Reportage 01-2006:
Verfluchter Segen
Ein kleines Volk in Nigeria lebt auf goldenem Boden. Aber für die Ogoni ist das Erdöl, das dort
gefördert wird, zur Bedrohung geworden. Zwei Männer suchen Überlebenswege für ihr Volk.
Text: Thomas Wunram
Fotos: Fritz Stark
Die drei Männer stehen am Ufer. Ihre Blicke wandern hinaus in die Lagune, treffen sich dort bei einem
kleinen Boot. Es nähert sich langsam. In der flimmernden Luft sind zwei hagere Gestalten auszumachen –
Fischer, die vom morgendlichen Fang zurückkommen.
Den Einbaum im Blick murmelt Chief Patrick I. Porobunu: „Shell hat uns betrogen.“ Raue, bittere
Worte. „Die haben unser Leben zerstört.“ Vor über 40 Jahren hatten die Shell-Vertreter alles in rosigen
Farben ausgemalt. Wohlstand hatten sie versprochen. Bulldozer kamen und Bohranlagen. Wälder wurden
abgeholzt, Felder umgewühlt, und auslaufendes Öl verwandelte das kleine Paradies in einen giftigen Sumpf.
Die Fischer erreichen das Ufer. Sie ziehen das Boot an Land, sammeln ihren Fang. Der ist mager:
zehn, zwölf kleine Fische – der Lohn für einen halben Tag Arbeit in den einst reichsten Fischgründen
Afrikas.
Seit 1958 hat der Ölkonzern Shell im östlichen Nigerdelta Millionen von Barrel Öl gefördert mit
Milliarden von Gewinnen. Der Preis dafür war die gnadenlose Zerstörung des hoch komplexen Ökosystems
zwischen Mangroven und Regenwald...
Interview 01-2006
„Eine Papstwahl ist wie eine Prinzenproklamation“
Morgens steht er auf der Kanzel, abends in der Bütt. Diakon Willibert Pauels liebt seinen
Beruf genauso wie die Auftritte als Clown auf den kleinen und großen Bühnen des Kölner Karnevals.
Im Grunde, findet er, geht es bei beidem um dasselbe.
„Stopp! Wir machen hier Schluss“, sagt er unvermittelt. Und an den Tontechniker gewandt: „Jetzt
haste Spaß damit, wie de das zusammenkriegst.“ Sofort fällt Willibert Pauels, 51, zurück in den
rheinischen Sing-sang – sofern man das ungestraft behaupten darf. Denn genau genommen ist der Mann
waschechter Wipperfürther und steigt seit zehn Jahren im Kölner Karneval als „bergischer Jung“ in
die Bütt. Gerade hat er im Domradio des Erzbistums seine wöchentliche Kolumne aufgezeichnet und
in launig-heiterer Manier über die Entdeckung des Schweißtuchs von Manopello geplaudert.
Der Mann ist ein Phänomen. Er redet wie gedruckt, ohne Manuskript, und versteht es dabei,
komplexe Sachverhalte so locker an den Mann zu bringen, als würde er im Kegelclub gerade die neuesten
Anekdoten aus dem Kirchenchor zum Besten geben. Kein Wunder, dass Pauels das Predigen – gleich neben
Beerdigen – als seine liebste Aufgabe bezeichnet. Ursprünglich wollte er Priester werden, aber
„meine Hormone wollten nicht“, wie er während des Theologiestudiums feststellen musste....
Lebens.Art 01-2006
Gut, dass wir einander haben
Familien und Singles, Kinder und Rentner: Sie leben zusammen wie eine große Familie und
sind doch keine. Was die Mitglieder des Laurentiuskonvets verbindet, ist der Traum von einer
Gemeinschaft, die stützt und trägt – über die Brüche des Alltags hinweg.
Ka-ra-mel-creeeeme“, kräht der dreijährige Felix. Er ist der Jüngste am Mittagstisch in der
Diemelstraße 3 und ganz offensichtlich ein Fan von Schwester Myriams selbst gerührter Karamelcreme.
In der geräumigen Küche des alten Fachwerkbauernhofs mit der niedrigen Decke ist es kuschelig warm.
Während draußen nasskalter Novemberwind ums Haus streicht, erzählen Vera, 8, und Carla, 6, das Neueste
von der Schule. Ihre Mutter Franziska, 38, die heute für alle gekocht hat, räumt den Tisch ab. Myriam,
54, eine katholische Schwester, und „Onkel“ Wolfgang, 73, Pfarrer in Rente, tauschen Rezeptideen aus,
und Carsten, 38, hört dem munteren Geplappere der Kinder aufmerksam zu. Sie alle leben unter einem Dach,
auch wenn jeder sein eigenes Zimmer oder eine eigene Wohnung hat. Nur Klaus, 39, fehlt, Franziskas
Mann und Vater der drei Kinder. Er arbeitet in einer Bank und trägt mit seinem Einkommen zum
Lebensunterhalt der 8-köpfigen Hausgemeinschaft bei.
Der Laurentiushof in der Diemelstraße 3 liegt mitten in dem 500-Seelen-Ort Wethen,
einem verträumten Bauerndorf zwischen Kassel und Paderborn. Er ist Teil des Laurentiuskonvent e.V.,
einer christlichen Gemeinschaft, die 1959 gegründet wurde und sich vor 30 Jahren hier angesiedelt hat...
Atem.Pause 01-2006
Was ein Alter im Sitzen sieht,
kann ein Junger nicht einmal im Stehen erblicken.
Nigerianisches Sprichwort
Nachrichten 01-2006:
WELTKIRCHE
Bischof regt China-Partnerschaft an
Die kommunistische Regierung im Reich der Mitte ist offenbar bereit, der Kirche in
ihrem Land größeren Spielraum zu gewähren.
Die europäische Kirche soll ihre Kontakte zu China und Nordkorea intensivieren. Mit
dieser Anregung ist der Limburger Bischof Franz Kamphaus von einer Reise in die beiden
Länder zurückgekehrt. Kamphaus ist Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen
Bischofskonferenz. Die Kirche werde in China mittlerweile von immer mehr Intellektuellen als
eine Kulturmacht wahrgenommen, meinte er. Zugleich zeigten staatliche Behörden Interesse an
einem sozial-karitativen Engagement von kirchlichen Organisationen aus dem In- und Ausland.
Hilfe von außen sei auch in Form von Partnerschaften möglich. Es gebe schon erste
Überlegungen für Bistumspartnerschaften, unterstrich Kamphaus. Er appellierte aber auch an
Gemeinden, Kontakte zur Kirche in China aufzubauen.
AIDS
Beschneidung senkt HIV-Risiko
Beschnittene Männer sind vor Aids besser geschützt, haben Forscher ermittelt. Und
warnen vor voreiligen Schlüssen. Beschnittene Männer sind widerstandsfähiger gegen eine
Ansteckung mit dem HIV-Virus als unbeschnittene. Französische Forscher der
Ambroise-Pare-Klinik in Boulogne konnten das durch eine Studie belegen.
Wo genau die Gründe dafür liegen, darüber gibt es jedoch nur Vermutungen. Gemutmaßt
wird, dass sich nach der Beschneidung eine Art dünne, schnell austrocknende Hornhaut bildet,
die die Lebensdauer des Virus vermindert. Zudem sei die Hautfläche des Glieds geringer und
reduziere somit die Angriffsfläche für HIV, so Forschungsleiter Bertran Auvert. Die
Beschneidung sei kein kompletter Schutz vor HIV und sollte kein Grund sein, höhere
Risiken einzugehen.
Auf die Empfehlung, Beschneidungen als Element der Aids-Vorsorge zu nutzen, verzichten
die Wissenschaftler vor allem aus zwei Gründen: zum einen, weil sie um die unhygienischen,
wenig professionellen Praktiken der Beschneidung in vielen Weltgegenden wissen, zum anderen,
weil ein leichtfertigerer Umgang mit der Krankheit befürchtet wird. In dem Irrglauben, die
Beschneidung beuge der Infektion generell vor, könnten herkömmliche Schutzmaßnahmen
vernachlässigt werden.
Die Studie der französischen Forscher umfasste über 3000 Versuchspersonen in
Südafrika zwischen 18 bis 24 Jahren. Die eine Hälfte der Testpersonen war beschnitten. Nach
21 Monaten wurden 20 Fälle mit einer HIV-Infektion in der beschnittenen Gruppe und 49
Personen in der „Vorhaut-Gruppe“ ermittelt. Danach ist das Ansteckungsrisiko bei
beschnittenen Männern um 60 Prozent geringer als bei unbeschnittenen.
PFINGSTKIRCHE
Neuer Dialog
Die katholische Kirche in Brasilien hat sich für einen Dialog mit den Pfingstkirchen
ausgesprochen.
„Bis vor kurzem hielten wir die Pentecostais für exotisch und wenig aussichtsreich und
haben sie als Sekten bezeichnet“, sagt der deutschstämmige Generalsekretär der
Brasilianischen Bischofskonferenz, Bischof Odilo Scherer. Inzwischen mehren sich die Stimmen
für eine Zusammenarbeit. Dies fordert auch Padre Jose Bison aus Sao Paulo, der den Dialog
mit den Pfingstkirchen koordinieren soll.
Die evangelikalen Gemeinschaften sind vor allem bei Menschen mit niedrigem Einkommen
erfolgreich. Während sich in der katholischen Kirche Brasiliens 15000 Gläubige einen
Priester teilen müssen, kommt bei vielen Pfingstkirchen ein Pfarrer auf 500 Anhänger - ein
seelsorglicher Betreuungsbonus insbesondere in schwierigen Zeiten. Inzwischen gehören 15
Prozent der Brasilianer evangelikalen Gemeinschaften an, fast doppelt so viele wie vor zehn
Jahren.
CHINA
Gegen Todesstrafe
Juristen in China haben die Abschaffung der Todesstrafe gefordert. In der
Kommunistischen Partei ist das Thema weiter tabu.
„Die Abschaffung der Todesstrafe ist Zeichen einer hohen Zivilisationsstufe“, betonte die
Professorin Yue Liling während des Kongresses in Peking laut einem Bericht der tageszeitung
(taz). Die Worte der Professorin überraschen, da in der Kommunistischen Partei das Thema
tabu ist.
In der Volksrepublik wurden nach Angaben von Amnesty International 2004 durch die
Justiz 3400 Menschen hingerichtet, das sind mehr als in allen anderen Ländern zusammen. Ein
Abgeordneter des Nationalen Volkskongresses vermutet, dass die Zahl der Hinrichtungen bei
jährlich 10000 liegt. Teilnehmer des Kongresses forderten, die Todesstrafe nur bei
Schwerverbrechen zu verhängen und nicht wie bisher für knapp 70 Vergehen, und sie
langfristig abzuschaffen.
In der chinesischen Bevölkerung ist diese Meinung nicht verbreitet: Hier befürworten
über 90 Prozent die Todesstrafe.