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HINTERGRUNDWohlgeschmack und WiderwilleAndere Völker, andere Sitten: Thailänder finden Insekten außerordentlich lecker, Europäer ekeln sich eher davor. Dabei würden
sie wahrscheinlich viele exotische Köstlichkeiten mögen — mit verbundenen Augen. Ein Plädoyer zur Überwindung der kulinarischen Feigheit.
Na, läuft Ihnen beim Anblick der Heuschreckenspießchen das Wasser im Mund zusammen? Oder wird Ihnen schon beim bloßen Gedanken übel, sich die Krabbelbeine dieses Insektes einzuverleiben und genüsslich auf seinem Chininpanzer herumzukauen? Dann gehören Sie — weltweit gesehen — eindeutig zu einer Minderheit. Nicht nur in „unterentwickelten“ Gesellschaften, sondern auch in vielen der höchst entwickelten Zivilisationen dieser Welt gehören Insekten zur alltäglichen Kost. Gegrillt oder gekocht, mit ein bisschen Salz und einem Gläschen trockenen Weißwein dazu — vieles ist einfach eine Frage der Zubereitung. Und warum — in Zeiten grenzenlosen Reisens — nicht einmal seinen kulinarischen Horizont erweitern und etwas riskieren? Wer Interesse an fremden Kulturen hat, sollte sich auch offen für die Essensgewohnheiten der Bewohner eines Landes zeigen und mehr als nur einen Blick in andere Kochtöpfe werfen, rät Jerry Hopkins, Fachmann in Sachen skurriler Nahrung. Globalisierung beginnt im Kochtopf „Als passionierter Reisender empfehle ich jedem, der meine Leidenschaft für neue Orte und Menschen teilt, sich an den guten alten Rat zu halten: ,In Rom tu, was Rom tut‘ — man passe sich seiner Umgebung an. Probieren Sie das einheimische Essen — ich glaube, damit lässt sich eine Kultur besser verstehen, als wenn man die fremde Sprache lernt, eine Einheimische heiratet oder zur örtlichen Religion konvertiert. “ Tatsächlich begann die Globalisierung wahrscheinlich nirgends so früh wie in den Kochtöpfen. Nahrungsmittel wie Kartoffeln, Mais, Tomaten, Auberginen oder Kakaobohnen, die die Eroberer aus Südamerika mitbrachten, haben die Ernährungsgewohnheiten in Europa revolutioniert. Wir haben uns an Nahrungsmittel gewöhnt, die uns früher fremd und vielleicht sogar ekelig erschienen. Mit Knoblauch verbanden wir den ätzenden Geruch von Menschen, die aus den armen Mittelmeerländern als Gastarbeiter zu uns kamen. Heute würzen die Deutschen ihre Speisen selber gerne mit viel „Knofel“. Und wer hätte gedacht, dass die Vorliebe der Japaner für rohen Fisch, Sushi, hierzulande hoffähig werden könnte? Demgegenüber verschwinden einstige Spezialitäten von unseren Speiseplänen, weil sie gesundheitstechnisch nicht mehr opportun scheinen. Die gute alte Kalbsleber zum Beispiel oder andere Innereien. Spätestens mit dem „Rinderwahn“ kamen plötzlich Strauß, Känguru und anderer Rinderersatz ins Gespräch. Und immer mehr Menschen fingen an, diese „skurrilen Spezialitäten“ als Nahrungsalternativen ernst zu nehmen. Also: Warum nicht auch Gemüsecurry mit Ameiseneiern, frittierte Spinnen, Ratteneintopf, marinierte Fledermäuse oder Quallensalat? Verdaulich und verträglich sind sie allemal für die menschliche Spezies. Und nahrhaft sowieso. Insektenfleisch zum Beispiel ist ernährungswissenschaftlich betrachtet fast so nahrhaft wie rotes Fleisch oder Geflügel. Einhundert Gramm afrikanische Termiten enthalten 610 Kalorien, 38 Gramm Protein und 46 Gramm Fett. Zum Vergleich: Ein hundert Gramm schwerer, gebratener, mittelfetter Hamburger enthält nur 245 Kalorien, 21 Gramm Protein und 17 Gramm Fett. Allerdings ist die Qualität der Insekten-Proteine gemessen an ihren Aminosäure-Werten ein wenig unvorteilhafter gegenüber rotem Fleisch, Geflügel oder Fisch. „Nee“, höre ich Sie sagen, „ das krieg ich bei bestem Willen nicht runter!“ Und wahrscheinlich heben sie die Oberlippe, rümpfen die Nase und kneifen die Augen zu. Diese typische Ekel-Mimik ist rund um den Erdball gleich. Nur die Geschmäcker sind extrem verschieden. Speisen, zu deren Genuss man sich einfach nicht überwinden kann, kennt jeder. Auch der Indianer am Amazonas oder der Chinese. Letzterer ekelt sich zum Beispiel vor unserer köstlichen Kuhmilch. Und warum? Weil er sie einfach nicht verträgt. Ihm fehlt — wie übrigens den meisten Menschen in Asien, Afrika und Ozeanien — ein bestimmtes Gen, das für die Produktion des Enzyms Laktase verantwortlich ist. Das hilft die komplexen Milchzuckermoleküle aufzuspalten und zu verdauen. Genau genommen sind wir also die Exoten. Nur wir Menschen des Nordens können abnormerweise Laktose absorbieren. Das verdanken wir wahrscheinlich besonderen Umständen vor Tausenden von Jahren, die uns zwangen, Milchtrinker zu werden. Weil Milch in besonders großer Dosis bereitstellte, was der Nordeuropäer möglicherweise in außergewöhnlich großer Menge brauchte. Vermutlich ging es um Kalzium, das der Körper für den Aufbau, die Erhaltung und die Regeneration der Knochen braucht. Der Chinese dagegen war offenbar niemals durch seine Umwelt oder Lebensweise dazu gezwungen, seinen Kalziumbedarf aus der Milch zu decken. Umgekehrt sind viele Gesellschaften darauf angewiesen, ihren Proteinbedarf aus dem Verzehr von Insekten zu decken. Und sei es, um andere Nahrungsquellen dadurch zu schützen: Vor einigen Jahren gab es in Thailand eine Insektenplage. Die Behörden empfahlen den Landwirten, die gefräßigen Tiere kurzerhand selber aufzuessen, die ihnen 60 Prozent der Ernte vertilgt hatten. Das sei der beste Weg, den Lebenszyklus dieser Insekten zu unterbrechen und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu verhindern. Dieses Prinzip der „Schadloshaltung an den Schadensstiftern“ finden wir bereits im Alten Testament. Wegen ihrer vernichtenden Wirkung auf Feldfrüchte und Viehfutter wird die Heuschrecke im 3. Buch Mose vom Verbot des Insektenverzehrs ausgenommen (Kap. 11,22). Vergöttert oder verabscheut Der Ethnologe Marvin Harris behauptet, Menschen hätten für das, was sie tun, normalerweise gute und ausreichende praktische Gründe, und davon seien die Essgewohnheiten nicht ausgenommen. Einschließlich ihrer Tabus. Ob eine Tierheit zur Gottheit gemacht oder verabscheut werde, hänge davon ab, ob sie sonst noch einen Nutzen hat oder nur schädlich ist. „Eine heilige Kuh bei den Hindus, die nicht gegessen wird, liefert Ochsen, Milch und Dung. Sie wird vergöttlicht. Ein Pferd, das nicht gegessen wird, gewinnt Schlachten und pflügt Felder. Es gilt als edles Tier. Ein Schwein, das nicht gegessen wird, ist nutzlos — weder pflügt es die Felder, noch gibt es Milch, noch gewinnt es Kriege. Deshalb wird es — wie bei Muslimen und Juden — verabscheut. Insekten, die nicht gegessen werden, sind schlimmer als Schweine, die nicht gegessen werden. Sie verschlingen nicht nur die Frucht auf den Feldern, sie fressen uns auch das Essen vor der Nase vom Teller weg, beißen uns, stechen uns, verursachen Juckreiz und trinken unser Blut. Sie sind durch und durch schädlich und haben nicht den geringsten Nutzen.“ Womit wir wieder zu unserer Abscheu vor Insekten und auf die kulinarischen Herausforderungen unseres Reisealltags zurückkomen: Was tun, wenn man eine Speise vorgesetzt bekommt, zu deren Genuss man sich einfach nicht überwinden kann? Ein Spießchen mit gegrillten Heuschrecken in China zum Beispiel. Die pure Fettschwarte vom Hammel, die in einem klimatisch ruppigen Land wie der Mongolei als das Beste vom Fleisch gilt. Das Auge einer Ziege, weil es in vielen Gesellschaften als Delikatesse gilt und dem Ehrengast gebührt? Höflich ablehnen oder Augen zu und durch? Nicht einmal der Knigge weiß hier Rat. Im Gegenteil: Von Südamerika bis China empfiehlt er, alles zu kosten, was man Ihnen vorsetzt. „Speisen mit angewiderter Mimik ablehnen“ ist absolut tabu. „Probieren Sie von allem. Denken Sie notfalls dabei an etwas Anderes.“ Auch der Gourmet-Abenteurer Jerry Hopkins empfiehlt, seine kulinarische Feigheit zu überwinden und seinem Kopf ein Schnippchen zu schlagen. Meistens sei es ja die Vorstellung, die den Verzehr eines Wesens so schwierig mache. Gar nicht sein tatsächlicher Geschmack. „Nach meiner Theorie können Sie so gut wie alles essen — vielleicht sogar Ihre Socken — wenn es in Öl frittiert und dann mit einer pikanten Dippsauce serviert wird.“ Generell rät er, sich vor exotischen Mahlzeiten immer ein bisschen Mut anzutrinken und problematische Brocken im Zweifelsfall mit einem kräftigen Schluck herunterzuspülen. Ansonsten hilft nur noch die kleine aber unschlagbare Notlüge: „Tut mir Leid, aber ich bin Vegetarier.“ Wollen Sie mehr lesen? Bestellen Sie kostenlos ein Probeheft.
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