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PORTRÄT
Titus Müller„Der Herr der Worte“In seinem Kopf stecken jede Menge ungeschriebener Bücher. Ein bisschen Sorgen macht der missionarisch veranlagte Autor Titus Müller sich schon manchmal, dass seine Lebenszeit nicht ausreichen könnte, um sie zu schreiben. Das würde er am liebsten direkt mit Gott klären. Ich fürchte manchmal, er könnte mich für zu aufdringlich halten.“ Aber für Titus Müller ist es so selbstverständlich, mit Gott zu reden und zu leben, dass ihm gar nichts anderes übrig bleibt, als mit ihm in einer Art Dauergespräch zu sein. Doch wenn der 32-jährige Schriftsteller Gott mal um einen kreativen Schubs bittet, dann fragt er sich manchmal: „Darf ich das überhaupt? Er hat doch bestimmt gerade ganz andere Sorgen.“ Titus Müller hat ein faszinierendes Verhältnis zu Gott: Einerseits kennt er sich aus in der modernen Theologie. Andererseits hat er sich viel vom — manchem naiv anmutenden — Staunen des Kindes bewahrt, das sich bei Gott wie in den Armen der Mutter geborgen fühlt. Er lebt einen erfrischend persönlichen, buchstäblich familiären, vertrauten Glauben. Titus Müller schreibt historische Romane. Das liegt nicht nur an seiner Leidenschaft für frühere Epochen, besonders für das Mittelalter. Ganz bewusst hat er sich dafür entschieden, weil er mit seinen Werken unaufdringlich missionieren möchte. Und das geht leichter, wenn die Menschen etwas Abstand zu der erzählten Geschichte haben, ist er überzeugt. „Es gibt so viel Schönheit in der Schöpfung! Überall sind Spuren von Gott. Es gibt so viele schöne Dinge, es gibt Lieder, Fantasie…“ Und es gibt die großen Fragen nach dem Sinn, dem Warum, dem Bösen und dem Guten. Die Leser erleben all das in Titus Müllers Büchern mit seinen Figuren, in deren Leben. Wenn es gut läuft, fragen sie sich danach: „Und wo sind Gottes Spuren in meinem Leben? Was ist sein Weg für mich?“ Aufdringlich sein will Titus Müller nicht. Er sagt: „Ich liefere nur den Zucker, der oben drauf liegt, wie bei der Schluckimpfung im Kindergarten.“ Das womöglich Bittere darunter, die vielleicht unbequemen und anstrengenden Lebensfragen und -entscheidungen sind dann Sache des Lesers. Und Sache Gottes.
Christliche Kindheit in der DDR
Ohne die Wende oder auch Friedliche Revolution von 1989 wäre Titus Müller heute wohl Bäcker. Das jedenfalls war der Plan des gebürtigen Leipzigers, „obwohl ich nicht kochen kann und in der Küche eine Katastrophe bin“, wie er mit seinem offenen Lachen und typischer Selbstironie sagt. Aber in der DDR hätte der Christ Müller, der Siebten-Tages-Adventist ist, nicht studieren dürfen. „Und ich hätte auch kein Buch veröffentlichen dürfen.“ Immer war der Druck da, sich den Thälmannpionieren anzuschließen, der Partei. Wer das nicht wollte und wer offen als Christ lebte, hatte keine Chance in dem selbsternannten „sozialistisch-demokratischen “ Staat. Aus der schwierigen Kindheit flüchtet Titus ins Lesen und früh schon ins Schreiben. Eine positive Erinnerung ist für ihn, dass unter diesen Umständen in der DDR der Zusammenhalt unter den Christen aller Kirchen und Konfessionen viel stärker war, als er es heute erlebt, erinnert sich der Autor. Für ihn haben sie alle ihre Daseinsberechtigung, denn: „Gott sucht sich seine Wege zum Menschen“ — und bietet für jeden die richtige Religion, die richtige Kunst, den richtigen Weg, auf dem der Mensch ihm begegnen kann. Titus Müllers Vater ist Pastor der Adventisten, die im 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten gegründet wurden. Sie beachten die Zehn Gebote streng, leben in der Erwartung der Wiederkehr Christi und heiligen den Sabbat. Daher schreibt auch Titus samstags keine Zeile, nicht einmal ein Wörtchen. Egal, wie schnell die Ideen durch sein Hirn sausen. Auch sonst ist der Tag für ihn ein strenger Ruhetag, nicht einmal einkaufen gehen möchte er dann mit seiner Freundin. Kommt er nie in Versuchung, den Roman, der in Arbeit ist, weiterzuschreiben? „Nein“, sagt er, „ich glaube, dass wir Menschen so gebaut sind, dass wir alle sieben Tage eine Pause brauchen. Ich finde das auch sehr angenehm. Druck habe ich ja jeden Tag, da ist es schön, mal loslassen zu können und zu entspannen.“ Vier bis sechs Seiten schreibt Titus Müller pro Tag. Selbstkritisch und mit viel Lust geht er dann daran, den Text wie ein Bildhauer so lange zu bearbeiten, bis jedes Wort an seinem Platz sitzt und seine Aufgabe erfüllt: hervorzuragen oder seine Mitworte zu stützen. „Das hat etwas Berauschendes“, sagt er mit seinen leuchtenden Augen über das Feilen, Kürzen, Umschreiben. Titus schreibt, wie er spricht: Klar, offen, leicht verständlich. Auch wenn er von sich sagt, die typische Eitelkeit des Künstlers zu besitzen und ganz unchristlich nach dem Ruhm zu streben: Er rückt sich selbst weder im Buch noch im Gespräch in den Mittelpunkt. Den Leser lässt er seine liebevoll von ihm begleiteten Figuren unvoreingenommen entdecken. Sympathie für die bösen FigurenIn seinem neuesten Buch „Die Jesuitin von Lissabon“, das Anfang März zur Leipziger Buchmesse erscheinen wird, ist Jesuitengeneral Gabriel Malagrida so eine Figur. Machtgeil, brutal, eiskalt. Er verschweigt den Menschen von Lissabon im Jahr 1755, dass ein Erdbeben naht, obwohl er die Zeichen der Erde deuten kann. Stattdessen spricht er nur prophetisch davon, dass etwas bevorsteht. Sein Ziel: Das Erdbeben später als Strafe Gottes darzustellen, sich selbst als großen Propheten und die Jesuiten als die einzig wahre Macht, der man trauen und folgen sollte. Und doch: Man kann Malagrida nicht nur negativ betrachten. Da sind diese Momente, als sich der ehemalige Missionar zu „seinen“ Indios an den Amazonas zurücksehnt. Leicht kolonialistisch mutet das zwar an, aus heutiger Sicht, aber man spürt eine Sehnsucht dahinter, Träume, das Menschliche in Malagrida. Und man beginnt sich zu fragen, was Menschen formt. Und verformt. Das verheerende Erdbeben von Lissabon, Malagrida — beide sind historische Tatsachen. Titus Müller recherchiert viel für seine Werke. Genauigkeit ist ihm wichtig. Seine Recherche beschränkt sich nicht auf Bibliotheken, Gespräche oder Reisen zu den Schauplätzen. Titus Müller probiert vieles aus: Reiten etwa oder mit einem Schwert zu kämpfen. Dass er einmal auf einem Robbenfängerschiff mitgefahren und in Seenot geraten ist, hat ihm geholfen, das Erdbeben von Lissabon zu schildern. Wenn ein Buch fertig ist, fängt Titus gleich das nächste an. In seinem Kopf warten noch viele Geschichten darauf, in Worte gefasst zu werden. Am liebsten würde er mit Gott direkt darüber verhandeln, dass er genug Zeit bekommt, um all diese Geschichten aufzuschreiben. Und alles zu lernen und zu erleben, was ihn an der Welt fasziniert. Auch hier ist Titus selbstkritisch: „Ich würde gerne 300 Jahre alt werden, 1000 wäre toll. Aber ich kenne mich: Ich würde dann 10000 fordern.“ „Ich bin ein Gottsucher“Hat er Angst vor dem Tod? „Nein“, sagt er, „der gehört zu der gefallenen Welt. Und er schärft den Blick für das Leben.“ Fragen, die er Gott nach dem Tod von Angesicht zu Angesicht gerne stellen würde, hätte er zwar schon genug. Aber die Leidenschaft für die Welt und die Neugier auf das Leben sind zu groß, um sich schon dorthin zu wünschen. Nur eins noch dazu: Was soll man ihm später einmal nachsagen? Titus muss nicht lange überlegen: „Er hat nie verlernt zu staunen.“ Manchmal stört es ihn als Christ, „dass ich so wenig über Gott weiß“. Weil das menschliche Maß ihn nicht fassen kann. „Ich bin ein Gottsucher“, sagt Titus, „und werde es mein Leben lang bleiben.“ Auch deshalb, weil Gott immer wieder neu seine Fußspuren in der Welt hinterlässt und man sie jeden Tag neu entdecken muss. Titus Müller tut dies — und wird seine Leser auch künftig auf Gottes Spur setzen. Hildegard Mathies
ZUR PERSONPreisgekrönter AutorTitus Müller wurde 1977 in Leipzig geboren. Er studierte unter anderem Literatur und Mittelalterliche Geschichte. Für seine Romane erhielt er
mehrere Auszeichnungen, darunter im Jahr 2008 den Sir Walter Scott-Preis. Er sagt von sich: „Ich bin Sammler, Staunender und Entdecker von
Beruf.“ Einige seiner Bücher: „Der Kalligraph des Bischofs“, „Die Priestertochter“, „Das Mysterium“
und „Die Brillenmacherin“. Außerdem veröffentlicht er Bücher zur Lebenskunst.
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