger Staub hat die lebensgroße Marienfigur rotbraun gepudert. Die Kinder singen, sie singen sich warm. Eine Spinne, handtellergroß, überquert die bunten Matten, auf denen die Jungen und Mädchen hocken und verschwindet durch ein Astloch ins Freie. Niemand beachtet sie. Alle lauschen Chandas heller Stimme.

Beten: Für die Menschen 
		in ihrem Dorf ist Chanda ein Vorbild im Glauben.

Sie ist jung, blutjung, als die Wahl auf sie fällt. Das war 1975. Die Kommunisten haben gerade die Macht übernommen. Kirchengebäude, Schulen und Missionsstationen werden beschlagnahmt. Von einem auf den anderen Tag müssen die ausländischen Missionare das Land verlassen. Religion ist Opium fürs Volk. Auch die Buddhisten, religiöse Mehrheit im Land, trifft die Religionsfeindlichkeit. Aber die Christen hat das neue Regime besonders im Visier. Die „Religion Jesu“ gilt in dem traditionell buddhistischen Land als fremd...

 

Interview 03-2006

„Uganda ist eine alte Liebe von mir“

Höfliche Zurückhaltung ist ihr Ding nicht — was sie denkt, sagt sie auch. Damit stößt die 71-jährige katholische Publizistin Dolores M. Bauer zwar viele in und außerhalb der Kirche vor den Kopf, aber wenn es um Frieden und Gerechtigkeit in der Welt geht, ist ihr das egal.

Wenn jemand aus dem Publikum sie nach einem ihrer Vorträge fragt, was er denn schon tun könne, um die Welt zu verbessern, „dann schnalle ich manchmal ab und werde sehr unfreundlich. Wir brauchen doch nur unsere Augen und Ohren aufzumachen!“
71 Jahre alt ist Dolores M. Bauer und voller Energie. Der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit lässt der österreichischen Publizistin wenig Zeit zum Ausruhen. Aber das will sie auch gar nicht: Sie hat ihr Leben lang voll gearbeitet, bei verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen und fast drei Jahrzehnte beim Österreichischen Rundfunk, auch als ihre drei Kinder noch klein waren. Dabei machte sie immer wieder auf Missstände in der Welt aufmerksam. Auch jetzt ist sie ständig unterwegs, als Vizepräsidentin des Wiener Instituts für Entwicklungsfragen und Zusammenarbeit, als Präsidentin der Österreichisch-Ugandischen Freundschaftsgesellschaft, auf Vorträgen und Recherchereisen. Um den Frieden sei es in der Welt derzeit so schlecht bestellt wie lange nicht mehr, „und als Christen, die wir auf Jesus Christus getauft sind, können wir uns da nicht aus dem Schlamassel ziehen“.

Wie können sich Menschen gerade auch in Ihrem Alter für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen?
Ach, das ist ja alles ein Blödsinn. Wir brauchen doch nur die Augen und Ohren aufzumachen. Jeder Mensch guckt Fernsehen, glotzt hinein in diese blöde Kiste. Statt dass er mal schaut, wie es der Nachbarin geht oder dem Türken um die Ecke. Und wenn mich jemand fragt, wo er helfen kann, dann sage ich, da ist ein Projekt, dort geht es darum, Schulen zu bauen. Ich bin da ziemlich direkt, eigentlich mit großem Erfolg. Ich habe schon sehr viele Schulen gebaut auf dieser Welt, sehr viele Sachen auf den Weg gebracht...

 

Lebens.Art 03-2006

In dieser Serie stellt kontinente Christen vor, die das Evangelium reizt, außergewöhnliche Lebensformen zu erproben.

  Moderne beginen: Irmtraud Ruder-Schnelle (links) und ein teil der Hausgemeinschaft vor dem Beginenhof in Schwerte-Ergste.

Quirlig bis zum letzten Atemzug

Eine mittelalterliche Lebensform blüht neu auf: Jenseits von Kloster und Ehe ziehen Frauen in Wohnprojekten zusammen. Sie sind spirituell und sozial engagiert. Sie leben ohne Partner und nennen sich „Beginen“.

Und nun? Irmtraud Ruder-Schnelle ist 58, als sie ihr Leben noch einmal völlig umkrempelt. Von ihrem Mann hat sie sich nach langjähriger Ehe getrennt. Die beiden Söhne sind längst erwachsen und ihre Stellung als Geschäftsführerin muss die gelernte Bankkauffrau früher als geplant aufgeben. „Was machst du mit der Lebenszeit, die dir noch bleibt?“ fragt sich die aktive evangelische Christin.

Seit Juli 2005 lebt sie mit zwölf Frauen und fünf Kindern unter einem Dach. Von der Terrasse ihrer sonnigen Zweizimmerwohnung kann sie hinunter auf den so genannten „Marktplatz“ schauen. Er ist das gesellige Zentrum der Ökosiedlung, in dessen Zentrum der Beginenhof von Schwerte-Ergste steht: ein asymmetrisch geformtes, zweistöckiges Gebäude, gelb gestrichen, die Balkone nach Süden. Die Mieterinnen sind zwischen 40 und 68 Jahre alt, Frauen in der zweiten Lebenshälfte, geschieden, verwitwet oder allein erziehend, berufstätig oder in Rente. Sie alle wollen — zumindest vorläufig — ohne Partner leben und viel mehr als nur gute Nachbarn sein.

„Jede von uns hat ihre eigene Wohnung mit einer Tür, die sie hinter sich zumachen kann“, erklärt Irmtraud Ruder-Schnelle, die den Beginenhof gegründet hat. „Und jede führt ihr eigenes Leben“: sei es als allein erziehende Mutter, als erwerbstätige Frau oder Rentnerin. Alle sind finanziell selbstständig, das gehört zu den wesentlichen Voraussetzungen für ein Beginenleben. Ansonsten haben sich die 13 Frauen vorgenommen, „zusammen zu leben, zu arbeiten und Gemeinschaft zu bilden“, sagt Irmtraud Ruder-Schnelle. So wie es ihre frommen Schwestern im Mittelalter getan haben...

 

 

Nachrichten 03-2006:

SUDAN

Wackeliger Neubeginn

Seit 18 Monaten herrscht Frieden im Sudan. Dass er bis heute gehalten hat, ist schon ein Riesenerfolg. Auch wenn hier und dort neue Gewalt aufflammt: Es gibt Fortschritt.

Kein Zweifel: Es gibt neue Unruhen im Süden des Sudan. Die Machtverteilung zwischen Nord und Süd ist schief und die Politik des Gesamtlandes hat sich nicht wirklich verändert. Dennoch ist viel Positives in Bewegung. Ihre erste Nagelprobe hat die junge Regierung bestanden. Der plötzliche Tod des frisch ernannten Vizepräsidenten und früheren Rebellenchefs John Garang hat den Friedensprozess nicht, wie befürchtet, gestoppt. Die Vertreter von Nord und Süd einigten sich rasch auf einen neuen Vize. Und der Wiederaufbau im Süden konnte beginnen. Die vordringlichste Aufgabe der Regionalregierung bleibt: die zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen und die zurückströmenden Bürgerkriegsflüchtlinge zu beherbergen. 350 000 Menschen waren ins Ausland geflohen, innerhalb des Sudan gibt es noch immer vier Millionen Binnenvertriebene. — Mittlerweile sind alle Wegblockaden beseitigt, freies Reisen ist möglich. Die Straßen werden planiert und auch die katholische Kirche kann neu beginnen: Nach 15 Jahren im Exil darf der Bischof von Torit, Akio Mutek, wieder in seinen Bischofssitz zurückkehren. Ging es auch für die Kirche zwei Jahrzehnte lang nur ums Überleben, kann sie jetzt wieder auf Zukunft hinplanen. In einer konzertierten Aktion finanzieren missio und weitere Hilfswerke den Aufbau eines Priesterseminars im Südsudan. Die Ausbildung von kirchlichem Personal hat oberste Priorität.

 

OSTTIMOR

Geschwisterlich teilen

Australien gehört zu den reichsten Ländern der Erde, Osttimor zu den ärmsten. Zwischen ihnen liegt Öl, das beide Staaten beanspruchen.

Nach vier Jahren des Streits haben sich die Nachbarn endlich geeinigt. Sie wollen die Erlöse aus der Öl- und Gasförderung teilen. Die Einnahmen von insgesamt 20 Milliarden US-Dollar werden in einem Seengebiet erzielt, das beide als ihr eigenes staatliches Terrain betrachten. Die eine Million Einwohner der jüngsten Nation der Welt haben das Geld dringend nötig. Das Land leidet immer noch unter den Folgen der jahrzehntelangen Besatzung durch Indonesien. 40 Prozent der Menschen leben in Armut. Ihren Grenzstreit haben Australien und Osttimor jedoch nur vertagt. Er soll 50 Jahre ruhen. Osttimor fordert seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 2002 eine neue Grenze zu Australien.

 

MALARIA

Starkes Kraut

Noch immer gibt es keinen Impfstoff gegen Malaria. Aber einen Tee, gegen den der Erreger machtlos ist.

Sie kommt in Schüben, sie äußert sich durch heftiges Fieber und Kopfweh. Jährlich erkranken 200 Millionen Menschen an Malaria, zwei Millionen sterben an der Tropenseuche. 90 Prozent der Malariaerreger sind aber inzwischen resistent gegen die klassischen Arzneien auf der Basis von Chloroquin. Der Wirkstoff der Artemisia annua, dem einjährigen Beifuß, lässt dagegen hoffen. Ein Tässchen Tee, dreimal täglich, reicht schon aus, um die tödliche Gefahr zu bannen. Seine farnähnlichen, hellgrünen Zweige enthalten einen Mix aus Wirkstoffen, gegen den der Erreger nur sehr schwer Resistenzen entwickeln kann. Klinische Tests ergaben, dass mehr als 90 Prozent aller Patienten durch Artemisinin-Präparate geheilt wurden. Eine gute Nachricht für die arme Bevölkerung in den Tropenländern. Artemisia wächst in jedem Blumentopf, selbst in unseren Breitengraden.

 

KULTUR

Applaus für die tibetische Oper

China unterdrückt das tibetische Volk. Seine traditionelle Oper darf es aber jetzt wieder spielen. Gerne auch vor chinesischen Touristen.

„Eigentlich dauert die Aufführung drei bis vier Tage“, sagt Gelong. Doch heute sind kürzere Fassungen gefragt, vor allem von den Touristen. Gelong, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die alte Kunstform zu retten und selbst die größte Operntruppe im Land leitet, ist froh, dass das bunte Spektakel überhaupt wieder gefragt ist. „Die tibetische Oper ist unser Stolz und Teil unserer Identität“, sagt er. Ihre Stücke basieren auf alten Legenden. Gespielt, getanzt und gesungen wird mit traditionellen Masken und in aufwändigen alten Kostümen. Trommeln und Schellen begleiten die Inszenierung. China stellt das Wiedererstehen früher kritisierter Kultur als Beweis seiner neuen Toleranz dar. Nicht ohne Eigennutz: Denn immer mehr Chinesen begeistern sich für das „geheimnisvolle Tibet“. Sie haben jetzt genug Geld, um sich die teure Reise auf das „Dach der Welt“ zu leisten.

 

ENTWICKLUNG

Den Besten helfen

Afrika ist doch noch nicht ganz verloren — behauptet eine Studie, die Politikern auf die Finger schaut und ihre Erfolge misst.

Mauritius ist Spitze. Das Eiland im Indischen Ozean wird so gut regiert, dass es im Management-Index 2006 der Bertelsmann-Stiftung auf Platz eins steht. Die Untersuchung gibt Aufschluss darüber, wie konsequent politische Entscheidungsträger in den vergangenen Jahren den Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft gegangen sind. Dabei schneiden unter den 118 untersuchten Entwicklungs- und Schwellenländern auch Botswana, Südafrika und Ghana gut ab. Anderen Ländern werden Rückschritte bescheinigt: wie dem autoritär regierten Simbabwe. Gutes Regierungshandeln und Fortschritt gehen Hand in Hand. Daran sollte sich Entwicklungshilfe orientieren, fordert Werner Weidenfeld, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung. „Wenn wir Demokratie fördern und Armut bekämpfen wollen, müssen wir gezielt Partner unterstützen, die gutes politisches Management an den Tag legen.“

 

ARZNEIMITTEL

Selbstversorger

Gabun zeigt, wie man die Produktion von Medikamenten ins eigene Land holen und teure Importe vermeiden kann.

Tabletten, Tropfen, Zäpfchen: Hochwirksame Medizin gegen Tuberkulose, Malaria oder Aids kann sich kaum ein Afrikaner leisten. Denn die Pharmaprodukte müssen aus reichen Ländern teuer importiert werden. Das zentralafrikanische Land Gabun zeigt, dass es auch anders geht. Seit einem Jahr produziert die Firma „Sogafam“ in Libreville sogenannte Generika: wirkstoffgleiche Kopien eines Originalpräparates, das sich bereits unter einem anderen Namen auf dem Markt befindet. Mit einer halben Million Paracetamol-Tabletten hat Sogafam angefangen. Inzwischen produziert die Firma auch Medizin zur Behandlung von Aids. Initiatorin des Projekts ist die in Brüssel ansässige Organisation „Cumvivium“, in der sich Vertreter des Vatikan, der katholischen Apotheker sowie Generika-Produzenten zusammengeschlossen haben.KNA

 

Tourismus

Mama Lolo bittet zu Tisch

Lange Jahre waren südafrikanische Township für weiße Touristen tabu. Heute gilt ein Besuch in Soweto als touristisches „Highlight“.

Zwischenstopp in Motsoaledi. Ein Landbesetzer-Viertel, Zuhause für die Allerämsten, kein Wasser, manchmal ein bisschen Strom, ein Chemie-Klo für je zwölf zusammengeflickte Baracken. Eine Horde Kinder kickt feixend einen Lederball zu den Besuchern aus der anderen Welt. Die staunen, dass zwischen all dem Elend so akkurat gefegt ist. Sie sind willkommen in Soweto, der berühmtesten Township der Welt. Lange Jahre war sie „No-go-Area“ für Weiße. Heute fahren klimatisierte Minibusse mit Norwegern, Briten und Deutschen durch diesen Ozean aus Wellblech. Sie schauen sich das echte Südafrika an, zu dem auch Sowetos Heldenboulevard gehört, wo die beiden Nobelpreisträger Nelson Mandela und Desmond Tuto einmal gewohnt haben. Wer will, kann hier sogar richtig Urlaub machen. Bei Mama Lolo’s Bed-and-Breakfast etwa, in einem schmucken Häuschen, Elektrodraht-gesichert in einem aufgeräumten Viertel. Mama Lolo vermietet ihre Zimmer für umgerechnet 33 Euro die Nacht. „Es macht uns stolz“, sagt ein Reiseführer aus Soweto. „Wir waren so lange Besucher in der Welt der Weißen, aber die sind nie zu uns gekommen.“

 

Migranten

Helfen ist kriminell

Kindergärtner, Ärzte, Lehrer oder Anwälte: Menschen, die illegalen Zuwanderern helfen, machen sich strafbar.

Das kann sie teuer zu stehen kommen. Denn wer vor Gericht gezerrt wird, nur weil er Kinder von Illegalen beaufsichtigt oder einem Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigung eine Wurzelbehandlung gegeben hat, braucht einen guten Rechtsbeistand. Eddy Boutmans, 58, ehemaliger belgischer Staatssekretär und Anwalt, bietet gemeinsam mit weiteren Juristen Menschen seine Dienste honorarfrei an, die aus humanitären Gründen Flüchtlinge oder Ausländer unterstützen. Er protestiert damit gegen die Forderung des derzeitigen Innenministers Patrick Dewael, Hilfe für Illegale unter Strafe zu stellen. Erst 2005 hatte die belgische Regierung eine Gesetzesänderung verabschiedet, wonach in Belgien niemand bestraft wird, der Illegale unterstützt. Dafür setzt sich in Deutschland auch das katholische Forum „Leben in der Illegalität“ ein.

 

Menschen 03-2006

JOACHIM FRANZ

Im Sattel für eine gute Sache

Sport ist ihm wichtig, der Kampf gegen Aids noch mehr: Extremsportler Joachim Franz verbindet beides.

Von Alaska nach Feuerland, 23000 Kilometer mit dem Fahrrad — wo ein Normalsportler nur noch mit dem Auto hinterherkommt, blüht der 45-jährige Joachim Franz erst so richtig auf. Die Panamericana, die längste Straße der Welt, fuhr er zusammen mit vier anderen Sportlerinnen und Sportlern als Mannschaftsstaffel in 35 Tagen, das macht im Schnitt fast 700 Kilometer täglich. Ziel der Extremtour ist der Kampf gegen Aids. Seine Mitarbeiter im niedersächsischen Wolfsburg verkaufen jeden seiner gefahrenen Kilometer für zehn Euro an Sponsoren. Damit werden Kinderprojekte in Nepal, Kirgistan und Ghana unterstützt. Außerdem soll auf der Strecke, aber auch in Deutschland, das Bewusstsein für Aids geweckt werden. Die Vereinten Nationen unterstützen die Expeditionen von Joachim Franz’. In diesem Jahr steht eine neue Herausforderung an, diesmal als Bergsteiger: Der rund 7000 Meter hohe Aconcagua, der höchste Berg des amerikanischen Kontinents, soll bezwungen werden — und zwar erstmals gemeinsam mit HIV-positiven Sportlern.

 

HEDDA UND CLAUS BLUMENROTH

Eine Klinik in Kartons

Mit dem Segen des Dalai Lama spendet das Duisburger Ärztepaar Hedda und Claus Blumenroth eine Klinik für Tibeter in Indien.

250 Quadratmeter war die Tagesklinik der Blumenroths in Duisburg groß, und sie bestand aus 5000 Teilen. Das wissen die beiden Ärzte so genau, weil jedes einzelne Stück inzwischen verpackt und in Containern auf den Weg nach Indien gebracht wurde — eine Spende mit dem Segen des Dalai Lama. In Dharamsala in Nordindien soll sie in der Nähe eines tibetischen Klosters wieder aufgebaut werden, um die dort lebenden Exiltibeter medizinisch zu versorgen. Die häufigsten Krankheiten der Menschen sind Magenkarzinome, Lungentuberkulose und Gebärmuttersenkung.

 

PHILIPPE GRÖSCHEL

Schülerzeitung mit Weltblick

Statt fürs Abitur zu büffeln, haben Jugendliche eine Zeitung gegründet, die über das Leben in Entwicklungsländern berichtet.

Welche Hobbys haben Jugendliche im Sudan? Wie sieht der Alltag in einem indischen Waisenhaus aus? Was macht ein Zivildienstleistender in Ghana? „Wir möchten Jugendliche für das Thema Entwicklungshilfe sensibilisieren, indem wir über das Leben und Überleben junger Menschen in anderen Ländern berichten“, sagt Philippe Gröschel. Der 20-jährige Abiturient ist Mit-Initiator der bundesweiten Schülerzeitung [ju:ni:k], die sich mit Themen aus der so genannten Dritten Welt beschäftigt. Anfang des Jahres wurde die erste Ausgabe an 15000 Schulen verteilt. Von den zwei Euro Verkaufspreis fließt die Hälfte in Hilfsprojekte zu Gunsten von Jugendlichen in Entwicklungsländern.